Muster im Krankheits-Verlauf erkennen: Kann Big Data helfen, die hohe Sterblichkeit von Sepsis-Patienten zu senken?

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

31. Mai 2019

Berlin – „Die Sepsis ist ein schreckliches Krankheitsbild.“ Prof. Dr. Michael Adamzik, stellvertretender Ärztlicher Direktor und Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum, fand auf dem Hauptstadtkongress in Berlin klare Worte, um sein Anliegen deutlich zu machen: die hohe Sterberate bei einer Sepsis in Deutschland zu senken [1].

 
Bisher verstehen wir schlicht noch nicht, wie eine Sepsis gestoppt werden kann. Prof. Dr. Michael Adamzik
 

Große Hoffnungen setzt er dabei in die Auswertung von großen Datenmengen. „Bisher verstehen wir schlicht noch nicht, wie eine Sepsis gestoppt werden kann“, so Adamzik auf dem Symposium „Muss Sepsis tödlich sein? Wissen ist Macht: Mit Big Data und Decision Support Leben retten?!“

Sterberate ist seit 80 Jahren unverändert

140.000 Menschen erkranken pro Jahr in Deutschland an einer Sepsis, rund 43% sterben daran. Das sind 59.000 Menschen, jeden Tag 162. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr sterben täglich 9 Menschen.

Was Adamzik besonders umtreibt: Obwohl die Sepsis massiv beforscht wird – 140.000 Publikationen allein in den letzten 10 Jahren – ist es bisher nicht gelungen, die Sterberate zu senken. „Seit 80 Jahren haben wir keinerlei erfolgreiche Innovation, das heißt keinerlei Verbesserung in der Bekämpfung der Sepsis erzielt.“ Für jeden 3. Todesfall in Deutschland ist sie bis heute verantwortlich.

 
Seit 80 Jahren haben wir … keinerlei Verbesserung in der Bekämpfung der Sepsis erzielt. Prof. Dr. Michael Adamzik
 

Ein Grund für den mangelnden Fortschritt vermutet Adamzik in dem vorherrschenden wissenschaftlichen Weltbild, das stets nach einer Kausalität, also einer Ursache für eine Erkrankung suche. „Die Sepsis passt da nicht hinein.“

Denn an der Entstehung seien so viele Stellgrößen beteiligt, dass die Erkrankung vielleicht besser durch die Chaostheorie erfasst werde. Demnach kann eine vermeintlich kleine Abweichung wie der Flügelschlag eines Schmetterlings gewaltige Folgen haben, wie einen Wirbelsturm. Oder, auf die Sepsis übertragen, eine Antwort des Immunsystems, die so massiv ausfallen kann, dass sie zu Organversagen und Tod führt.

Suche nach Mustern im Verlauf der Sepsis

Warum aber überlebt der eine Patient und der andere nicht? Die Antwort erhofft sich Adamzik aus der Analyse großer Datenmengen von Patienten – und zwar nicht nur auf der Ebene von klinischen Daten wie Blutwerten, sondern auch auf der von Zellen und Genen. „Omics-Technologien“ wird dieses neue Forschungsfeld genannt. „Wir müssen hier ganz neu denken“, sagt der Experte, „und wir müssen diesen Zugang nutzen.“ Doch dafür brauche es vor allem eines: Geld.

Adamzik hat das dezentrale Forschungs- und Behandlungsnetzwerk „Symbara“ (Systembasierte, personalisierte Sepsisanalyse) mit aufgebaut, das in großen Datensätzen gezielt nach Mustern im Verlauf der Sepsis suchen und dadurch neue Behandlungsansätze finden soll. Doch bisher gibt es nur eine Teil-Finanzierung.

Überlebensrate variiert nach Entlassungsziel

Einige Ansätze lassen sich allerdings auch mit klassischer Forschung finden. Dr. Stefanie Schmitz vom Institut für Versorgungsforschung der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See in Bochum stellte eine Untersuchung mit Patienten vor, die eine akute Sepsis überlebt haben. Auch von diesen sterben noch 35% im ersten Jahr nach der Entlassung.

Schmitz wertete die Daten von 117.202 Patienten aus, die zwischen 2009 und 2016 behandelt wurden. Davon hatten 7.231 einen septischen Schock erlitten, 77.437 eine Sepsis und 32.534 eine schwere Infektion ohne Organversagen.

Verglichen wurden die Patienten mit je einem vom Alter und Krankheitsgrad ähnlichen Patienten, der aber keine Sepsis hatte (matched pairs). Schmitz suchte nach Variablen, die das Überleben beeinflussen.

Ergebnis: Die Sterblichkeit in den 5 Jahren nach dem Krankenhausaufenthalt variierte je nachdem, wohin die Patienten entlassen wurden.

  • Die beste Überlebensrate hatten Patienten, die direkt in die Reha gingen: Von ihnen waren nach 5 Jahren noch knapp 50% am Leben.

  • Am zweitgünstigsten war die Entlassung nach Hause,

  • gefolgt von der Verlegung in ein anderes Krankenhaus.

  • Die schlechteste 5-Jahres-Überlebensrate hatten mit rund 20% jene Patienten, die in ein Pflegeheim entlassen wurden.

Schmitz verglich dann noch einmal gesondert Patienten, die nach Hause verlegt wurden (als Referenzgruppe) mit solchen, die in die Reha gingen.

 
Ideal wäre natürlich, wenn man die Daten der Versicherer mit Daten zu den Vitalparametern kombinieren könnte. Dr. Stefanie Schmitz
 

Ergebnis: Die direkte Teilnahme an der Reha verbessert signifikant die Überlebenschance. Bei Sepsis und septischem Schock braucht es 12,4 Reha-Patienten, damit einer zusätzlich überlebt (Number Needed to Treat, NNT), bei der schweren Infektion sogar nur 8,2.

„Ideal wäre natürlich, wenn man die Daten der Versicherer mit Daten zu den Vitalparametern kombinieren könnte“, sagt Schmitz, „das ist ein Fundus, der bisher nicht gehoben wurde.“ Dann ließen sich möglicherweise weitere Variablen finden, die das Langzeitüberleben beeinflussen. „Grundsätzlich kann man schon sagen, je mehr Daten, besto besser.“
 

Kommentar

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