Coole Alternative zum Weltnichtrauchertag? Die neuen Nikotin-Devices gefährden vor allem junge Leute, warnen Ärzte

Manuela Arand

Interessenkonflikte

31. Mai 2019

Dallas – Die Zahlen sollten Eltern und Ärzte alarmieren: 1,5 Millionen neue Nutzer so genannter ENDS (electronic nicotine delivery systems) verzeichneten US-Statistiken in nur einem Jahr, viele davon Jugendliche und junge Erwachsene. Knapp 50% betrug der Anstieg bei Schülern der Mittelstufe („Middle school“), 78% in den High Schools.

Bunte Vielfalt von Geräten und Geschmacksrichtungen

Die Vielfalt der Nikotin-Devices, die ohne Anzünden des Tabaks auskommen, ist jetzt bereits schwer zu überschauen, und ständig kommen neue hinzu, deren Optik vor allem auf junge Kundschaft abzielt, wie Prof. Dr. Ilona Jaspers, University of North Carolina, Chapel Hill, beim ATS-Kongress 2019 in Dallas, USA, erläuterte [1].

Neben den Vaping-Systemen, die Nikotin in wohlriechenden und -schmeckenden „Liquids“ verdampfen, gibt es so genannte Heat-not-burn(HNB)-Zigaretten. Sie verwenden echten Tabak, erzeugen das Aerosol jedoch nicht durch Verbrennung, sondern durch Erhitzen.

Es gibt Geräte in allen Farben und Formen – eines ähnelt sogar einem Dosierspray, wie es für inhalative Medikamente verwendet wird. „Der einzige Unterschied besteht im Etikett, das darauf klebt“, so die Umweltmedizinerin. Beliebt sind auch E-Zigaretten, die sich mit dem Smartphone verbinden lassen, auf das die passende App schon runtergeladen wurde, zum Beispiel eine „für Selbstwickler, Liquid-Mixer und E-Zigaretten-Bastler“.

Deutliche Effekte auf Zellen der Atemwege

Dass die neuen Nikotin-Devices harmloser sein sollen als herkömmliche Zigaretten, wird behauptet – bewiesen ist es nicht. Die Effekte der Nikotinverdampfer und HNB-Systeme auf Zellen der Atemwegswand sind jedenfalls kaum geringer als die traditioneller Zigaretten.

Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte In-vitro-Studie, in der Epithel- und glatte Muskelzellen gegen den Rauch exponiert wurden. Die Zellviabilität litt bei allen 3 Rauchversionen.

Eine weitere Untersuchung, für die Probanden Epithelzellen aus der Nasenschleimhaut entnommen wurden, ergab, dass E-Zigaretten-Raucher fast 7-mal so viele Veränderungen an immunologisch relevanten Genen im Vergleich zu Nichtrauchern aufwiesen als die, die herkömmliche Zigaretten rauchten.

Nikotin-Vaping reguliert Immunfunktionen herunter

Auffällig: Alle Veränderungen führten zur Herunterregulierung. Und das hat Folgen: Das Immunsystem von E-Zigarettenrauchern reagiert anders auf Pathogene als das von Zigarettenrauchern, ergab eine beim ATS präsentierte Studie mit einer nasalen attenuierten Influenza-Lebendvakzine.

 
Der Gebrauch von E-Zigaretten könnte die adaptive antivirale Immunreaktion beeinträchtigen. Prof. Dr. Ilona Jaspers
 

Vor allem für die Virusabwehr wichtige Funktionen wie die Produktion von Interferon-gamma sprangen bei den E-Rauchern nicht richtig an. „Der Gebrauch von E-Zigaretten könnte die adaptive antivirale Immunreaktion beeinträchtigen“, meinte Jaspers. Dabei bestehen offenbar Unterschiede zwischen den Geschlechtern – Frauen reagierten sehr viel empfindlicher und zeigten mehr Immunveränderungen als Männer.

Wirkungen der Geschmacksstoffe in Liquids weitgehend unerforscht

Jaspers‘ Arbeitsgruppe konzentriert sich in ihrer Forschung auf die Liquids respektive die darin enthaltenen Geschmacksstoffe. Denn die Moleküle, die so verführerisch nach Mandel, Vanille, Zimt oder Fruchtgummi schmecken, sind zwar für die orale Aufnahme zugelassen und als unbedenklich eingestuft. Die Abkürzung dafür lautet GRAS – generally regarded as safe. Was sie anrichten, wenn sie inhaliert werden, ist jedoch kaum untersucht.

„Die FDA hat über 100 GRAS-Substanzen identifiziert, die respiratorisch bedenklich sein und könnten“, so Jaspers. „Die Substanzen sind nicht per se zytotoxisch, aber sie verändern Zellfunktionen, sodass die Zellen ihre Aufgaben nicht mehr erledigen.“

 
Die FDA hat über 100 GRAS-Substanzen identifiziert, die respiratorisch bedenklich sein und könnten. Prof. Dr. Ilona Jaspers
 

Als Beispiel führte sie das Zimtaroma Cinnam-Aldehyd an, das schon in geringer Konzentration suppressiv auf Makrophagen, Neutrophile und natürliche Killerzellen wirkt. Ähnliche Effekte konnten für Isoamyl-Acetat (Banane), Benz-Aldehyd (Kirsche) und Ethyl-Vanillin gezeigt werden.

Hochdosis-Nikotin macht schnell abhängig

„Der Raucheranteil unter den Schülern und Studenten ist über Jahre gesunken – jetzt steigt er wieder“ ergänzte Prof. Dr. Harold J. Farber, Baylor College of Medicine, Houston. Er zitierte eine Auswahl von Antworten britischer Teenager, warum sie E-Zigaretten mögen: „tolle Geschmacksrichtungen, schöne Farben, sehen cool aus, man kann damit super Tricks machen“. 

Sorgen macht ihm vor allem die E-Zigarette Juul, die extrem hohe Nikotinmengen abgibt. „Juul ist sehr klein, sehr diskret und höchst suchterzeugend.“ In den USA kam das optisch einem USB-Stick ähnelnde Nikotindevice 2015 auf den Markt – nur 3 Jahre später beherrschte es bereits 3 Viertel des E-Zigarettenmarkts.

 
Bei Juul trifft das Nikotin das Gehirn schnell und hart. Prof. Dr. Harold J. Farber
 

Eine einzige Juul-Kartusche in den USA enthält so viel Nikotin wie 20 gewöhnliche Zigaretten (In Deutschland ist der Nikotingehalt der Kartuschen aufgrund gesetzlicher Obergrenzen deutlich niedriger.). Außerdem erzeugt die Aufbereitung als Nikotin-Benzoat laut Farber weniger unangenehme Begleiteffekte als die freie Nikotinbase und verstärkt die Aufnahme: „Bei Juul trifft das Nikotin das Gehirn schnell und hart.“

Das macht vor allem den Gehirnen Heranwachsender zu schaffen, so der Kinderpneumologe. Denn kritische Phasen der Hirnentwicklung werden von nikotinischen Acetylcholin-Rezeptoren reguliert. Die jungen Gehirne werden durch E-Zigaretten quasi geprimt für Nikotin.

Studien, denen zufolge Jugendliche später mit höherer Wahrscheinlichkeit zur traditionellen Zigarette greifen, wenn sie mit E-Zigaretten begonnen haben, stützen diese Theorie.

 

Kommentar

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