Der Gehaltsreport 2019: Ärzten in Deutschland geht es finanziell deutlich besser – aber warum sind sie trotzdem so frustriert?

Claudia Gottschling

Interessenkonflikte

25. Juni 2019

Deutschlands Ärzten geht es immer besser, zumindest was die eigene finanzielle Situation angeht. Sie konnten ihre Einkommen und Gehälter deutlich steigern. Dies ergab der Gehaltsreport 2019 mit den Ergebnissen einer aktuellen Online-Umfrage von Medscape.

148.000 Euro verdienten demnach Haus- und Fachärzte durchschnittlich im vergangenen Jahr. Das sind rund 18% mehr als beim letzten Medscape-Gehaltsreport, für den die Daten von 2016 erhoben wurden. Trotz dieser positiven Entwicklung des Jahreseinkommens innerhalb von 2 Jahren herrscht nach wie vor viel Unzufriedenheit. Auch profitierte nicht jeder gleichermaßen. Von „fairer Bezahlung“ möchte weniger als die Hälfte sprechen. Besonders groß ist die Unzufriedenheit bei jungen Ärzten. Größter Stressfaktor: der steigende Verwaltungsaufwand und zu viele Überstunden. Auch die Vergütung von Ärztinnen nähert sich nur in sehr kleinen Schritten dem Niveau der männlichen Kollegen an.

Warum Geld anscheinend nicht glücklich macht

Obwohl die Einkommen im Schnitt gestiegen sind, fühlen sich nur 45% der Hausärzte und 44% der Fachärzte „fair bezahlt“. An diesem Frust hat sich seit der letzten Erhebung kaum etwas geändert. Noch unzufriedener mit ihrer finanziellen Situation sind junge Ärzte unter 45 Jahren: Nur jeder 3. hat das Gefühl, dass Arbeitsbelastung und Einkommen in einem angemessenen Verhältnis stehen (35%). 100.000 Euro pro Jahr verdienen die jüngeren Kollegen im Schnitt.

Aber wieso fühlen sich viele Ärzte trotz des hohen Jahreseinkommens nicht entsprechend honoriert? Hinweise dazu kann zum Teil der Medscape-Burnout-Report liefern. Diese Umfrage zeigte kürzlich, dass 47% der Ärzte in Deutschland 51 und mehr Stunden pro Woche arbeiten. Fast jeder Fünfte kommt sogar auf mehr als 61 Wochenstunden. Eine Folge davon: Jeder 2. Kollege litt nach eigenen Angaben unter Depressionen und/oder Burnout.

Auch der gestiegene Aufwand für Dokumentation und Verwaltung dürfte zur Unzufriedenheit beitragen: Über 60% der Befragten geben beim Gehaltsreport 2019 an, „15 Stunden und mehr pro Woche“ in die Bewältigung der zeitraubenden Schreibarbeit stecken zu müssen. Jeder Vierte sogar mehr als 25 Stunden pro Woche. Nicht ohne Grund stufen 39% der Ärzte „zu viele Richtlinien bei Verwaltung und Abrechnung“ als die größte Herausforderung in ihrem Job ein.

Geht es dem Allrounder besser als dem Spezialisten?

Auf den ersten Blick überrascht, dass Hausärzte (API) ein deutlich höheres Durchschnittseinkommen erzielen als spezialisierte Kollegen. Laut Gehaltsreport 2019, an dem über 530 in Vollzeit tätige Kollegen teilgenommen haben, verdienen Ärzte in der hausärztlichen Versorgung (API) mit 166.000 Euro um 9% mehr als Ihre Facharztkollegen, die auf ein durchschnittliches Jahresgehalt von 144.000 Euro kommen. Die Abweichung rührt daher, dass viele der Fachärzte, die an der Umfrage (nicht repräsentativ) teilgenommen haben, in einer Klinik arbeiten oder noch am Anfang ihrer Karriere stehen.

Die Bruttoeinkommen können zudem je nach Fachrichtung sehr unterschiedlich sein. Auch andere Erhebungen, wie zum Beispiel vom Statistischen Bundesamt, machen dies deutlich. Ein Allgemeinarzt verdient demnach 167.000 Euro pro Jahr (2015). Ein niedergelassener Radiologe, der zu den Top-Verdienern im Medizinbetrieb gehört, erzielt im Schnitt 373.00 Euro. Ein Oberarzt in einer Klinik bekommt dagegen nur zwischen 100.000 und 130.000 Euro überwiesen.

Geschlechterlücke: Frauen verdienen bis zu 45% weniger

Noch immer verdienen Hausärztinnen, die in Vollzeit arbeiten, deutlich weniger (20%) als ihre männlichen Kollegen: Auf 29.000 Euro summiert sich der Unterschied am Ende des Jahres – der Preis für einen Neuwagen. Im letzten Medscape-Gehaltsreport lag der Unterschied noch bei 25%. Noch deutlicher klafft die Gehaltslücke bei den Fachärzten auseinander: Frauen gaben an, im Schnitt 106.000 Euro pro Jahr zu verdienen. Die Männer dagegen kommen auf ein Jahreseinkommen von 156.000 Euro. Damit verdienen sie 45% mehr als ihre weiblichen Kollegen.

Eine gute Nachricht: Trotz der hohen Arbeitsbelastung, dem zeitraubenden Verwaltungsaufwand und der frustrierenden Bezahlung sind Ärzte durchweg zufrieden mit der eigenen Leistung als Arzt: Ganze 93% geben an, zufrieden oder sehr zufrieden zu sein. 77% der Ärzte sind generell glücklich mit ihrer Berufswahl. Sie würden wieder Medizin studieren und sich für die gleiche Fachrichtung entscheiden. Allerdings würden nur 32% der Mediziner die gleiche Arbeitssituation wählen.

 

Kommentar

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