Immer noch zu viele „late presenter“! Deutschland bei HIV und Hepatitis im Hintertreffen – was Ärzte tun können

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

4. Juni 2019

Berlin – Bei der Bekämpfung von HIV hat Deutschland noch nicht alle Zielvorgaben der Vereinten Nationen erreicht – und bei Hepatitis C lässt die Leistung noch mehr zu wünschen übrig. Vor allem bleiben zu viele Infizierte unentdeckt.

Wie sich das verbessern lässt, debattierten Experten auf dem Symposium „Update Infektiologie: HIV und Hepatitis C eindämmen und eliminieren – wie weit sind wir?“ Was müssen wir tun?“ auf dem Hauptstadtkongress in Berlin [1].

Die Zeit drängt, denn für HIV sollen die Ziele bis 2020 erreicht sein. Ein Ansatz aus England zeigt, wie man Ärzte veranlassen könnte, öfter an eine mögliche HIV-Infektion zu denken.

Zu viele „late presenter“ in Deutschland

Für HIV lauten die UN-Zielvorgaben „90-90-90“: Mindestens 90% der Menschen mit HIV sollten von ihrer Infektion wissen, mindestens 90% sollten Medikamente erhalten, und bei ebenfalls mindestens 90% sollte das Virus unter der Nachweisgrenze sein und dann auch nicht mehr übertragbar.

Die entsprechenden Werte für Deutschland betragen aktuell 87-92-95, wie Viviane Bremer, Leiterin der Fachgruppe „HIV/AIDS und andere sexuell oder durch Blut übertragbare Infektionen“ des Robert Koch-Instituts erläuterte. 2 Ziele sind also erreicht, eines aber noch nicht: Immer noch wissen zu wenige Menschen von ihrer HIV-Infektion.

Das lässt sich auch an der Rate jener ablesen, bei denen das Virus erst spät entdeckt wird: 15% der Betroffenen erhalten die Diagnose erst, wenn bei ihnen bereits AIDS ausgebrochen ist. „Der Anteil dieser ‚late presenter‘ ist in den letzten Jahren nicht gesunken“, mahnt Bremer.

 
Der Anteil dieser ‚late presenter‘ ist in den letzten Jahren nicht gesunken. Viviane Bremer
 

Im Gegenteil: Seit Beginn des Jahrtausends ist er sogar leicht gestiegen. Was sind die Gründe für diese Stagnation?

 „Die Angst vor HIV ist zwar gleichbleibend hoch“, erläutert Ines Perea, Leiterin des Referats „Strategie der AIDS-Bekämpfung" im Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Doch viele Menschen hätten nach wie vor Vorbehalte, sich beim Arzt oder in einer Beratungsstelle testen zu lassen. Der neue HIV-Selbsttest könnte hier eine Verbesserung bringen.

Befürchtungen, dass es nach positiven Ergebnissen zu Hause vermehrt zu Suiziden kommt, hätten sich in anderen Ländern nicht bewahrheitet: „Dass die Menschen den Test zu Hause machen, bedeutet auch nicht notwendigerweise, dass sie dabei allein sind.“

Die Strategie, auf die Verpackungen der Selbsttests die Telefonnummern von Hotlines und Beratungsstellen zu drucken, sei erfolgreich: „Das wird gut angenommen.“

Ärzte fragen zu wenig nach

Aber auch Ärzte denken immer noch zu selten an eine mögliche HIV-Infektion, kritisiert Prof. Dr. Jürgen Rockstroh, Präsident der Europäischen AIDS-Gesellschaft und Leiter der Ambulanz für Infektiologie und Immunologie des Universitätsklinikums Bonn.

