Sonnenschutzmittel: UV-Filter gelangen in relativ hohen Konzentrationen ins Blut – wie gefährlich ist das?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

24. Mai 2019

Bei normaler Anwendung handelsüblicher Sonnenschutzmittel gelangen UV-Filter durch die Haut und sind (in relativ hohen Konzentrationen) im Blutplasma nachweisbar. Die in den USA gültige Höchstkonzentration von 0,5 ng/ml überschritten in einer aktuellen Testserie der FDA dabei alle 4 Präparate. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Murali K. Matta von der US Food and Drug Administration (FDA) zusammen mit Kollegen in einer Publikation in JAMA  [1]. Basis war eine randomisierte klinische Studie mit 24 gesunden Probanden.

„Das Studiendesign ist soweit in Ordnung. Durch wiederholtes Auftragen werden auch Rückschlüsse auf wiederholte Expositionen möglich“, sagt Dr. Annegret Blume zu Medscape. Sie ist Geschäftsführerin der Kommission für Kosmetische Mittel am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Auch die verwendeten Mengen entsprächen den Empfehlungen zur Anwendung.

Dem stehen nach ihrer Ansicht aber mehrere Schwächen der Untersuchung gegenüber: „Die Präparate wurden im Innenraum, also nicht unter Anwendungsbedingungen, getestet“, so die Expertin. Photochemische Reaktionen oder photochemische Interaktionen mit Hautproteinen könne man deshalb nicht sehen.

Auch die Gruppengröße sei gerade über der statistischen Untergrenze von 5 für biologische Systeme, um statistisch signifikante Aussagen zu treffen. Und bei den Plasmakonzentrationen sei kein Gleichgewichtszustand erreicht worden.

Blume verweist zudem auf die orale Exposition von Lippenpflege-Produkten gegen Sonne und die inhalative Exposition bei Sonnensprays. „Der Großteil der Exposition geschieht aber über die Haut“, räumt die Expertin ein.

Unterschiedliche Regulationen bei der Zulassung

Alle genannten UV-Filter seien auch in der EU zugelassen. Blume zufolge sind Mattas Ergebnisse aber für Deutschland dennoch ohne Relevanz, was an Unterschieden bei der Zulassung liege: „In den USA sind Sonnenschutzmittel OTC drugs, also rezeptfreie Arzneimittel.“ Laut FDA müssten Hersteller bei diesen Produkten keine toxikologischen Daten einreichen, falls der Plasmaspiegel unter 0,5 ng/ml liege.

„Die FDA hat in den letzten Jahren Hersteller mehrfach aufgefordert, Daten einzureichen, aber nichts ist passiert“, berichtet die Expertin. „Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle Arbeit zu sehen.“

In der Europäischen Union greife dagegen die Kosmetikverordnung. Anhang VI nennt alle zugelassenen UV-Filter. Blume: „Jede der genannten Substanzen durchläuft vorab eine Sicherheitsbewertung durch das wissenschaftliche Expertengremium der EU-Kommission.“

Basis seien Dossiers der Industrie mit u.a. Daten zur Mutagenese, zur Kanzerogenese, zur Reproduktionstoxikologie, zur akuten Toxizität, zu Sensibilisierungen oder zu Irritationen.

Umsetzung von FDA-Empfehlungen bei Sonnenschutz

Solche Daten fehlen in den USA. Matta und Kollegen untersuchten deshalb 4 handelsübliche Präparate. Sie wollten wissen, ob sich die UV-Filter Avobenzon, Oxybenzon, Octocrilen bzw. Ecamsul (anstatt Octocrilen nur in der Creme enthalten) im Kreislauf von Anwendern nachweisen lassen. 

An der Studie nahmen 24 gesunde Probanden im Alter von durchschnittlich 35,5 Jahren teil, 50% waren Frauen. Alle Probanden wurden randomisiert 4 Studienarmen zugeordnet: Spray 1 (n = 6), Spray 2 (n = 6), eine Lotion (n = 6) und eine Creme (n = 6).

