Typ-2-Diabetes in der Jugend: Erschreckend hohe Zahlen an Diabetes-bedingten Komplikationen schon in den 20ern

Marlene Busko

Interessenkonflikte

18. Juni 2019

San Francisco – Junge Menschen, die bereits in frühen Teenagerjahren mit einem Typ-2-Diabetes zu kämpfen haben, haben nach einer aktuellen Untersuchung bereits in ihren Zwanzigern eine erschreckend hohe Rate an Diabetes-bedingten Komplikationen.

Von den über 500 jungen Teilnehmern der TODAY-2-Studie (Longitudinal Outcomes in Youth With Typ 2 Diabetes) starben sogar 5 Personen innerhalb von rund 7,5 Jahren nach der Diagnose aus Gründen, die vornehmlich mit ihrem Diabetes in Zusammenhang standen.

 
Es gibt in dieser Altersgruppe, Mitte 20, eine unerwartet hohe Zahl an schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen. Prof. Dr. Philip S. Zeitler
 

„Kardiovaskuläre Risikofaktoren sind in dieser Population gang und gäbe. Die Schädigungen an Herz und Gefäßen sind evident und es gibt in dieser Altersgruppe, Mitte 20, eine unerwartet hohe Zahl an schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen“, sagte Dr. Philip S. Zeitler, Professor für Kinderendokrinologie an der medizinischen Fakultät der University of Colorado in Aurora und leitender Prüfarzt der TODAY-Studien, in einem Pressegespräch auf dem ADA-Kongress 2019 (American Diabetes Association).

Zudem wurden einige der jungen Frauen schwanger, und die Komplikationsrate war auch hier außergewöhnlich hoch. Hoch war auch die neonatale Morbidität im Vergleich zu den altersbereinigten Zahlen in der Allgemeinbevölkerung.

„Insgesamt kann man sagen, dass der Verlauf bei diesen Kindern rasch progredient ist, und zwar sowohl mit Blick auf die glykämische Kontrolle als auch auf die Entwicklung von Komplikationen“, so Zeitler weiter zu Medscape.

Bei Jugendlichen aggressiveres Management des Typ-2-Diabetes erforderlich

„Im Gegensatz zu dem oft üblichen pädiatrischen Ansatz von ‚Wir werden erst einmal abwarten und keine zusätzlichen Medikamente geben‘ scheint bei diesen jungen Menschen wohl in der Tat ein noch aggressiveres Management erforderlich zu sein als bei vielen Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes.“

Und weiter: „Die Krankheit nimmt einen aggressiveren Verlauf und hoffentlich können die Patienten mit einer solchen kardiovaskulären Bürde 50 Jahre lang leben. Doch um dies zu erreichen, sollten wir nicht zögern, die jungen Patienten auch aggressiv zu behandeln.“

Dr. Alvin C. Powers vom Vanderbilt University Medical Center in Nashville, Tennessee, der das Pressebriefing moderierte, hielt die Ergebnisse ebenfalls für äußerst beunruhigend.

Niemand hätte ein solches Ausmaß an Komplikationen an Augen, Herz, Nerven, Nieren und bei der Schwangerschaft innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne einer Diabeteserkrankung erwartet, erklärte er gegenüber Medscape.

„Das sind für die Gesundheit der Betroffenen in den kommenden 10 bis 15 Jahren keine guten Neuigkeiten“, sagte er, „weil wir keine angemessene Therapie zur Verfügung haben und (noch) nicht wissen, was wir dagegen tun sollen.“

Die 5 Todesfälle waren die Folge von Myokardinfarkt, Nierenversagen, Sepsis, postoperativem Herzstillstand und einer Überdosis, sagte Zeitler. Und erst in der vergangenen Woche sei bei einem gerade 26-jährigen Studienteilnehmer in seinem Zentrum ein Dreifach-Bypass gelegt worden.

