Hoffnung für Patienten mit Pankreaskarzinom und BRCA-Mutation: Mit Olaparib 22% progressionsfrei nach 2 Jahren

Sonja Boehm

Interessenkonflikte

4. Juni 2019

Chicago – Das Pankreaskarzinom gilt immer noch als eine der am schwierigsten zu behandelnden Krebsarten – mit dementsprechend besonders schlechter Prognose. Umso erfreulicher, wenn es – zumindest für eine Subgruppe dieser Patienten – positive Nachrichten zu vermelden gibt. Dies ist jetzt beim jährlichen Treffen der American Society of Clinical Oncology (ASCO) in Chicago geschehen.

In der dort vorgestellten randomisierten Phase-3-Studie POLO (Pancreas Cancer Olaparib Ongoing) hat eine Erhaltungstherapie mit dem PARP-Hemmer Olaparib (Lynparza®) bei Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs und BRCA-Mutation die Progression der Erkrankung deutlich verzögert [1]. Die mediane Zeit bis zur Progression (Progression Free Survival, PFS) wurde von 3,8 Monaten unter Placebo auf 7,4 Monate unter Olaparib quasi verdoppelt (HR 0,53, 95%-KI 0,35-0,82; p=0,0038). Die Studie ist parallel zur Präsentation im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden [2].

Bei 22% keine Progredienz nach 2 Jahren

In der Studie waren Patienten, deren Krebs nach Behandlung mit einer initialen Platin-basierten Chemotherapie nicht progredient war, auf das oral zu verabreichende Olaparib (300 mg 2 x täglich) oder Placebo randomisiert worden. Nach 2 Jahren war die Krebserkrankung unter dem PARP-Inhibitor immer noch bei 22,1% der Behandelten nicht progredient. Unter Placebo betrug diese Quote nur 9,6%.

 
Mit der Behandlung wurde bei einigen Patienten eine exzellente Krankheitskontrolle, auch noch nach 2 Jahren, erreicht. Dr. Suzanne ColeX
 

Die Daten zum Überleben seien derzeit „noch nicht reif“, berichtete Studienleiterin Prof. Dr. Hedy L. Kindler, University of Chicago Medicine, bei einer Pressekonferenz während der Tagung. In der Interimsanalyse, die noch weniger als 50% der Patienten umfasse, zeige sich hier derzeit noch kein Unterschied.

Prof. Dr. Hedy L. Kindler

Trotzdem war die von der ASCO als Kommentatorin eingeladene Expertin Dr. Suzanne Cole, Oklahoma Society of Oncology, vom vorläufigen Ergebnis begeistert. „Dies ist ein großer Schritt vorwärts“, sagte sie. „Es handelt sich um die erste Studie mit einer gezielten Therapie beim Pankreaskarzinom – und mit der Behandlung wurde bei einigen Patienten eine exzellente Krankheitskontrolle, auch noch nach 2 Jahren, erreicht.“   

Eine wichtige Konsequenz aus der Studie sieht sie in einer verstärkten Anwendung von Tests auf den Biomarker: „Es ist unsere Pflicht, nach dieser Mutation bei allen Patienten mit Pankreaskarzinom zu suchen!“

 
Es ist unsere Pflicht nach dieser Mutation bei allen Patienten mit Pankreaskarzinom zu suchen. Dr. Suzanne ColeX
 

Als Beispiel berichtete sie von einem ihrer Patienten: Der Bruder des Mannes war einige Jahre zuvor bereits innerhalb weniger Monate nach Diagnose eines Pankreaskarzinoms gestorben. Als er selbst die gleiche Diagnose erhielt – und der Krebs bereits in die Leber metastasiert hatte – fand sich in den Bluttests eine BRCA-Keimbahn-Mutation bei ihm. Er konnte daraufhin in die POLO-Studie aufgenommen werden, erhielt Olaparib und habe inzwischen „bei guter Lebensqualität“ bereits zweieinhalb Jahre überlebt, die Lebermetastase sei sogar geschrumpft, berichtete Cole.

BRCA-Tests derzeit keine Routine – sie sollten es aber werden

Laut Kindler findet sich bei etwa 4 bis 7% der Pankreaskarzinome eine Mutation in einem der beiden BRCA-Gene. Bislang werden diese Patienten aber nicht routinemäßig darauf getestet.

Olaparib hemmt bekanntlich die Wirkung von als humane Poly(ADP-Ribose)-Polymerase (PARP) bezeichneten Enzymen, die bei der Zellteilung an der Reparatur beschädigter DNA in den Zellen (sowohl in normalen als auch in Krebszellen) beteiligt sind. Die Blockade der PARP-Enzyme verhindert, dass beschädigte DNA in den Krebszellen repariert wird – mit der Folge, dass diese absterben. Olaparib wird bereits bei BRCA-assoziierten Mamma- und Ovarialkarzinomen eingesetzt.

Für die POLO-Studie waren 3.315 Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs gescreent worden. Bei 247 fand sich eine BRCA1 bzw. BRCA2-Genmutation. 154 Patienten konnten – nachdem sie unter einer mindestens 16-wöchigen initialen Platin-basierten Chemotherapie keine Progredienz gezeigt hatten – auf einer 3:2-Basis randomisiert werden: 92 erhielten Olaparib als Erhaltungstherapie, 62 Placebo. Die Behandlung begann 4 bis 8 Wochen nach der letzten Gabe der Chemotherapie.

 
Wir stehen eventuell am Scheitelpunkt zu einer neuen Ära der Behandlung beim Pankreaskarzinom.  Dr. Suzanne ColeX
 

Sowohl nach 6 als auch nach 12, 18 und 24 Monaten war die Rate derjenigen, die keine Krankheitsprogression zeigten, unter Olaparib mindestens doppelt so hoch wie unter Placebo, berichtete Kindler. Olaparib habe das Risiko für eine Krankheitsprogression um 47% gesenkt (HR 0,53). Nach einem Jahr habe jeder 3. Patient unter Olaparib noch keine Anzeichen einer Progression gezeigt, so die Krebsexpertin. Unter Placebo betrug diese Rate dagegen nur 14,5%. Nach 2 Jahren betrugen die entsprechenden Raten 22,1% unter Olaparib und 9,6% unter Placebo.

Insgesamt sei die Behandlung mit dem PARP-Hemmer gut vertragen worden, so Kindler. Zwischen den Gruppen habe es keine Unterschiede in der Lebensqualität gegeben. Schwere Nebenwirkungen (mindestens Grad 3) seien bei 40% der Patienten unter Olaparib aufgetreten und bei 23% unter Placebo.

Kindler und Cole erwarten, dass die Studie die derzeitige Praxis verändern wird. Dies zum einem, was die BRCA-Testung beim Pankreaskarzinom angeht, zum anderen aber auch hinsichtlich der Therapie. Cole: „Wir stehen eventuell am Scheitelpunkt zu einer neuen Ära der Behandlung beim Pankreaskarzinom – zum ersten Mal können wir die Therapie mithilfe eines Biomarkers anpassen.“

Und für diejenigen mit einer BRCA-Mutation habe sich nun eine neue vielversprechende Therapie aufgetan, um die Progression aufzuhalten. „Wir sind begierig darauf, die längerfristigen Ergebnisse zu sehen, um den vollen Umfang dieser Studienergebnisse zu bewerten“, sagte Cole weiter. Wie Kindler ankündigte, erwarten sie und ihre Kollegen, die Ergebnisse zum Gesamtüberleben noch im Laufe dieses Jahres präsentieren zu können.

 

Kommentar

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