Alarmierender Trend: Immer mehr junge Menschen erkranken an Darmkrebs – Folge von Übergewicht und Fehlernährung?

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

7. Juni 2019

Nicht nur in den USA, auch in Europa und anderen Ländern mit hohem Einkommen erkranken immer mehr junge Erwachsene an Dick- und Enddarmkrebs. Das belegen jetzt 2 große Beobachtungsstudien, die in den Fachblättern Gut und The Lancet Gastroenterology & Hepatology erschienen sind [1].

 
Während die Patientenzahlen (…) bei den über 50-Jährigen infolge des Screenings gesunken sind, steigen sie bei den unter 50-Jährigen. Dr. Michael Hoffmeister
 

Den Untersuchungen zufolge sind die Fallzahlen insbesondere in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen in den vergangenen 3 Jahrzehnten deutlich gestiegen.

Zunehmende Fettleibigkeit könnte den Negativtrend begünstigt haben

„Die beiden Studien bestätigen tatsächlich zum ersten Mal einen Trend, den man schon seit Längerem in den USA beobachtet“, kommentiert Dr. Michael Hoffmeister, stellvertretender Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, im Gespräch mit Medscape.

„Während die Patientenzahlen in der Vergangenheit bei den über 50-Jährigen infolge des Screenings gesunken sind, steigen sie bei den unter 50-Jährigen“, sagt Hoffmeister. Letzteres sei vor allem auch deswegen beunruhigend, da die Zahlen zuvor lange Zeit auf gleichem Level geblieben seien, so der Epidemiologe.

Dr. Michael Hoffmeister

Die Gründe für diese Entwicklung sind Hoffmeister zufolge noch unklar. „Die wichtigsten Risikofaktoren für Dick- und Enddarmkrebs sind Übergewicht, mangelnde Bewegung, schlechte Ernährung, Rauchen und Alkohol“, sagt der DKFZ-Experte, der die Arbeitsgruppe „Molekular-pathologische Epidemiologie“ leitet. „Am plausibelsten erscheint derzeit, dass Übergewicht und zunehmende Fettleibigkeit den negativen Trend bei jungen Erwachsenen begünstigt haben.“ Wissenschaftlich belegt sei dieser Zusammenhang bislang aber nicht.

Seit 2004 sind die Erkrankungsraten besonders stark gestiegen

Für die in Gut veröffentlichte Studie analysierte ein europäisches Team um Prof. Dr. Manon Spaander von der Abteilung für Gastroenterologie am Erasmus University Medical Center im niederländischen Rotterdam Zahlen von nationalen und regionalen Krebsregistern aus den Jahren 1990 bis 2016. Insgesamt flossen in die Untersuchung die Daten von rund 143,7 Millionen Menschen aus 20 Ländern ein, darunter auch Deutschland und die Niederlande.

Wie Spaander und ihr Team berichten, erkrankten im Untersuchungszeitraum 187.918 Menschen an Darmkrebs – wobei den Forschern zufolge insbesondere in jüngster Zeit ein zunehmender Anstieg der Fallzahlen zu beobachten gewesen ist. In der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen stieg demnach die Zahl der Neuerkrankungen zwischen 1990 und 2016 von 0,8 auf 2,3 pro 100.000 Personen.

 
Am plausibelsten erscheint derzeit, dass Übergewicht und zunehmende Fettleibigkeit den negativen Trend bei jungen Erwachsenen begünstigt haben. Dr. Michael Hoffmeister
 

Den stärksten Anstieg der Erkrankungsrate beobachteten die Wissenschaftler zwischen 2004 und 2016 mit durchschnittlich 7,9% pro Jahr. In der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen fiel der Anstieg mit jährlich 4,9% zwischen 2005 und 2016 etwas geringer aus.

Bei den 40- bis 49-Jährigen sanken die Neuerkrankungsraten zwischen 1990 und 2004 zunächst um jährlich 0,8% und stiegen dann zwischen 2004 und 2016 wieder um jährlich 1,6%.