„Insgesamt zeigen diese Zahlen, wie ernst es um die persönliche und gesundheitliche Situation dieser jungen Erwachsenen bestellt ist, wo sie doch eigentlich vor der wohl produktivsten Zeit in ihrem Leben stehen.“

Sicherlich sei der Verlauf des in der Jugend diagnostizierten Typ-2-Diabetes anders als der eines Erwachsenen, betonte er. „Die Gründe für derartig schwere Verläufe bei jugendlichenTyp-2-Diabetikern sollten unbedingt weiter erforscht werden.“

Komplikationen an Herz, Nieren, Augen, Nerven und in der Schwangerschaft

Zeitler erklärte, dass die ursprüngliche TODAY-Studie 699 Jugendliche im Alter von 10 bis 17 Jahren (Durchschnittsalter 14 Jahre) umfasste, bei denen zwischen 2004 und 2011 in 15 Zentren erstmals ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert worden war.

Die Teilnehmer stammten aus verschiedenen Ethnien (hispanisch-stämmig 40%, afroamerikanisch 33%, weiß 21%, andere Ethnien 6%), 2 Drittel waren Frauen.

Die Ergebnisse der TODAY-Studie, die 2012 im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden waren, zeigten, dass ein Typ-2-Diabetes „bei Kindern oder Teenagern aggressiver verläuft als bei Erwachsenen“ und dass die Funktion der Betazellen rasch schwinde.

 
Insgesamt kann man sagen, dass der Verlauf bei diesen Kindern rasch progredient ist. Prof. Dr. Philip S. Zeitler
 

Als die Studie 2011 endete, wurden 572 der Teilnehmer, die damals im Schnitt 18 Jahre alt waren, in die Phase 1 der TODAY-2-Follow-up-Studie aufgenommen. Diese Phase dauerte 3 Jahre. Danach blieben 517 Teilnehmer übrig, die 2014 im Schnitt 21 Jahre alt waren und in die Phase 2 der TODAY-2-Studie eintraten, in der sie ambulant weiterbetreut wurden.

Inzwischen haben wir das Jahr 2019 und die Teilnehmer sind durchschnittlich 25 Jahre alt. Sie haben jetzt im Mittel seit 7,5 Jahren einen Typ-2-Diabetes, manche aber auch schon seit 12 Jahren.

Zu Beginn der TODAY-Studie wiesen die Teilnehmer einen durchschnittlichen BMI von knapp 35 kg/m2 und einen HbA1c von 6,0% auf. Beim Übertritt in die TODAY-2-Phase hatten sich der BMI im Schnitt auf 36,3 kg/m2 und der HbA1c auf 9,3% erhöht.

Die Komplikationsraten stiegen in den Jahren nach der Erstdiagnose des Typ-2-Diabetes bei den Jugendlichen stetig an. Während des bis zu 12 Jahre währenden Follow-ups stieg die kumulative Inzidenz für erhöhte LDL-Werte von 3% auf 26% und für eine arterielle Hypertonie von 20 auf 55%.

In der Echokardiographie waren gegen Ende der TODAY-Studie und während der TODAY-2-Studie bei 30% der Teilnehmer Anomalien festzustellen.

Insgesamt 38 kardiovaskuläre Ereignisse

Während des Follow-up kam es bei 19 Patienten zu insgesamt 38 bestätigten kardiovaskulären Ereignissen, was einem Wert von 6,2 Ereignissen pro 1.000 Patienten und Jahr entspricht. Darunter fielen Arrhythmie, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, linksventrikuläre Dysfunktion, tiefe Venenthrombose, Gefäßinsuffizienz, Schlaganfall und TIA (Transitorisch Ischämische Attacke).

Die Albuminurie-Prävalenz stieg von 8% zu Studienbeginn auf 42% und die Prävalenz einer glomerulären Hyperfiltration von 12% auf 55%. Es wurde in 4 Fällen eine Nierenerkrankung festgestellt: Je 2 Patienten hatten eine chronische Niereninsuffizienz oder eine terminale Niereninsuffizienz, was einem Wert von 0,7 Fällen pro 1.000 Patienten und Jahr entspricht.