Dabei gebe es eine klare Liste mit „Indikatorkrankheiten“, die auf eine HIV-Infektion hindeuten: „Fast alle Patienten, die zu uns in die Ambulanz kommen, haben eine dieser Krankheiten. Es hätte also schon vorher die Chance auf eine HIV-Diagnose gegeben – aber der Test wurde nicht angeboten.“

Zu den Indikatorkrankheiten gehören z.B. Tuberkulose, Non-Hodgkin-Lymphom, Anal- und Zervixkarzinom, eine Virushepatitis (B oder C) sowie die ösophageale Candidose – bei all diesen Erkrankungen raten die Leitlinien dringend zu einem HIV-Test.

Viele Ärzte scheuten sich auch, sexuelle Themen überhaupt anzusprechen und beispielsweise zu fragen, ob ein männlicher Patient Sex mit Männern hat. „Solche Themen werden auch in der Ausbildung nicht gelehrt.“

Eine wirksame Methode der Sensibilierung wird derzeit in England eingesetzt: Wird bei einem Patienten dort HIV (spät) diagnostiziert, werden alle Ärzte, die ihn zuvor behandelt (und nicht getestet) haben, darüber informiert – „quasi als Weckruf, dass hier etwas falsch gelaufen ist“, sagt Rockstroh.

100.000 Hepatitis-C-Infizierte kennen ihre Diagnose nicht

Weiter entfernt von den UN-Zielen ist Deutschland im Bereich Hepatitis C. Bis zum Jahr 2020 sollen laut WHO-Plan 30% der Infizierten weltweit ihre Diagnose kennen, 2030 sollen es 90% sein. Bis dann soll die Virus-Hepatitis insgesamt eliminiert werden. Für Deutschland wird die Zahl der Infizierten derzeit auf 250.000 geschätzt, davon kennen 100.000 Infizierte ihre Diagnose nicht. Bis 2030 bleibt also noch viel zu tun.

 
Auch die Frage nach einem intravenösen Drogengebrauch und nach Blutprodukten sollte daher öfters vom Arzt gestellt werden. Prof. Dr. Jürgen Rockstroh
 

Zwar ist die Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland nach Daten des Robert Koch-Instituts mit rund 0,3% niedrig. In gefährdeten Gruppen wie Drogennutzern, Häftlingen, Migranten, HIV-Patienten und Männern, die Sex mit Männern haben, ist sie aber teilweise sehr hoch.

Unter den Drogennutzern etwa hat schätzungsweise jeder Zweite eine aktive Infektion mit Hepatitis C. „Diese Betroffenen trauen sich oft nicht, eine Arztpraxis aufzusuchen“, weiß Perea, „etwa, weil sie fürchten, dort nicht willkommen zu sein.“ Und wenn sie hingehen, erzählen sie dem Arzt nicht unbedingt, dass sie Drogen spritzen.

Scheuen die Länder die Behandlungskosten für Häftlinge?

„Auch die Frage nach einem intravenösen Drogengebrauch und nach Blutprodukten sollte daher öfters vom Arzt gestellt werden“, sagt Rockstroh. In einer Studie mit 51 Hausarztpraxen in Deutschland wurden 21.000 Patienten routinemäßig auf Antikörper gegen das Hepatitis-C-(und B-)Virus getestet. 0,95% waren positiv, davon kannten 65% ihre Diagnose zuvor nicht.

Eine gefährdete Gruppe, die man eigentlich gut erreichen könnte, sind Häftlinge. Doch hier spielt offenbar die Finanzierung eine Rolle, wie Perea erläutert. Denn die Behandlung von Häftlingen wird nicht durch die Krankenkassen erstattet, sondern direkt von den Ländern und Kommunen bezahlt.

Da die Therapie des Hepatitis C-Virus sehr teuer ist, würde eine Behandlung aller infizierten Häftlinge bedeuten, dass die Kosten für die Gesundheitsversorgung in Haftanstalten auf mehr als das Doppelte steigen.

Zudem fehle es an Haftmedizinern. „Bei den Justizministern steigt aber das Bewusstsein für das Thema“, sagt Perea, „so dass wir hoffen, dass wir da bald Verbesserungen erreichen.“
 

Kommentar

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