Die Zahl der tödlich endenden Erkrankungen sank allerdings eher

Einen spürbaren Anstieg der Patientenzahlen verzeichneten die Wissenschaftler bei den 20- bis 39-Jährigen in 12 Ländern: Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Norwegen, Schweden Finnland, Irland, Frankreich, Dänemark, Tschechien und Polen. Bei den 40- bis 49-Jährigen stiegen sie in 8 Ländern: Großbritannien, Grönland, Schweden, Slowenien, Deutschland, Finnland, Dänemark und den Niederlanden – während sie in Tschechien seit 1997 gesunken sind.

Nicht signifikant verändert hat sich hingegen die Zahl tödlich verlaufender Darmkrebs-Erkrankungen in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen. Bei den 30- bis 39-Jährigen sank die Zahl zwischen 1990 und 2016 sogar um jährlich 1,1% und bei den 40- bis 49-Jährigen zwischen 1990 und 2009 um 2,4%.

Noch ist es zu früh, die Empfehlungen zum Screening zu verändern

Da es sich um eine reine Krebsregisterstudie handele, lassen sich anhand ihrer Ergebnisse jedoch keine Aussagen zu den Gründen für den ausgemachten Trend treffen, schreiben Spaander und ihr Team. Eine weitere Limitation ihrer Studie sehen die Forscher in der je nach Land recht unterschiedlichen Qualität der Daten. In manchen der in die Analyse miteinbezogenen Länder habe es darüber hinaus nur Daten aus einzelnen Regionen gegeben, so die Autoren.

Noch ist es ihrer Ansicht nach zu früh, um das Alter, von dem an ein regelmäßiges Screening empfohlen wird, auf 45 Jahre herabzusetzen – so wie es beispielsweise vor einiger Zeit in den USA geschehen ist. Doch wenn der beobachtete Trend anhalte, müssten die gegenwärtigen Empfehlungen zur Früherkennung auch in Europa zumindest überdacht werden, schreiben Spaander und ihre Kollegen.

 
Die allermeisten Menschen erkranken also weiterhin erst jenseits der 50. Dr. Marzieh Araghi
 

Bis dahin sei es vor allem wichtig, die entscheidenden Faktoren auszumachen, die das Entstehen von Darmkrebs bei jungen Erwachsenen begünstigen.

Besonders die 20- bis 29-Jährigen erkranken offenbar zunehmend

In der zweiten Studie, die im Fachblatt The Lancet Gastroenterology & Hepatology veröffentlicht ist, hat ein Team um Dr. Marzieh Araghi von der International Agency for Research on Cancer im französischen Lyon Langzeitdaten von 21 bevölkerungsbezogenen Krebsregistern aus 7 Ländern mit hohem Einkommen (Australien, Dänemark, Großbritannien, Irland, Kanada, Neuseeland und Norwegen) ausgewertet [2].

Wie Araghi und ihre Kollegen berichten, stiegen die Zahlen der unter 50-jährigen Patienten mit Dickdarmkrebs zwischen 2004 und 2014 in 4 Ländern signifikant: in Dänemark um jährlich 3,1%, in Neuseeland und Australien um jeweils 2,9% und in Großbritannien um jährlich 1,8%.

Bei den unter 50-Jährigen mit Enddarmkrebs hätten sich die Zahlen in Kanada (pro Jahr um 3,4%), Australien (2,6%) und Großbritannien (1,4%) erhöht. Besonders deutlich war der Anstieg in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen: Dort mehrten sich die Fälle eines Rektalkarzinoms in Dänemark zum Beispiel um jährlich 18,1% und in Norwegen um 10,6%.

