Rollen oder nicht Rollen – das ist die Frage: Studie spricht gegen Nutzen des Foam Rollings für die Faszien

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

2. Juli 2019

Die wissenschaftliche Evidenz zum gesundheitlichen Nutzen von Faszienrollen ist gering. So lautet jedenfalls das Fazit von Dr. Christian Baumgart, Laborleiter am Forschungszentrum für Leistungsdiagnostik und Trainingsberatung an der Bergischen Universität Wuppertal.

Mit seinem Team am Institut für Sportwissenschaft hat er untersucht, welche Belastungen beim Rollen auf bestimmte Körperregionen einwirken und inwiefern sportliche Leistung und Muskelspannung durch das Rollentraining beeinflusst werden. Die Ergebnisse haben die Wissenschaftler jetzt beim Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologischen Sportmedizin (GOTS) in Salzburg vorgestellt [1].

Nutzen und Schaden wenig untersucht

Auf dem ersten Faszien-Forschungskongress 2007 an der Harvard Medical School in Boston, USA, wurden erstmals Ultraschallbilder gezeigt, die Veränderungen an den Faszien nach der Massage mit den Schaumstoffrollen zeigten. Seitdem erfreuen sich Faszienrollen bei Breiten- und auch Leistungssportlern großer Beliebtheit, um Versteifungen und Verspannungen nach dem Training zu lösen, so unter anderem auch bei Spielern der Deutschen Fußball Nationalmannschaft.

 
Im Vergleich zu den vielen Versprechungen zum gesundheitlichen Nutzen sind die wirklich nachgewiesenen Effekte erstaunlich gering. Dr. Christian Baumgart
 

Aber Sportmediziner wie Baumgart tun sich mit Empfehlungen für die Hartschaum-Rolle schwer, da Kurz- und erst recht Langzeiteffekte des Rollens sowie mögliche Schädigungen noch zu wenig untersucht sind.

„Im Vergleich zu den vielen Versprechungen zum gesundheitlichen Nutzen sind die wirklich nachgewiesenen Effekte erstaunlich gering“, sagt Baumgart im Gespräch mit Medscape. Befürworter des Rollens argumentieren mit einer Unterstützung des Aufwärmens, einer verbesserten Regeneration und Senkung des Muskeltonus und sogar mit einer Steigerung der sportlichen Leistung nach dem „Foam Rolling“.

In der kleinen Studie von Baumgart und Kollegen zeigten sich allerdings keinerlei unmittelbare Auswirkungen des Rollens auf die vertikale Sprunghöhe und nur geringe Effekte auf die Muskelspannung, so das ernüchternde Fazit der Expertengruppe.

Auch die häufig propagierten Wirkungen auf die Faszien, die Weichteil-Komponenten des Bindegewebes also, stellt Baumgart in Frage: „Faszien sind sehr dünn, und die Wirkung einer reinen Kompression ist fraglich“, so seine Erfahrung. „Ich bin daher skeptisch, dass das Ausrollen fasziale Verklebungen lösen kann“, sagt er gegenüber Medscape.

Baumgart zieht sogar eine mögliche Schädigung durch das Rollen mit hohem Druck in Betracht. „Langfristige Folgen und gesundheitliche Risiken können mitunter größer sein, wenn das intensive Rollen zum Beispiel Schäden an den Venenklappen verursacht“, bemerkt er. Schädigungen von Haut, Unterhaut, Knochen und Muskeln seien ebenfalls denkbar. Das sei jedoch bislang, genau wie die möglichen positiven Effekte, wenig untersucht worden.

