WHO beschließt aktuell neue Klassifikation „ICD-11“ – inklusive Sex- und Videospiel-Sucht als „Newcomer“

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

22. Mai 2019

Ende Mai wird die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine neue Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) beschließen. Die ICD ist das international gebräuchliche Verzeichnis von Krankheiten, Symptomen und Verletzungsursachen und ihre 55.000 Codes dienen Ärzten zur Registrierung ihrer Diagnosen.

Erstmals seit 30 Jahren wird die ICD nun neu gefasst. Die neue Version (ICD-11) verabschieden die Mitglieder bei ihrer Sitzung, die derzeit (vom 20. bis 28. Mai) in Genf stattfindet.

In Kraft tritt die ICD-11 am 01. Januar 2022. Knapp 4.000 Delegierte aus 194 Mitgliedsstaaten sowie von Partnerorganisationen der WHO treffen sich dafür in Genf.

Kritik an „Gaming Disorder“ und „zwanghaftem Sexualverhalten“

Die ICD-11 war schon bei Vorstellung der neuen Klassifikationen Mitte Juni vergangenen Jahres nicht unumstritten gewesen, wie Medscape berichtet hatte . Bereits seit dem 18. Juni 2018 ist die neue ICD-11 im Internet auf den Seiten der WHO zugänglich.

Vor allem die beiden Codenummern 6C51 (für zwanghaftes Video- und Online-Spielen) und 6C72 (für zwanghaftes Sexualverhalten) waren umstritten. So wurde nicht nur aus der Gaming-Industrie Kritik laut, dadurch könnten Menschen, die viel online spielen, vorschnell als therapiebedürftig eingestuft werden.

Gegner der Aufnahme der Spielsucht in die ICD-11 sahen den Grund für die Entscheidung in „moralisch gefärbter Panik“ die generell gegenüber Computerspielen gehegt würde. Dass die Abgrenzung zwischen exzessivem Spielen und Sucht nicht gerade einfach wird, klang seinerzeit schon beim Pressebriefing der WHO in Genf an.

Dr. Shekhar Saxena, Direktor des Departments for Mental Health and Substance Abuse der WHO, betonte dagegen in einem Interview, dass exzessives Computerspielen ernste gesundheitliche Probleme verursachen kann. Handlungsbedarf sieht er vor allem dann, wenn der Spielsüchtige anfange, zugunsten des Gaming seine sozialen Kontakte zu vernachlässigen. Er erklärte, dass bei Vorliegen einer Sucht weniger pharmakologische Interventionen infrage kämen als vielmehr psychologische und soziale.

Die nähere Betrachtung zeige, dass die ICD-Diagnose sich nicht dazu eigne, Spieler massenhaft zu pathologisieren, urteilt auch der Anbieter Grimme Game in einer ausführlichen Stellungnahme. Obwohl die Kriterien Spielräume ließen, berge eine massive Einschränkung in der Lebensführung über den Zeitraum eines vollen Jahres kaum Verwechslungsgefahr mit gesundem Spielverhalten.

Auch die Aufnahme von zwanghaftem Sexualverhalten in die neue Codierung wurde kritisch gesehen, weil – wie auch bei der Gaming Disorder – die Diagnose schwierig ist. Was unter „Sexsucht“ genau zu verstehen ist, wird in einem Zusatzhandbuch zu 6C72 erklärt. Unter zwanghaftem Sexualverhalten kann z.B. übermäßiger Pornokonsum oder Telefonsex zählen.

Die Diagnose ist dann angebracht, wenn Patienten intensive, wiederkehrende Sexualimpulse über längere Zeiträume nicht kontrollieren können und dies ihr Familien- oder Arbeitsleben oder das Sozialverhalten beeinflusst.

Vereinfachte Kodierungsstruktur und elektronische Werkzeuge

Wie Dr. Robert Jakob, Teamleiter Klassifikationsterminologien und -standards bei der WHO, erklärt hat, wurde über 12 Jahre an der ICD-11 gearbeitet. Jakob hob deutliche Verbesserungen gegenüber früheren Versionen hervor: „Ein wichtiger Grundsatz bei dieser Überarbeitung war die Vereinfachung der Kodierungsstruktur und der elektronischen Werkzeuge – denn das wird es den Fachleuten im Gesundheitswesen ermöglichen, die Bedingungen einfacher und vollständiger zu erfassen".

 
Ein wichtiger Grundsatz bei dieser Überarbeitung war die Vereinfachung der Kodierungsstruktur und der elektronischen Werkzeuge (…) Dr. Robert Jakob
 

So ermögliche die ICD-11, präzisere Statistiken zu erstellen und Gesundheitstrends besser zu dokumentieren. Antibiotika-Resistenzen könnten z.B. damit besser erfasst werden. Dies etwa dadurch, dass bei der Diagnose „Lungenentzündung“ hinzugefügt werden könne, dass bei einem Patienten Antibiotika-resistente Keime entdeckt wurden.

Bei einer Blutung im Gehirn kann z.B. auch präzisiert werden, ob der Patient versehentlich ein Medikament überdosiert hatte. „Die ICD-11 wird bessere Daten gewährleisten und gleichzeitig geringere Kosten verursachen“, so Jakob. Auch das Format sei benutzerfreundlicher.

 
Die ICD-11 wird bessere Daten gewährleisten und gleichzeitig geringere Kosten verursachen. Dr. Robert Jakob
 

Die Beteiligung an der ICD-11 war sehr hoch, das ICD-Team im WHO-Hauptquartier hatte über 10.000 Änderungsvorschläge erhalten. 31 Länder waren an der Erstellung beteiligt.

Burnout – ein „berufsbedingtes Phänomen“

Burnout wurde in die 11. Überarbeitung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten als berufsbedingtes Phänomen aufgenommen. Es ist jedoch nicht als Krankheit klassifiziert.

Burnout wird im Kapitel „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen oder zu einem Kontakt mit einer medizinischen Einrichtung führen“ beschrieben und in der ICD-11 wie folgt definiert: „Burnout ist ein Syndrom, das das Ergebnis von chronischem Stress am Arbeitsplatz ist, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Es ist durch 3 Dimensionen charakterisiert:

  1. Gefühle von Energiemangel und Erschöpfung,

  2. zunehmende mentale Distanzierung von der eigenen Arbeit oder negative bzw. zynische Gefühle gegenüber der eigenen Arbeit und

  3. verringerte berufliche Effektivität.

Burnout bezieht sich speziell auf den beruflichen Kontext und sollte nicht angewendet werden, um Erfahrungen in anderen Bereichen des Lebens zu beschreiben.“

Burnout war bereits in der ICD-10 in derselben Kategorie wie in der ICD-11 enthalten, aber die Definition ist nun detaillierter.

 

Kommentar

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