Arbeitsweg als Workout: Adipöse leben länger, wenn sie auf dem Weg zum Job das Rad nutzen

Liam Davenport

Interessenkonflikte

17. Juni 2019

Glasgow – Adipöse Menschen, die ihren täglichen Weg zur Arbeit und nach Hause aktiv und vorzugsweise mit dem Fahrrad zurücklegen, haben eine geringere Gesamtsterblichkeit und seltener kardiovaskuläre Ereignisse, als Personen, die mit dem Auto zu ihrem Arbeitsplatz gelangen. Dieses Ergebnis präsentierten britische Untersucher auf dem 26. Europäischen Adipositaskongress [1].

Edward Toke-Bjolgerud, Medizinstudent im 5. Jahr an der Glasgow University, Großbritannien, untersuchte mit seinem Team die Daten von über 160.000 Personen der UK Biobank daraufhin, ob sie mit dem Auto, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit gelangten.

Im Vergleich zu Normalgewichtigen, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit kamen, hatten adipöse Pendler eine um 32% höhere Gesamtsterblichkeit und ein um 59% erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse.

Die erhöhte Gesamtmortalität zeigte sich nicht mehr bei adipösen Personen, die entweder mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit kamen, obwohl sie immer noch ein 82% höheres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen aufwiesen.

Als sie tiefer in die Daten einstiegen, fanden sie heraus, dass das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei adipösen Personen, die mit dem Fahrrad fuhren, deutlich niedriger lag, als bei Personen, die mit dem Auto fuhren. Jedoch war das Risiko höher bei denen, die zu Fuß gingen, was darauf hindeutet, dass die Intensität der Bewegung eine Rolle für das Ausmaß des Benefits spielen könnte.

Protektive Effekte?

Toke-Bjolgerud betonte, dass es aufgrund des Beobachtungscharakters der Studie nicht möglich sei, zu sagen, ob die Art der Fortbewegung tatsächlich in einem kausalen Zusammenhang mit den Ergebnissen stehe oder nicht.

Er sagte jedoch, dass ihre Ergebnisse darauf hindeuten, dass „die aktiven Fortbewegungsmethoden zum und vom Arbeitsplatz die Assoziation zwischen Adipositas und Gesamtmortalität abschwächen könnten“. Für Verbesserungen bei den kardiovaskulären Endpunkten könne jedoch ein stärkerer und aktiverer Reiz – wie eben beim Radfahren -erforderlich sein.

Weiterhin meint er, dass die Studie die Frage aufwerfe, worin eigentlich die protektive Wirkung bestehe. „Ist es die konsequente, tägliche, moderate bis kraftvolle Bewegung oder ist es tatsächlich das Ersetzen einer inaktiven, meist sitzenden Fortbewegung im Auto durch Bewegung oder vielleicht sogar eine Kombination aus beidem?“, fragte er. Und wenn sich ein kausaler Zusammenhang herausstellen sollte, stelle sich die Frage, ob „es etwas gibt, das einen noch größeren Nutzen verhindert“.

Konkret spreche er dabei von Luftqualität und Luftverschmutzung, sagte er, aber auch von Verkehrssicherheit. „Diese Dinge werden Menschen, die vielleicht ihren Weg zum und vom Arbeitsplatz aktiv gestalten wollen, ein besonderes Anliegen sein. Wenn wir uns diesen Fragen zuwenden, könnten wir vielleicht ja die Vorteile noch vergrößern.“

„Faszinierende Möglichkeiten“

Dr. Simon Williams, Vorsitzender der Association for the Study of Obesity, sagte zu Medscape, dass es sich um eine „äußerst interessante“ Studie handelt, die „einige faszinierende Möglichkeiten aufzeigt“.

Und er fügte hinzu: „Wie der Vortragende selbst angemerkt hat, ist es aufgrund der methodischen Fragen zu der Studie noch zu früh für Schlussfolgerungen, aber ich halte es in jedem Fall für sehr interessant.“

Mehr Menschen, die ihren Arbeitsweg aktiv gestalten, würden jedoch auch gesellschaftliche Veränderungen nötig machen, um die notwendigen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Zunächst seien weitere Arbeiten erforderlich, um sicherzustellen, dass solche Veränderungen sich auch auf „gute Evidenzen“ stützen könnten. „Wir kennen Beispiele aus anderen Ländern, wo man die Infrastruktur so angepasst hat, dass sie körperliche Aktivitäten unterstützt. Und auch in unserem Land gibt es ein paar gute Beispiele.“

Offizielle Empfehlungen zur körperlichen Aktivität

Toke-Bjolgerud wies darauf hin, dass die offiziellen Empfehlungen der britischen Gesundheitsbehörden pro Woche 75 Minuten körperlicher Aktivität bei hoher Intensität, 150 Minuten bei mittlerer Intensität oder eine Kombination aus beidem vorsähen.

Nach Angaben der British Heart Foundation von 2017 erfüllten jedoch 39% der Erwachsenen in Großbritannien (etwa 20 Millionen Menschen) diese Anforderungen nicht. Zu den Hauptgründen einer unzureichenden körperlichen Aktivität gehörte der Zeitmangel aufgrund anderweitiger Verpflichtungen.

Toke-Bjolgerud meinte, dass eine Ursache für diesen Zeitmangel auch die Zeit sein könnte, die für den Arbeitsweg benötigt würde. Durchschnittlich würden britische Arbeitnehmer schätzungsweise täglich 1 Stunde und 38 Minuten oder 8,1 Stunden pro Woche für den Weg zur und von der Arbeit aufwenden. Diese Zeit könne entweder sitzend oder eben auch aktiv verbracht werden.

