Diabetes-Prävention mit Vitamin D: Die bislang größte randomisierte Studie scheitert daran, einen Nutzen zu beweisen

Sonja Boehm

Interessenkonflikte

10. Juni 2019

San Francisco – Eindeutig klar ist, dass eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D bedeutsam für die Knochengesundheit ist. Daneben ist aber das „Sonnen-Vitamin“ bereits mit vielen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht worden. Auch für Typ-2-Diabetes gibt es Hinweise aus Beobachtungsstudien wie der Nurses Health Study, dass niedrige Spiegel an Calcidiol (25-OH-Vitamin-D3 als Vorstufe der aktiven Form von Vitamin D) mit einem höheren Diabetesrisiko assoziiert sind.

Doch sind die Vitamin-D-Spiegel dabei nur ein Marker des erhöhten Risikos oder ein Ansatzpunkt für eine mögliche Diabetes-Prävention? Eine kleine Pilotstudie lieferte Hinweise, dass die Intervention lohnen könnte: Es fanden sich bei Patienten mit Typ-2-Diabetes unter einer Supplementierung mit 2.000 IU Vitamin-D3 eine bessere Betazell-Funktion und niedrigere HbA1c-Werte.

Nur im Trend weniger Diabetesdiagnosen – trotz hoher Vitamin-D-Spiegel

Nun hat die bislang größte Interventionsstudie zu dieser Fragestellung, D2d (Vitamine D and Type 2 Diabetes), mittels eines randomisierten doppelblinden Studiendesigns und mit 2.423 Menschen mit „Prädiabetes“ als Teilnehmern eine eindeutige Antwort gesucht. Das Ergebnis ist jetzt bei der Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA) in San Francisco, Kalifornien, vorgestellt und zeitgleich im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden [1,2].

 
Die beobachtete Hazard Ration von 0,88 in D2d schließt einen moderaten positiven Effekt der Vitamin-D-Supplementierung auf das Diabetesrisiko nicht aus. Dr. Deborah J. Wexler
 

Es lautet: In der Gruppe von „Prädiabetikern“, die über im Schnitt 2,5 Jahre täglich 4.000 IU Vitamin D3 eingenommen hatten, war die Wahrscheinlichkeit mit einem Typ-2-Diabetes mellitus diagnostiziert zu werden, nicht signifikant niedriger als in der Placebo-Gruppe (293 vs 323 Diabetesdiagnosen; HR 0,88; 0,95%-CI 0,75-1,04; p=0,12). Dies bedeutet, dass es unter Vitamin D pro 100 Teilnehmer 9,4 Diabetesdiagnosen jährlich gab, unter Placebo waren es 10,7.

Dies obwohl, wie Erstautor Prof. Dr. Anastassios Pittas berichtete, unter der Supplementierung die durchschnittlichen Vitamin-D-Spiegel in der Verumgruppe signifikant angestiegen waren: von ausgangs 28-29 ng/mL auf 52-54 ng/mL. In der Placebogruppe blieben sie dagegen auf dem Ausgangsniveau. Pittas arbeitet an der Tufts University in Boston, Massachusetts, von wo die US-amerikanische landesweite Studie gemanagt worden ist.

Die bislang größte randomisierte Studie zu dieser Fragestellung

D2d ist die bislang größte, aber nicht die einzige randomisierte kontrollierte Studie zu dieser Fragestellung, berichtete Pittas. Ihre Ergebnisse liegen auf einer Linie mit denjenigen einer norwegischen und einer japanischen Studie. Beide hatten ebenfalls nicht signifikante Hazard Ratios von 0,9 und 0,87 zugunsten eines niedrigeren Diabetesrisikos unter Vitamin-D-Gabe ergeben.

Ist das Ergebnis dem Umstand geschuldet, dass die D2d-Teilnehmer nicht nach ihren Ausgangsspiegeln von Vitamin D selektiert worden waren? Sie hatten, wie Dr. Myrlene Staten, ebenfalls von Tufts Medical Center in Boston, berichtete, Vitamin-D-Spiegel, die dem durchschnittlichen Niveau in der US-Bevölkerung entsprechen (um die 30 ng/dL).