Beim Experiment trugen die Anwender 4-mal täglich 2 mg Sonnenschutzmittel pro Quadratzentimeter ihrer Haut auf. Dabei sollte 75% der Körperoberfläche benetzt werden. Die Anwendung ging über 4 Tage. Blutproben wurden insgesamt 7 Tage lang analysiert.

Obergrenze von 0,5 ng/ml im Plasma bei allen Produkten überschritten

Als Maximalwerte im Plasma wiesen die Forscher nach:

  • Spray 1: 4,0 ng/ml Avobenzon, 209,6 ng/ml Oxybenzon und 2,9 ng/ml Octocrilen

  • Spray 2: 3,4 ng/ml Avobenzon, 194,9 ng/ml Oxybenzon und 7,8 ng/ml Octocrilen

  • Sonnenschutzlotion: 4,3 ng/ml Avobenzon, 169,3 ng/ml Oxybenzon und 5,7 ng/ml Octocrilen

  • Creme: 1,8 ng/ml Avobenzon, 5,7 ng/ml Octocrilen und 1,5 ng/ml Ecamsul

„In dieser Studie an gesunden Freiwilligen führte die Anwendung von 4 handelsüblichen Sonnenschutzmitteln zu Plasmakonzentrationen, die den von der FDA festgelegten Schwellenwert für den potenziellen Verzicht auf nicht-klinische Toxikologie-Studien für Sonnenschutzmittel überschritten“, kommentieren die Autoren.

 
Diese Ergebnisse deuten nicht darauf hin, dass Personen auf die Verwendung von Sonnenschutzmitteln verzichten sollten. Dr. Murali K. Matta und Kollegen
 

„Die systemische Resorption von Sonnenschutzbestandteilen belegt die Notwendigkeit weiterer Studien, um die klinische Bedeutung dieser Ergebnisse zu bestimmen.“ Mögliche gesundheitliche Auswirkungen der Stoffe im Körper seien unbekannt, jedoch nicht auszuschließen.

Matta und seine Coautoren erwähnen in diesem Zusammenhang frühere Berichte über Oxybenzon in der Muttermilch, im Fruchtwasser, im Urin und im Blut sowie mögliche Auswirkungen von Oxybenzon auf die endokrine Aktivität. Gleichzeitig relativieren sie: „Diese Ergebnisse deuten nicht darauf hin, dass Personen auf die Verwendung von Sonnenschutzmitteln verzichten sollten.“

Kaum Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit von UV-Filtern

In einem begleitenden Kommentar gehen Dr. Robert M. Califf von der Duke University School of Medicine und Dr. Kanade Shinkai, Editor in Chief bei JAMA Dermatology, der Frage nach, wie es zu derart eklatanten Wissenslücken kommen konnte [2]. „Sonnenschutzmittel wurden vor der modernen Ära der Arzneimittelbewertung als rezeptfreie Medikamente (OTC drugs) zur Vorbeugung von Sonnenbrand zugelassen“, lautet ihre Erklärung.

Hersteller seien in der Pflicht, Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit vorzulegen. Califf und Shinkai bestätigen eine zentrale Aussage des Originalartikels: „Der Nachweis einer systemischen Resorption weit über der FDA-Richtlinie hinaus bedeutet nicht, dass diese Inhaltsstoffe unsicher sind.“

 
Der Nachweis einer systemischen Resorption weit über der FDA-Richtlinie hinaus bedeutet nicht, dass diese Inhaltsstoffe unsicher sind. Dr. Robert M. Califf und Dr. Kanade Shinkai
 

Gleichzeitig fordern die Editorialisten, Bewertungsverfahren zu überarbeiten. In erster Linie sei zu prüfen, ob die systemische Aufnahme von Inhaltsstoffen ein Risiko für die menschliche Gesundheit darstelle. Zweitens müssten Auswirkungen verschiedener Formulierungen, etwa Sprays oder Lotionen, in Kombination mit Hauttypen und Hauterkrankungen untersucht werden. Matta und Kollegen rekrutierten lediglich gesunde Probanden. Vulnerable Gruppen, allen voran Babys und Kleinkinder, seien separat zu bewerten.

 

Kommentar

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