Cannabis in der Onkologie: Ärzte sind oft unsicher – und lassen sich von Patienten beraten

Nick Mulcahy

Interessenkonflikte

28. Juni 2019

Chicago – Für Dr. Ashley Glode, Pharmakologin in der Gastroenterologie des University of Colorado Cancer Center in Anshutz, ist Cannabis in Colorado kein Tabuthema mehr. Schließlich wurde es 2002 zu medizinischen Zwecken und 2012 für den Privatkonsum freigegeben.

Die Onkologen des Zentrums sprechen regelmäßig mit den Patienten über die Verwendung von Cannabis und die Patienten fragen umgekehrt oft nach der Art der Anwendung. Glode fiel allerdings ein Muster in diesen Gesprächen auf: „Viele Mitarbeiter sagen, dass sie sich einfach nicht wohlfühlen, wenn sie die Fragen der Patienten beantworten, oder sich nicht sicher sind, was sie den Patienten sagen sollen.“ Die 35-jährige Professorin für klinische Pharmakologie und ihr Team fragten sich, wie das wohl in anderen Kliniken des Landes aussähe.

Also tat man sich mit einem Experten für Fragebogen-Aktionen an der Universität zusammen und erstellte eine Umfrage, die anonym beantwortet werden sollte. Diese wurde dann über die Rocky Mountain Oncology Society, die eine regionale Tochtergesellschaft der American Society of Clinical Oncology (ASCO) ist, sowie über ihr eigenes Ärzte-Netzwerk in die Tat umgesetzt. Auf dem diesjährigen ASCO-Kongress stellten Glode und ihr Team die Ergebnisse vor [1].

Onkologen erhalten Informationen über Cannabis meist von Patienten

Die Befragten in der Colorado-Umfrage setzten sich aus Onkologen, Onkologie-Pflegekräften, Pharmakologen und erfahrenen niedergelassenen Ärzten zusammen. Ihre Hauptanliegen in Bezug auf die Empfehlung von medizinischem Cannabis betrafen die folgenden Punkte:

  • unsichere Dosierung (83%),

  • begrenzte Kenntnisse über die verfügbaren Produkte und Bezugsquellen (73,1%),

  • Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (64,9%),

  • Rechtsfragen/Haftungsfragen (56,1%),

  • begrenzter Wirksamkeitsnachweis (46,2%).

Obwohl fast 75% der klinischen Onkologen in Colorado glauben, dass Cannabis einen medizinischen Nutzen für Krebspatienten bietet, sagten 55% auch, dass sie sich bei der Verordnung gegen krebsbezogene Beschwerden nicht wohlfühlten. Glode fasste die Angaben von 172 Befragten treffend in einem Satz zusammen: „Cannabis ist wichtig, aber ich weiß nicht, wie man es nutzt.“

Die überraschendste Erkenntnis aus der Umfrage sei gewesen, dass Onkologen ihre Informationen über medizinisches Cannabis am häufigsten von den Patienten erhielten (68,4%), so Glode gegenüber Medscape. Die üblichen Informationsquellen für Ärzte hinkten der Umfrage zufolge hinterher: ärztliche Kollegen (53,2%), medizinische Fachzeitschriften (51,5%) und Fortbildungen (43,9%). „Sie leiten uns an“, sagte Glode über Krebspatienten und Cannabis.

Für Glode ist dies ein echter Rollentausch. „Wir kennen uns mit Cannabis nicht aus. Wir sind nicht die Experten. Das sind die Patienten.“ Tatsächlich handele es sich um individualisierte Medizin: „Die Patienten probieren verschiedene Dinge aus und finden dann heraus, was für sie funktioniert.“

 
Wir kennen uns mit Cannabis nicht aus. Wir sind nicht die Experten. Das sind die Patienten. Dr. Ashley Glode
 

So informieren die Krebspatienten die Ärzte etwa darüber, was für Cannabisprodukte sie verwenden und sie teilen ihnen mit, wie sie sich vor und nach der Einnahme hinsichtlich der krankheits- und therapiebedingten Symptome gefühlt haben. „Sie bringen z.B. die Verpackungen von Cannabisprodukten mit, um sie den Ärzten zu zeigen“, sagte sie und bezog sich dabei z.B. auf Brownies mit Cannabis.

Patienten können aufgrund ihrer Erfahrungen auch bestimmte Vergabestellen empfehlen. Die Patienten reichen ihre Rezepte an definierten Ausgabestellen wie z.B. Klinikapotheken ein, da Cannabis nach dortigem Bundesrecht als ein „Schedule-I-Drug“ eingestuft wird, das nicht in normalen US-Apotheken, die oftmals nur spezielle Schalter in Großhandelsketten wie Walmart sind, ausgegeben werden darf.

In mancher Hinsicht seien Onkologen zu „Relaisstationen“ geworden, über die Informationen von Patienten an andere Patienten weitergeleitet werden, sagte Glode. Die Krebspatienten füllten eine Informationslücke.

