Selten, aber potenziell tödlich: Fournier-Gangrän als Komplikation einer antidiabetischen Behandlung mit SGLT2-Hemmern

Miriam E. Tucker

Interessenkonflikte

23. Mai 2019

Die Fournier-Gangrän, eine nekrotisierende Infektion des Perineums, kann eine relativ seltene, jedoch potenziell tödliche Komplikation einer antidiabetischen Behandlung mit SGLT2-Hemmern (Gliflozinen) sein. Das belegen aktuelle Daten der U. S. Food and Drug Administration (FDA).

Die FDA hatte im August 2018 einen Warnhinweis zur Fournier-Gangrän bei den SGLT2-Hemmern in den Beipackzettel schreiben lassen, wobei man sich auf 12 Fälle zwischen März 2013 und Mai 2018 bezog.

 
Schwere Komplikationen und Todesfälle sind wahrscheinlich, wenn eine Fournier-Gangrän nicht umgehend erkannt und innerhalb der ersten Stunden nach der Diagnose operativ versorgt wird. Dr. Susan J. Bersoff-Matcha
 

Jetzt sind die Ergebnisse eines Reviews von 55 Fällen, die dem FDA Adverse Event Reporting System (FAERS) bis Januar 2019 gemeldet worden waren, von Dr. Susan J. Bersoff-Matcha vom FDA Center for Drug Evaluation and Research in Silver Spring, Maryland, und ihrem Team in den Annals of Internal Medicine online publiziert worden [1].

Alle Patienten wurden ins Krankenhaus eingeliefert, einige mussten mehrere Operationen überstehen und 3 Patienten starben.

„Schwere Komplikationen und Todesfälle sind wahrscheinlich, wenn eine Fournier-Gangrän nicht umgehend erkannt und innerhalb der ersten Stunden nach der Diagnose operativ versorgt wird“, betont Bersoff-Matcha.

Große Diskrepanz zwischen Untersuchungsbefund und Schmerzangabe als starker Hinweis

Schmerzen, die in keinem Verhältnis zu den Befunden aus der körperlichen Untersuchung stehen, sind ein starker Hinweis auf eine nekrotisierende Fasziitis und eine Fournier-Gangrän, erklären die Autoren. Die Allgemeinsymptome bei der Fournier-Gangrän wie Müdigkeit, Fieber und Unwohlsein seien hingegen variabel und unspezifisch. Die lokale Symptomatik ist eine Überempfindlichkeit mit Erythem und Schwellung.

 
Wenn die Fournier-Gangrän nur mit Diabetes … und nicht mit SGLT2-Hemmern in Verbindung gebracht würde, sollten wir weitaus höhere Fallzahlen erwarten … Dr. Susan J. Bersoff-Matcha und Kollegen
 

Während ein Diabetes selbst auch das Risiko für eine Fournier-Gangrän erhöht, übertreffen die 55 Erkrankungsberichte aus den 6 Jahren seit der Zulassung des ersten SGLT2-Hemmers Canagliflozin (Invokana®, Vokanamet®, Janssen) bei weitem die 19 Fälle aus 35 Jahren bei Patienten, die andere antidiabetische Wirkstoffe erhalten hatten.

„Wenn die Fournier-Gangrän nur mit Diabetes … und nicht mit SGLT2-Hemmern in Verbindung gebracht würde, sollten wir weitaus höhere Fallzahlen erwarten, die auch unter anderen Blutzuckersenkern gemeldet worden wären, wenn man die vergangenen 35 Jahre und die Vielzahl an verschiedenen Wirkstoffen betrachtet“, schreiben die Autoren.

Bei der Frage, ob eine Behandlung mit SGLT2-Hemmer eingeleitet wird, solle man sich bewusstmachen, dass eine Fournier-Gangrän eine mögliche Folge ist. „Obwohl das Risiko dafür gering ist, sollte die Möglichkeit einer schweren Infektion im Hinterkopf behalten werden und gegen die Vorteile einer Therapie mit SGLT2-Hemmern abgewogen werden.“

Eine Fournier-Gangrän ist schwerwiegend, entstellend und potenziell tödlich

Die Autoren hatten bei ihrer FAERS-Recherche alle Berichte über Fournier-Gangrän zwischen dem 1. März 2013 (Zulassungstag von Canagliflozin) und dem 31. Januar 2019 bei Patienten aufgenommen, die mit von der FDA-zugelassenen SGLT2-Inhibitoren behandelt worden waren.

Die insgesamt 55 Fälle betrafen alle von der FDA zugelassenen SGLT2-Hemmer außer Ertugliflozin (Steglatro®, Merck), das als letztes die Zulassung erhalten hatte (Dezember 2017).

Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 56 Jahren. Männer waren mit 39 der 55 Fälle in der Überzahl. Die meisten Meldungen stammten aus den USA (44 Fälle). Die durchschnittliche Zeit zwischen der Einleitung der Behandlung mit einem SGLT2-Inhibitor und dem Auftreten einer Fournier-Gangrän betrug 9 Monate. Die Streuung war jedoch mit 5 Tage bis 49 Monaten äußerst breit.

Alle Patienten waren schwer erkrankt und in eine Klinik eingeliefert worden. Die Patienten hatten eine nekrotisierende Infektion des Perineums erlitten (Vulva/Vagina oder Skrotum oder Gesäß), der mit einem chirurgischen Debridement begegnet worden war. Obwohl die Zahl der chirurgischen Eingriffe nicht durchgängig registriert wurde, benötigten mindestens 25 Patienten mehr als ein operatives Debridement. Ein Patient hatte sich 17 Eingriffen unterziehen müssen.

Bei 8 Patienten war die Anlage eines Kolostomas erforderlich gewesen und mindestens 4 hatten eine Hauttransplantation benötigt. Der klinische Verlauf bei einigen Patienten wurde durch eine diabetische Ketoazidose (n = 8), durch Sepsis oder septischen Schock (n = 9) oder durch ein akutes Nierenversagen (n = 4) erschwert. Einige Patienten hatten möglicherweise mehrere Komplikationen.

Bei 2 Patienten entwickelte sich während des Krankenhausaufenthaltes auch eine nekrotisierende Fasziitis der unteren Extremität, die eine Amputation erforderlich machte. Bei einem anderen Patienten musste aufgrund von gangränösen Zehen ein Bypass am Bein angelegt werden. 3 Patienten starben.

Der stationäre Aufenthalt in einer Akutklinik dauerte bei den überlebenden Patienten von 5 bis 51 Tagen. Die Medikation mit dem SGLT2-Inhibitor wurde bei mindestens 22 der 52 Überlebenden eingestellt.

 
Obwohl das Risiko dafür gering ist, sollte die Möglichkeit einer schweren Infektion im Hinterkopf behalten werden und gegen die Vorteile einer Therapie mit SGLT2-Hemmern abgewogen werden. Dr. Susan J. Bersoff-Matcha und Kollegen
 

Bei 6 Patienten war mehr als ein Arztbesuch nötig gewesen, bis die Diagnose Fournier-Gangrän hatte gestellt werden können, „was darauf hindeutet, dass die Ärzte möglicherweise die richtige Diagnose aufgrund ihrer unspezifischen Symptomatik nicht erkannt hatten“, betonen Bersoff-Matcha und ihre Kollegen.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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