Zudem zeigte sich bei 370 Teilnehmern, bei denen zwischen 2011 und 2018 der Zustand des Augenhintergrundes im Bild dokumentiert worden war, eine „erhebliche“ Progression der diabetischen Retinopathie. So hatten in der TODAY-Studie 14% eine leichte nicht proliferative diabetische Retinopathie (NPDR), aber etwa 6 Jahre später wiesen bereits 22% der Teilnehmer in der TODAY-2-Studie Merkmale einer leichten NPDR auf. Keiner der TODAY-Patienten hatte ein Makulaödem, später aber 4% der TODAY-2-Patienten.

Es gab 142 dokumentierte Augenerkrankungen, woraus sich 15,5 Augenerkrankungen pro 1.000 Patienten und Jahr errechnen lassen. Als Augenerkrankung galten die proliferative diabetische Retinopathie, das Makulaödem, die Katarakt und das Glaukom.

Ähnlich sah es mit 14 neuropathischen Ereignissen bei 12 Patienten aus, was einer Zahl von 2,3 Neuropathie-Fällen auf 1.000 Patienten pro Jahr entspricht, sagte Zeitler. Die Prävalenz der diabetischen Neuropathie (bestimmt durch Sensibilitätsprüfung über den Monofilament-Test) war nach 12 Jahren auf 8% gestiegen.

Eine diabetische Retinopathie und eine Neuropathie stellte sich häufiger bei Personen mit schlechter glykämischer Kontrolle ein.

Beeinträchtigungen während der Schwangerschaft und für Mutter und Neugeborenes

Zwischen 2005 bis 2019 konnten bei den rund 350 Mädchen und jungen Frauen 236 Schwangerschaften verfolgt werden. Dabei endeten 11,9% mit einer Fehlgeburt (landesweiter Durchschnitt 10 bis 15%), 3,8% der Babys wurden tot geboren (landesweite Rate 0,4%) und 23,7% der Babys kamen als Frühchen zur Welt (gegenüber 6,9 bis 9,9% in der Allgemeinbevölkerung).

 
Die Gründe für derartig schwere Verläufe bei jugendlichen Typ-2-Diabetikern sollten unbedingt weiter erforscht werden. Prof. Dr. Philip S. Zeitler
 

Auch die Geburtsgewichte der Babys waren auffällig: 15,9% wiesen ein sehr niedriges Geburtsgewicht auf (gegenüber 8,3%), und umgekehrt hatten auch 18,9% eine Makrosomie (Geburtsgewicht > 4000 g) gegenüber 8,2% in der Allgemeinbevölkerung.

Neonatale Hypoglykämien fielen bei 28,7% der Säuglinge auf (verglichen mit 2,1%), Atemnot bei 14,9% (7%) und kardiale Anomalien bei 8,5% (gegenüber 1% in der Allgemeinbevölkerung).

Darüber hinaus war bei 35,6% der jungen Frauen ein stationärer Aufenthalt aufgrund maternaler Komplikationen erforderlich, wovon normalerweise im Mittel nur etwa 14% der Frauen betroffen sind. Im Einzelnen hatten 18,1% eine Präeklampsie und 37,5% eine Schwangerschaftshypertonie.

„Die sehr hohen Fallzahlen von mütterlichen und kindlichen Schwangerschaftskomplikationen sind beunruhigend“, sagte Zeitler. Er berichtete auch, dass die Untersucher die Kinder der jungen Frauen weiter beobachten werden, um ihre Entwicklung zu dokumentieren.

Die aktuelle Studie habe bereits zur Anpassung der Therapie-Leitlinien des juvenilen Typ-2-Diabetes beigetragen, berichtete der Experte. Diese berücksichtigten nun, dass die Erkrankung unter Jugendlichen anders verlaufe. Die entsprechend geänderten Leitlinien sind im Dezember 2018 von der ADA veröffentlicht worden.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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