Dieser Auffassung schloss sich auch Dr. Mellar Davis vom Geisinger Medical Center in Danville, Pennsylvania, an, der auf dem ASCO-Jahrestreffen ein Forum zum Thema Cannabis moderierte: „Es gibt keine Leitlinien, die Ärzte darüber informieren, wie oder wann sie Cannabis verwenden sollen.“

 
Es gibt keine Leitlinien, die Ärzte darüber informieren, wie oder wann sie Cannabis verwenden sollen. Dr. Mellar Davis
 

Dr. Brooke Worster, ärztlicher Leiter am Neu Center for Supportive Medicine and Cancer Survivorship an der Thomas Jefferson University in Philadelphia, fühlt sich durch die Vorstellung, dass Patienten Ärzte über den Umgang mit Cannabis bei onkologischen Erkrankungen ins Bild setzen, überhaupt nicht beunruhigt.

Ärzte sollten offen sein und sich informieren

Die Gesetzesänderungen zum medizinischen Cannabisgebrauch seien durch Patienten- und Familienanwälte sowie durch die politische und gesellschaftliche Stimmung auf den Weg gebracht worden und nicht von Ärzten oder ihren Berufsverbänden, sagte Worster in einer Stellungnahme. „Von den meisten Patienten werden Sie hören, dass ihre Ärzte nicht einmal bereit sind, über Cannabis zu sprechen“, fügte sie hinzu.

Mit ihrem Team hatte sie über 200 Ärzte aus allen Fachrichtungen im Raum Philadelphia befragt. Dabei gaben über 90% an, sich beim Thema Cannabis größtenteils oder vollständig unwissend zu fühlen. „Das muss sich natürlich ändern“, erklärte sie in einer E-Mail an Medscape.

Worster, die auf dem ASCO-Kongress einen Vortrag über die potenziellen Risiken und Nutzen des Cannabiskonsums bei älteren (über 70-jährigen) Krebspatienten gehalten hatte, meinte weiter, dass die Ärzte ihre Einstellung ändern müssten.

„Cannabis wird niemals den harten Auswahlprozess durchlaufen, dem pharmazeutische Interventionen normalerweise folgen müssen, sodass Ärzte auf Forschungsdaten über den Gebrauch, die Nebenwirkungen und die Kontraindikationen angewiesen sind und deren Beschaffung auch fördern sollten“, sagte sie.

Patienten als Forscher?

„Die entscheidende Erkenntnis aus der Umfrage ist doch, dass es einen Bedarf an Weiterbildung und Forschungen gibt“, sagte Glode. Die Forschungsbemühungen an der University of Colorado laufen allerdings langsam und nicht immer im traditionellen Modus ab. Aufgrund eines gesetzlichen Verbots, nachdem es Patienten untersagt ist, auf dem Universitätsgelände Cannabis einzunehmen, müssen Wissenschaftler, die sich mit Fragen der Pharmakokinetik von Cannabis befassen, kreativ werden, sagte Glode.

 
Die entscheidende Erkenntnis aus der Umfrage ist doch, dass es einen Bedarf an Weiterbildung und Forschungen gibt. Dr. Ashley Glode
 

So untersuchen etwa Ärzte der University of Colorado in Boulder für das CHROME-Projekt (Cancer and Health: Research on Marijuana Edibles) Krebspatienten der Stadien 3 und 4, die Cannabis zur Symptombekämpfung einsetzen. Die Patienten gehen alle zu derselben Ausgabestelle und kaufen dort ein bestimmtes essbares Produkt.

Das Forschungsteam verfügt über ein „mobiles Labor“ in Form eines Vans, der zu den Patienten nach Hause fährt. Das Team führt dann in dem Wagen 4 Blutentnahmen durch, nachdem die Patienten in ihrem Haus das Cannabisprodukt eingenommen haben. Die Patienten werden zudem kurzen kognitiven Tests unterzogen und nehmen zudem an einer einfachen Befragung teil. Für Glode sind das beileibe keine optimalen Forschungsbedingungen.

Zugleich strömen Krebspatienten im gesamten Einzugsgebiet der University of Colorado in die Kliniken und berichten regelmäßig über ihre Symptome und wie und wobei Cannabis ihnen hilft oder nicht – ein beständiger Fluss von „N-of-1“-Studien, sagte Glode.

Es gäbe wirklich nicht viel universitäre Forschung über Cannabis für Krebspatienten. „Wir hatten über ein Symposium hier in Colorado nachgedacht, aber es stellte sich die Frage: Wer sollte hier eigentlich sprechen?“ Die University of Colorado erwog dann, statt wissenschaftlicher Experten Apotheker einzuladen, die Cannabis ausgeben und sie danach zu befragen, was sie denn den Patienten mit auf den Weg geben.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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