 
Langfristige Folgen und gesundheitliche Risiken können mitunter größer sein, wenn das intensive Rollen zum Beispiel Schäden an den Venenklappen verursacht. Dr. Christian Baumgart
 

„Über die Wirkungsmechanismen des ,Foam Rollings‘ wissen wir momentan noch sehr wenig“, resümiert Baumgart. Unklar sei etwa, ob durch das Rollen wirklich eine strukturelle Veränderungen eintrete oder lediglich die Schwelle des Dehnungsschmerzes herabgesetzt werde. „Bislang gibt es keine Studie, die belegt, dass es zu Veränderungen des Gewebes kommt.“

Hohe Druckwerte; keine Leistungssteigerung

In seiner Studie mit 20 gesunden männlichen Freizeitsportlern (Durchschnittsalter 27 Jahre) hat er die biomechanischen Kräfte untersucht, die beim Rollen auf die entsprechenden Körperteile wirken, und akute Auswirkungen auf die vertikale Sprunghöhe und auf die Muskelspannung gemessen.

Dazu durchliefen die Probanden im Crossover-Studiendesign jeweils 2 Wochen lang 3 unterschiedliche Interventionen (dazwischen jeweils 1 Woche Pause):

  • Ausrollen der Waden und der vorderen Oberschenkel (2 häufige Übungen mit der Faszienrolle) für 2x1 min pro Muskelgruppe unter Anleitung mit einer dichten Hartschaumrolle (Länge 30cm, Durchmesser 15 cm; BLACKROLL®)

  • 10 min Training auf dem Fahrrad-Ergometer

  • Entspannung auf einer Massageliege als Kontroll-Intervention

Die Tests wurden mehrere Tage vor und nach der jeweiligen Intervention sowie 15 und 30 Minuten nach den Übungen durchgeführt. Die Muskelspannung wurde mittels Mechanomyographie (MMG) gemessen.

Während des Rollens wirkte auf den Oberschenkel im Mittel eine Belastung von 32%, auf die Wade von 34% des Körpergewichts ein. „Das ist schon eine starke Belastung“, sagt Baumgart. „Wichtig ist, dass die Maximalwerte mit 51 bis 55 Prozent wesentlich höher ausfallen“, bemerken die Wissenschaftler in ihrer Publikation.

Auf Rollen mit harten Noppen seien die Spitzendrücke noch höher, sagt Baumgart, ebenfalls beim Ausrollen des Rückens. Diese starken Kompressionen auf das Gewebe können Bindegewebe, Nerven, Gefäße oder Knochen schädigen, warnt er. Diese Gefahren müssen weiter untersucht werden, so seine Forderung.

Eine unmittelbare Leistungssteigerung sei durch das Rollen unwahrscheinlich, so der diplomierte Sportingenieur. Während sich keinerlei direkte Auswirkung auf die Sprunghöhe nach dem Rollen zeigte, sprangen die Teilnehmer nach dem Ergometer-Training um 4 bis 6% höher als vorher.

Da vorherige Studien ähnliche Ergebnisse zeigten, sei „Foam Rolling“ als Einzel-Maßnahme zur Verbesserung der Sprunghöhe nicht geeignet, bilanzieren die Autoren.

Die Muskelspannung am Oberschenkel war kurz nach dem Rollen geringer als vorher und nahm unmittelbar nach dem Ergometer-Training zu. Jedoch bestanden bereits 15 Minuten nach den Interventionen keinerlei Unterschiede mehr zum Ausgangsniveau. Es handle sich also um einen Kurzzeiteffekt, betont Baumgart. Gänzlich unverändert blieb die Spannung der Wadenmuskulatur.

Normalisierung des Muskeltonus?

Überzeugt von den positiven Auswirkungen des Foam Rollings ist dagegen Paul Reinborn, Physiotherapeut am Olympiastützpunkt Stuttgart: Verbesserung von Beweglichkeit und Kraft, Beschleunigung der Regeneration, ergonomischere Ausführung von Bewegungsabläufen aufgrund eines besseren Zusammenspiels der am Bewegungsablauf beteiligten Faszien und Muskelketten, Verbesserung der Durchblutung und des lymphatischen Abtransportes, Herabsetzung von Gleitwiederständen im Gewebe und schließlich das Lösen von schmerzhaften Verspannungen und Muskelschmerzen im Faszien- und Muskelgewebe, zählt er gegenüber Medscape auf.