Laut National Institutes of Health (NIH) besteht bei Spiegeln

  • unter 12 ng/dL ein „absoluter Mangel, der bei Kindern zu Rachitis und bei Erwachsenen zur Osteomalazie führt“;

  • bei 12 bis unter 20 ng/dL eine „ungenügende Versorgung hinsichtlich Knochen- und allgemeiner Gesundheit“;

  • 20-50 ng/dL gelten als „ausreichend“

  • und bei Spiegeln über 50 ng/dL ist mit möglichen ungünstigen Effekten „wie Hyperkalzämie, Nephrolithiasis oder vaskulären Komplikationen“ zu rechnen.

Die NIH empfehlen für eine Supplementierung eine Dosis von 600 bis 800 IU täglich, stufen aber eine Aufnahme von bis zu 4.000 IU Vitamin D3 täglich als noch sicher ein, bis zu dieser Dosis sei mit keinen ungünstigen Wirkungen zu rechnen. Diese Maximaldosis ist in D2d ausgereizt worden – und laut Pittas hat sich auch bestätigt, dass sie sicher ist: Weder Hyperkalzämie noch Nierensteine oder eine eingeschränkte glomeruläre Filtrationsrate wurden vermehrt festgestellt.

„Bescheidene“ Effekte im Vergleich zu DPP

In einem begleitenden Kommentar zur Studie im New England Journal of Medicine stellt Dr. Deborah J. Wexler von der Harvard Medical School in Boston fest, dass die „beobachtete Hazard Ration von 0,88 in D2d einen moderaten positiven Effekt der Vitamin-D-Supplementierung auf das Diabetesrisiko nicht ausschließt“. [3] Vielleicht hätte sich ein signifikanter Nutzen noch ergeben, wenn die Studie länger gewesen wäre oder mehr Teilnehmer gehabt hätte, spekuliert sie.

Allerdings stellt Wexler das Ergebnis von D2d mit einer nicht signifikanten 12%igen Risikoreduktion auch demjenigen des Diabetes Prevention Program (DPP) gegenüber: In dieser Studie, hatte über ein Follow-up von 2,8 Jahren eine intensive Lebensstil-Intervention bei Menschen mit „Prä-Diabetes“ das Risiko der Progression zum klinisch manifesten Diabetes um 58% gesenkt – und die Gabe von Metformin immerhin noch um 31% im Vergleich zu Placebo.

 
Dies rechtfertigt auf keinen Fall die Supplementierung einer Population mit Vitamin-D-Spiegeln im Normbereich. Dr. Deborah J. Wexler
 

Ist die Supplementierung wenigstens eine Präventionsmöglichkeit für Menschen mit sehr niedrigen Ausgangswerten? Bei ihnen könnte ein möglicher positiver Effekt auf den Glukosemetabolismus ausgeprägter sein.

Wie Drexler schreibt, haben die D2d-Autoren dies ebenfalls untersucht. Und tatsächlich war die Subgruppenanalyse bei denjenigen mit Vitamin-D-Spiegeln unter 12 ng/dL positiv: Bei ihnen war die Zahl der Diabetesdiagnosen um 62% unter der Supplementierung reduziert (HR 0,38, 95%-CI 0,18-0,80). Doch war diese Subgruppe klein und umfasste nur 103 Teilnehmer. Erweitert man die Subgruppe auf diejenigen mit Spiegeln unter 20 ng/dL ist das Ergebnis mit einer HR von 0,87 wieder das gleiche wie in der Gesamtstudie.

Ihr Fazit: „D2d ist eine gut gemachte Studie, die eine wichtige Hypothese zur Diabetesprävention adressiert hat.“ Aber: „Jedweder Nutzen von Vitamin D zur Diabetesprävention ist – falls vorhanden – eher bescheiden und rechtfertigt auf keinen Fall die Supplementierung einer Population mit Vitamin-D-Spiegeln im Normbereich.“
 

Kommentar

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