Verunsichert Stiftung Warentest Patienten? Jedes 4. rezeptfreie Medikament „wenig geeignet“ – was ein Pharmakologe sagt

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

10. Juli 2019

Was taugen rezeptfreie Arzneimittel? Die Stiftung Warentest hat 2.000 rezeptfreie Medikamente untersucht. Das Ergebnis: Jedes vierte untersuchte Mittel ist „wenig geeignet“. Unter den 500 „wenig geeigneten“ finden sich Bestseller und Kombi-Präparate.

Oft kritisierten die Experten von Stiftung Warentest die Zusammensetzung der Wirkstoffe als nicht sinnvoll – wie etwa bei Schmerzmitteln (z.B. Doppel Spalt Compact, Neuralgin®, Vivimed®, Thomapyrin®), aber auch bei Erkältungsmitteln (wie Doregrippin®, Grippostad® C, Wick DayMed) oder bei Mitteln gegen Halsentzündungen (z.B. Dolo-Dobendan®, Dorithricin®). Auch Mittel gegen Sodbrennen wie Gaviscon Advance Pfefferminz Suspension oder Retterspitz Wasser innerlich erhielten von der Stiftung das Label „wenig sinnvoll“.

„Wenig überrascht“ von dem Ergebnis – vor allem bei den Schmerzmittel-haltigen Kombinationspräparaten und den Kombinationspräparaten gegen Erkältungen – zeigt sich Prof. Dr. Thomas Wieland, Leiter der Experimentellen Pharmakologie Mannheim (EPM) und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie (DGP).

„Gerade im Schmerzmittelbereich gibt es althergebrachte Präparate, die Kombinationen aus 2 schmerzdämpfenden Wirkstoffen und Koffein enthalten. Koffein mag eine nicht unumstrittene Wirkung bei Migräne haben. Doch bei Schmerzen ist ein Wirkstoff allein ausreichend; Koffein wirkt hier nur anregend. Bei 2 Wirkstoffen mit gleicher Wirkart in niedriger Dosierung steigt lediglich das Nebenwirkungsspektrum an. Aus pharmakologischer Sicht ist die Einnahme solcher Präparate deshalb wenig sinnvoll“, erklärt Wieland im Gespräch mit Medscape.

Achtung Cocktailpräparate: Die Wirkung lässt sich schlecht steuern

Unter den Kombi-Präparaten gegen Erkältungen gibt es zum Beispiel ein Cocktailpräparat, das neben Alkohol Doxylamin, Ephedrin, Paracetamol und Dextromethorphan enthält: „Das Mittel macht müde, erleichtert das Einschlafen, und eventuell wird die Nase freier und der Hustenreiz gedämpft. Es kann schon sein, dass es einzelnen Patienten damit besser geht, aber grundsätzlich sollten Erkältungssymptome gezielt behandelt werden“, erklärt Wieland: Bei Kopfschmerzen ein Schmerzmittel, bei verstopfter Nase ein Schnupfenspray, das die Schleimhäute abschwellen lässt. „Aufgrund der vielen Inhaltsstoffe lässt sich die Wirkung auf den Körper bei solchen Cocktailpräparaten eher schlecht steuern“, so der Experte.

 
Aufgrund der vielen Inhaltsstoffe lässt sich die Wirkung auf den Körper bei solchen Cocktailpräparaten eher schlecht steuern. Prof. Dr. Thomas Wieland
 

Wieland betont, dass bei den Kombipräparaten gegen Halsschmerzen vor allem diejenigen besonders ungeeignet sind, die zusätzlich ein lokales Antibiotikum wie Tyrothricin enthalten: „Das sind gefährliche Mittel. Sie sind nicht nur gering wirksam – denn mit dem lokalen Antibiotikum werden allenfalls Bakterien an der Schleimhautoberfläche erreicht – sie sind auch wegen der möglichen Resistenzbildung kritisch zu sehen.“

Auch Abführmittel wie Kapseln mit Rizinusöl oder Aloe sind ungeeignet, weil sie den Darm zu stark reizen und längerfristig zu Kaliumverlusten führen können. Eine gute Alternative für die gelegentliche Anwendung sei z. B. aufgequollener, ungeschroteter Leinsamen, den man in den Joghurt mischen könne, empfiehlt der Experte.

Wirksamkeitsstudien der Hersteller oft zu kurz

Ein unabhängiges Gremium aus Medizinern, Pharmazeuten und Pharmakologen hat vor kurzem für Stiftung Warentest Untersuchungen zu Tausenden von Medikamenten bewertet, darunter auch Studien, die nicht die Hersteller selbst gemacht hatten. Die Experten achteten dabei nicht nur auf die Wirksamkeit, sondern auch auf die langfristigen Folgen und darauf, ob das Mittel einen hohen Nutzen für den Patienten hat.

„Nur weil ein Arzneimittel in Deutschland zugelassen ist, muss es nicht empfehlenswert sein“, bestätigt Prof. Dr. Gerd Glaeske, dessen Team für Stiftung Warentest die Medikamente untersucht hat. 