Daten der UK Biobank

Frühere Untersuchungen von Daten der UK Biobank hatten gezeigt, dass ein aktives Pendeln auf dem Arbeitsweg, und zwar besonders mit dem Rad, die Gesamtmortalität und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen im Vergleich zum Autofahren halbiert.

Durch weitere Untersuchungen wollten Toke-Bjolgerud und sein Team feststellen, ob die Assoziation zwischen Adipositas einerseits und Gesamtmortalität und kardiovaskulären Ereignissen andererseits abhängig von der Art der Fortbewegung abschwächt.

Aus der UK Biobank zogen sie erneut Informationen über 163.149 Personen, die zu Studienbeginn zwischen 37 und 73 Jahre alt waren und einer bezahlten Beschäftigung oder einer selbstständigen Tätigkeit nachgingen, jedoch nicht zu Hause arbeiteten. Personen mit Erkrankungen, welche die körperliche Aktivität beeinträchtigten oder das Sterblichkeitsrisiko oder das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse beeinflussten, wurden ausgeschlossen.

Sie teilten die Teilnehmer basierend auf den WHO-Definitionen in die Gewichtsklassen Normalgewicht, Übergewicht und Adipositas ein. Der Frauenanteil betrug 50,8%. Die Forscher verglichen dann verschiedene Arten der Fortbewegung auf dem Arbeitsweg: mit dem Auto, mit dem Fahrrad, zu Fuß oder eine Mischung aus Radfahren und Gehen.

Sie verknüpften diese Daten mit den Angaben zu Todesfällen aus beliebiger Ursache und kombinierten tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Ereignisse.

Aktive Fortbewegung senkt Sterblichkeit der Adipösen

Während der durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 5,0 Jahren starben 2.425 Personen und 7.973 entwickelten eine kardiovaskuläre Erkrankung. Im Vergleich zu normalgewichtigen Personen, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß oder einer Kombination daraus zur Arbeit kamen, hatten Normalgewichtige, die den Arbeitsweg mit dem Auto zurücklegten, eine nicht signifikant erhöhte Gesamtsterberate (Hazard Ratio: 1,21) und ein nicht signifikant erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (HR: 1,09).

Wie zu erwarten war, wiesen adipöse Personen, die mit dem Auto zur Arbeit fuhren, im Vergleich zu normalgewichtigen aktiven Pendlern eine signifikant erhöhte Gesamtsterberate und ein signifikant erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse auf (HR: 1,32; p = 0,041 bzw. HR: 1,59; p < 0,0001).

Adipöse Personen, die aktiv zur Arbeit gelangten, hatten ein signifikant erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen im Vergleich zu normalgewichtigen aktiven Pendlern (HR: 1,82, p < 0,0001) jedoch keine erhöhte Gesamtsterberate (HR: 1,04).

Die kardiovaskuläre Sterblichkeit war auch bei adipösen Pendlern, die das Auto nutzten, im Vergleich zu aktiven Normalgewichten signifikant erhöht (HR: 2,06; p = 0,036), doch gab es bei den adipösen aktiven Pendlern lediglich einen Trend zu einem erhöhten Risiko (HR 2,10; p = 0,089).

Übergewichtige aktive Pendler

Um die scheinbare Abkopplung der Gesamtsterblichkeit von der Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse bei adipösen aktiven Pendlern zu untersuchen, bestimmten die Forscher die Intensität der körperlichen Bewegung.

Sie fanden dabei heraus, dass adipöse Radfahrer ein um 44% geringeres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse hatten als adipöse Pendler, die mit dem Auto fuhren. Adipöse Fußgänger hingegen hatten sogar ein um 19% höheres Risiko als adipöse Autonutzer.

Die Intensität der Bewegung spielte auch eine Rolle, wenn die Fettleibigkeit über den Anteil an Körperfett und nicht wie üblich über den BMI definiert wurde. Hier zeigte sich, dass adipöse im Vergleich zu normalgewichtigen Radfahrern ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse hatten (HR: 0,54), während adipöse Autonutzer ein erhöhtes Risiko aufweisen (HR: 2,07).

In der Gruppe der Personen, die zu Fuß gingen, hatten Adipöse jedoch im Vergleich zu Normalgewichtigen ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (HR: 1,52), das nur geringfügig geringer war als das bei adipösen Autonutzern (HR: 1,55).

Toke-Bjolgerud wies auf eine Reihe limitierender Faktoren hin, die naturgemäß dazu führen, dass es derartige Daten nicht erlauben, Kausalzusammenhänge herzustellen. So sei es z.B. möglich, dass aktive Pendler, die zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit gelangen, auch noch anderen körperlichen Aktivitäten nachgehen und mit Personen, die das nicht tun, in einen Topf geworfen werden. Zudem beruhten die Angaben über die Bewältigung des Arbeitsweges auf Selbstauskünften und mögliche Veränderungen während des Beobachtungszeitraumes wurden nicht registriert.

Schließlich meinte er, dass die Studie dennoch auf einer großen Kohorte basiere. Seine Kollegen und er seien zudem in der Lage, die Daten an ein breites Spektrum von Störvariablen zu adjustieren, beispielsweise – bis zu einem gewissen Grad – an unterschiedliche Luftverschmutzung.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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