 
Die Gleitwiederstände im Gewebe werden mechanisch herabgesetzt und gelöst, was zu einer Normalisierung des Muskeltonus führt. Paul Reinborn
 

Letzteres, erklärt er, werde erreicht durch starken Druck und Zug im Gewebe. „Es kommt zu einer Hyperämie und die Spannung lässt nach“, erklärt der Physiotherapeut, der hauptsächlich Leistungssportler aus den Bereichen Judo, Leichtathletik, Turnen, BMX-Fahren, Trampolin und Beach Volleyball betreut. „Die Gleitwiederstände im Gewebe werden mechanisch herabgesetzt und gelöst, was zu einer Normalisierung des Muskeltonus führt.“ Schmerzen können im Bereich der Faszienhülle eines Muskels entstehen, wenn das Fasziengewebe an Elastizität und Beweglichkeit verliert.

Paul Reinborn

Eine weitere, relative neue Erkenntnis sei der „Schwammeffekt im Gewebe“: „Durch den Druck der Rolle auf das verspannte und feste Gewebe wird die Flüssigkeit aus dem Gewebe ausgepresst, wie bei einem Schwamm“, erklärt Reinborn. Anschließend könne das Gewebe wieder neue Flüssigkeit aus dem umliegenden Gewebe und Blutgefäßen aufnehmen, was zur Entspannung des Fasziengewebes führe.

Die Elastizität der Faszien, sagt Reinborn, hänge unter anderem von genug Flüssigkeit im Gewebe ab. „Durch diese langsame Flüssigkeitsverschiebung und den Druck bildet sich das Enzym Kollagenase, das zum Abbau von altem und der Bildung von neuem Kollagengewebe führt“, so seine Erklärung.

Empfehlungen zur richtigen Anwendung notwendig

Daher empfiehlt er das Faszientraining „jedem, der viel Sport treibt oder der regelmäßig Probleme mit Verspannungen und Muskelschmerzen zu tun hat“. Allerdings sollten zunächst mögliche Ursachen der Schmerzen, etwa Stoffwechselerkrankungen, oder toxische Belastungen abgeklärt werden, ergänzt er.

„Problematisch kann es werden, wenn unbekannte Vorerkrankungen bestehen wie etwa Osteoporose oder Gefäßerkrankungen. In diesen speziellen Fällen würde ich von der Behandlung abraten solange die Grunderkrankung nicht behoben wurde.“

Um möglichen Schädigungen auch bei der Nutzung der Rollen im Training und in der Therapie vorzubeugen, müssen Empfehlungen zur richtigen Anwendung entwickelt werden, fordert Baumann. Diese müssen sowohl die mechanischen Belastungen als auch Dosis-Wirkungs-Verhältnisse berücksichtigen.

 
Langzeitstudien über die bisherige Dauer von wenigen Wochen hinaus sind sicher spannend, ich bin jedoch skeptisch, dass sich positive Effekte zeigen. Dr. Christian Baumgart
 

Die MMG, so Baumgart, könne Effekte des Rollens auf unterschiedliche Gewebe wie Haut oder Bindegewebe nicht voneinander getrennt messen. Zudem seien nur Kurzzeit-Effekte auf die passive Muskelspannung untersucht worden. „Langzeitstudien über die bisherige Dauer von wenigen Wochen hinaus sind sicher spannend, ich bin jedoch skeptisch, dass sich positive Effekte zeigen“, sagt Baumgart.

Klar sei schon heute, dass die Faszienrolle keine manuelle Therapie zur Lockerung der Muskulatur ersetzen könne. „Ein Therapeut oder Masseur behandelt in der richtigen physiologischen Zugrichtung“, erklärt er. „Er merkt ob und was da im Inneren eventuell entgegenspannt.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....