Krankenpfleger Högel für 85 Morde verurteilt – Richter wirft Klinikchef Vertuschung vor

Christian Beneker

Interessenkonflikte

14. Juni 2019

Nach einem halben Jahr Verfahrensdauer hat Sebastian Bührmann, Richter der Schwurgerichtskammer am Landgericht Oldenburg, das Urteil über den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel wegen 85-fachen Mordes gesprochen: lebenslange Haft und besondere Schwere der Schuld, außerdem ein lebenslanges Berufsverbot.

Tage nach dem Urteil begann ein Nachspiel zwischen Bührmann und Dr. Dirk Tenzer, dem Vorstandsvorsitzenden des Klinikums Oldenburg. Bührmann wirft Tenzer Vertuschung vor. Tenzer tritt dem in einem Brief entgegen. Eine Sonderkommission ermittelt zudem inzwischen gegen Zeugen wegen Meineids und falscher Aussagen.

In 15 Fällen kein Mord nachzuweisen

Minutenlang las Bührmann im Gerichtssaal die Namen der Opfer vor. „Das Wort ‚unbegreiflich‘, das ist das Wort, das dieses Verfahren prägt“, sagte er in seiner Urteilsbegründung. Der menschliche Verstand kapituliere vor der bloßen Anzahl von Taten, so Bührmann.

 
Das Wort ‚unbegreiflich‘, das ist das Wort, das dieses Verfahren prägt. Sebastian Bührmann
 

Die Kammer sah sich in 15 Fällen außer Stande, Högel Mord nachzuweisen. So blieben von den 100 Morden, denen er angeklagt war, 85, für die Högel verurteilt wurde. Die medizinischen Gutachten gaben offenbar nicht mehr Schuldsprüche her. Und es gehe dem Gericht „nicht darum, den Angeklagten blindlings zu verurteilen“, wie Bührmann sagte.

Für den Täter Högel ändert das Urteil nichts an seiner Situation. Er sitzt ohnedies nach vorangegangener Verurteilung wegen Mordes und Todschlags mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe im Gefängnis.

„Lügenkompetenz und Lügenbereitschaft“

Aber es bleibt noch eine Menge zu tun, um weitere Hintergründe der Taten Högels in den beiden Klinika Delmenhorst und Oldenburg aufzuklären: Warum haben die Kollegen Högels von den Untaten ihres Kollegen nichts bemerkt? Haben auch die Klinikleitungen versagt? Wurden im Zuge der Ermittlungen Dokumente zurückgehalten?

Bührmann sprach im Zuge der Urteilsverkündung auch die Probleme an, die das Gericht nicht nur mit der „Lügenkompetenz und Lügenbereitschaft“ des Angeklagten gehabt habe, sondern auch mit der „Aussageunwilligkeit mancher Zeugen, die Erinnerungslücken vorgeschützt hätten“.

Reihenweise haben sich ärztliche und pflegerische Kollegen von Högel bei den Vernehmungen durch das Gericht auf ihre Gedächtnislücken berufen. Tatsächlich wurden die Morde in den Jahren 2000 bis 2005 begangen, sie liegen also 14 bis 19 Jahre zurück.

Bührmann blieb gleichwohl misstrauisch und ließ mehrere Kollegen von Högel ihre Aussagen vor Gericht unter Eid ablegen. Das hat Folgen. Inzwischen ermittelt erneut eine Sonderkommission der Oldenburger Polizei, die „SoKo Kardio II“, wegen Meineids in 8 Fällen und in 2 Fällen wegen falscher Aussage, erklärt Staatsanwalt Dr. Martin Koziolek gegenüber Medscape.

„Die Ermittlungen werden schwer werden“, so Koziolek. „denn wir müssen unter anderem anhand von alten Vernehmungsprotokollen und den Aussagen anderer gucken, ob die Zeugenangaben plausibel sind oder ob die Zeugen Wichtiges weggelassen und sich in die Erinnerungslücken geflüchtet haben. Das Verfahren ist ziemlich aufwändig.“ Wer des Meineids überführt wird, dem droht laut §154 StGB eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr.

Richterliche Kritik an Klinik-Chef

Tage nach dem Urteil begann auch ein Nachspiel zwischen Bührmann und Tenzer. Tenzer tritt in einem 4-seitigen Brief Vertuschungs-Vorwürfen Bührmanns entgegen. Bührmann hatte bei seiner Urteilsbegründung gegen Högel auch Tenzer kritisiert.

Der Klinikchef habe eine in seinem Hause kursierende Strichliste der zweifelhaften Sterbefälle den Ermittlern nicht rechtzeitig ausgehändigt, habe wichtige Gesprächsprotokolle nicht herausgegeben und versucht, die Aussagen von Mitarbeitern des Klinikums über Zeugenbeistände zu manipulieren.

Die Vorwürfe machten ihn „fassungslos“, schreibt Tenzer nun in der persönlichen Stellungnahme, „sie missachten unsere ernsthaften Anstrengungen um Aufklärung der Ereignisse.“

Mitarbeitergesprächs-Protokolle seien „schützenswerte Unterlagen“, die er nicht ohne weiteres hätte herausgeben dürfen. Im Übrigen hätten sie jederzeit angefordert werden können, so Tenzer.

Was die Strichliste angeht, habe er ihre Relevanz falsch eingeschätzt, räumt der Klinikchef ein, der erst nach den Patientenmorden ans Klinikum gekommen ist. Nicht nur er selbst, auch die Staatsanwaltschaft und die Mitarbeiter des Klinikums hätten die Dimension der Mordserie nicht geahnt, betont Tenzer.

Auch der Vorwurf, das Klinikum habe Mitarbeiter in ihren Aussagen durch Zeugenbeistände manipulieren wollen, „entbehrt jeder Grundlage“. Jeder sei für seine Aussagen selber verantwortlich.

Zeugenbeistände seien nicht zu beanstanden und dass das Klinikum sie bezahlt habe, eine „arbeitgeberische Verpflichtung“, so Tenzer. „Ich verwahre mich daher in aller Deutlichkeit gegen die in der Öffentlichkeit erhobenen, substanzlosen und unhaltbaren Anschuldigungen“, schließt Tenzer seinen Brief.

 
Ich verwahre mich daher in aller Deutlichkeit gegen die in der Öffentlichkeit erhobenen, substanzlosen und unhaltbaren Anschuldigungen. Dr. Dirk Tenzer
 

Nach einem Bericht der „Nordwest-Zeitung“ hat ein Nebenkläger inzwischen Revision gegen einen der 15 Freisprüche eingelegt. Wie am Dienstag bekannt wurde, legte auch die Anwältin Högels, Kirsten Hüfken, Revision gegen das Urteil ein, möglicherweise zunächst, um die Frist dafür nicht verstreichen zu lassen.

 

 

Kommentar

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