Im gleichen Zeitraum, also zwischen 2004 und 2014, verringerte sich bei den über 50-Jährigen die Zahl der Darmkrebserkrankungen hingegen. Beim Kolonkarzinom sank sie in Neuseeland um jährlich 3,4%, in Kanada um 1,9% und in Australien um 1,6%. Im Fall des Rektalkarzinoms reduzierte sie sich in Australien um jährlich 2,4% und in Großbritannien und Kanada um jeweils 1,2%.

Die Familiengeschichte kann helfen, Risikopersonen aufzuspüren

„Obwohl die Inzidenz von Darmkrebs bei den unter 50-jährigen Erwachsenen noch immer sehr viel geringer ist als bei den darüber liegenden Altersgruppen, liefern unsere Ergebnisse Anlass zur Besorgnis und betonen die Notwendigkeit von Aktionen, um der steigenden Krankheitslast bei jüngeren Menschen entgegenzuwirken“, wird Araghi in einer Mitteilung der Lancet-Redaktion zitiert.

Auch sie geht davon aus, dass Übergewicht und Fehlernährung den Negativtrend begünstigt haben. Nationale Programme, die sich für eine gesündere Ernährung und mehr körperliche Aktivität einsetzen, seien daher vermutlich der effizienteste Weg, um Änderungen auf der Bevölkerungsebene sicherzustellen, so Araghi.

Zudem könne es helfen, anhand der Familiengeschichte diejenigen jungen Erwachsenen auszumachen, die eine hohe genetische Anfälligkeit oder familiäre Vorbelastung für Darmkrebs aufweisen – um dann gezielt diesen Menschen eine geeignete Form der Früherkennung anzubieten.

 
Hausärzte und Gastroenterologen sollten sich der steigenden Erkrankungszahlen bei jüngeren Menschen bewusst sein. Dr. Marzieh Araghi
 

Denn auch wenn Araghi noch einmal betont, wie sehr Screening-Programme dabei geholfen haben, die Inzidenz von Darmkrebs bei den über 50-Jährigen zu senken, hält die Epidemiologin zum jetzigen Zeitpunkt nur wenig davon, das Screening-Alter generell herabzusetzen. Aufgrund der insgesamt noch immer niedrigen Fallzahlen bei den unter 50-Jährigen sei ein solcher Schritt nicht kosteneffizient, sagt sie.

Wichtig sei es nun, weitere Studien zu planen, um den Ursachen für die steigenden Erkrankungsraten bei jüngeren Menschen auf die Spur zu kommen. Erst das würde die Entwicklung effektiver Strategien zur Prävention und Früherkennung ermöglichen, so Araghi.

Im Jahr 2014 waren nur 6% der Darmkrebspatienten jünger als 50 Jahre

Es sei zwar beunruhigend, dass immer mehr junge Erwachsene bereits an einem Kolon- oder Rektalkarzinom erkranken, sagt auch der DKFZ-Experte Hoffmeister. Allerdings schlage sich der beobachtete Anstieg auf die Fallzahlen insgesamt nicht allzu stark nieder. So seien im Jahr 2014 beispielsweise hierzulande nur 6% aller Patienten mit Darmkrebs jünger als 50 Jahre gewesen. „Die allermeisten Menschen erkranken also weiterhin erst jenseits der 50“, sagt der Epidemiologe.

Auch Hoffmeister sieht daher noch keine Notwendigkeit, das Alter, von dem an ein Screening empfohlen wird, herabzusetzen. „Ein solcher Schritt würde zu vielen unnötigen Untersuchungen führen“, sagt er.

Sinnvoll könne es aber sein, die Risikogruppen innerhalb der 20- bis 49-Jährigen zu identifizieren, um dann gezielt diesen Menschen eine geeignete Form der Früherkennung anzubieten, betont auch er. „Darüber hinaus sollten Hausärzte und Gastroenterologen sich der steigenden Erkrankungszahlen bei jüngeren Menschen bewusst sein“, ergänzt der Wissenschaftler, „damit sie erste Symptome gleich verfolgen und dabei auch Darmkrebs in Betracht ziehen.“
 

Kommentar

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