Strengere Kriterien als Zulassungsbehörden

„Viele Wirksamkeitsstudien der Hersteller genügen den Ansprüchen unseres Fachgremiums nicht“, schreibt Stiftung Warentest dazu. „Die Studien laufen oft zu kurz“, ergänzt Glaeske: „Nebenwirkungen, die häufig erst nach längerer Einnahme entstehen, lassen sich so nicht erkennen.“

Auch die Kriterien dafür, welche Studien in die Bewertung einfließen, nahmen die Gutachter von Stiftung Warentest strenger als die Zulassungsbehörden: Glaeskes Team sichtete alle veröffentlichten Untersuchungen zu einem Medikament – nicht nur solche, die der Hersteller durchgeführt hatte, sondern z.B. auch welche, die aus der üblichen Patientenversorgung stammten. Außerdem mussten die Studien hohen qualitativen Standards genügen und in einer renommierten Fachzeitschrift erschienen sein.

35 der wenig geeigneten rezeptfreien Medikamente hat Stiftung Warentest in einer frei zugänglichen Datenbank zusammengestellt.

Verunsichern die Ergebnisse die Patienten?

„Die Aussage, dass jedes vierte rezeptfreie Arzneimittel keine gute Wahl sei, ist unseres Erachtens unzulässig und verunsichert Patienten. Ob ein auf seine Wirksamkeit und Sicherheit geprüftes rezeptfreies Arzneimittel empfehlenswert ist, sollte immer im Einzelfall – am besten im Gespräch mit dem Arzt oder Apotheker – bewertet werden“, schreibt Dr. Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller e.V. (BAH) in einer Pressemitteilung. „Diese Arzneimittel sind aus gutem Grund beliebt. Sie erfüllen ja offensichtlich die Erwartungen der Patienten“, ergänzt Kroth.

 
Die Aussage, dass jedes vierte rezeptfreie Arzneimittel keine gute Wahl sei, ist unseres Erachtens unzulässig und verunsichert Patienten. Dr. Elmar Kroth
 

Rezeptfreie Arzneimittel seien – wie alle Arzneimittel in Deutschland – behördlich zugelassen und auf ihre Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit hin geprüft. Sie seien in der Mehrzahl seit vielen Jahren erprobt und gerade aufgrund ihres besonders günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses nicht verschreibungspflichtig.

„Rezeptfreie Arzneimittel werden in der Regel bis zum Abklingen der Symptome angewendet. Aussagen zur längeren Einnahme sind somit unbegründet. Empfiehlt ein Arzt oder Apotheker ein rezeptfreies Arzneimittel oder hat der Patient selbst positive Erfahrungen damit gemacht, kann er es in der Regel ohne Bedenken anwenden. Selbstverständlich müssen immer die Hinweise in der Packungsbeilage beachtet werden“, so Kroth.

Generelle Verschreibungspflicht ist keine Alternative

Pharmakologe Wieland rät dagegen von der Einnahme der 500 als „wenig geeignet“ bewerteten Medikamenten eher ab. Er warnt aber auch vor einer Generalisierung und Übertragung der Ergebnisse auf alle rezeptfreien Medikamente. „Viele Wirkstoffe sind sicher und für die verantwortliche, kurzeitige Therapie auch geeignet.“

Dass die Einnahme mancher rezeptfreien Medikamente nicht sinnvoll ist, Patienten aber – auch aus psychologischen Gründen – gerne solche Präparate kaufen, ist aus Wielands Sicht ein Dilemma.

Ein gutes Beispiel seien die genannten Cocktailpräparate: „Die Einnahme ist aus ärztlicher Sicht nicht sinnvoll. Für den einzelnen Patienten spielen aber auch andere Aspekte eine Rolle. Eine junge Patientin mit Husten, Schnupfen und leichtem Fieber sagt dann beispielsweise: ‚Es ist für mich einfacher, dieses eine Präparat zu nehmen, statt verschiedene Mittel, außerdem kann ich damit schlafen.‘ Bei einem jungen, ansonsten gesunden Patienten ist das auch unbedenklich. Bei einem älteren Patienten der eventuell schwerwiegende Vorerkrankungen hat, kann das schon anders aussehen“, erklärt Wieland.

Durch kleine Packungsgrößen und geringe Dosierungen pro Tablette werde z.B. bei rezeptfreien Schmerzmitteln versucht sicherzustellen, dass die Mittel nicht langfristig ohne ärztliche Kontrolle eingenommen werden.

„Doch das funktioniert nur bedingt und ist ein zweischneidiges Schwert. Ein Patient mit Rückenschmerzen kauft eine Schachtel Ibuprofen mit 10 Tabletten à 400 mg und nimmt eine Tablette. Weil er danach immer noch Schmerzen hat, nimmt er noch eine zweite Tablette. Die Menge 800 mg in einer Dosis ist aber eigentlich schon verschreibungspflichtig“, erklärt Wieland.

Bleibt es nicht bei der kurzfristigen Anwendung, sind Nebenwirkungen wie Ulcera im Magen-Darm-Bereich möglich. Dabei steigt natürlich mit der Dosis das Risiko für Nebenwirkungen.

Medikamente generell verschreibungspflichtig zu machen, sei aber keine Alternative, betont Wieland: „Denn das hieße, dass jeder mit Kopfschmerzen beim Arzt vorstellig wird. Doch vielleicht sind es nur leichte Spannungskopfschmerzen, gegen die eine Schmerztablette – die man rezeptfrei bekommt – eben schon helfen würde.“

 

Kommentar

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