76.000-mal Sex ohne Kondom, nicht eine HIV-Übertragung – PARTNER2-Studie bestätigt: Effektive HIV-Therapie = Safer Sex

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

21. Mai 2019

Holger Wicht

76.000-mal Sex ohne Kondom und keine einzige HIV-Übertragung – die gerade im The Lancet publizierte PARTNER2-Studie hat bewiesen, dass eine HIV-Therapie bei sero-differenten homosexuellen Paaren bei Geschlechtsverkehr ohne Kondom vor einer Virusübertragung schützt [1].

„Die letzten Zweifel sind damit ausgeräumt“, sagt Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe, gegenüber Medscape. Die Wissenschaftler hätten bewiesen, dass HIV unter erfolgreicher Therapie nicht übertragbar ist. In der Fachwelt sei dieses Wissen bereits länger anerkannt gewesen.

 
Die letzten Zweifel sind damit ausgeräumt. Holger Wicht
 

„Aber selbst unter Ärzten gab es noch Vertreter, die ihren HIV-positiven Patienten vorsichtshalber von Geschlechtsverkehr ohne Kondom abrieten“, sagt Wicht. „Für Menschen mit HIV bedeutete diese Aussage auch eine unnötige Belastung. Zu wissen, dass HIV nicht mehr übertragbar ist, nimmt eine Riesenlast von den Schultern.“

„Es gab noch minimale Zweifel“

Für heterosexuelle Paare war der Nachweis, dass die HIV-Therapie Safer Sex entspricht, bereits in Phase 1 der PARTNER-Studie gelungen. In jener zwischen 2010 und 2014 durchgeführten Studie beobachteten die Wissenschaftler um Prof. Dr. Alison J. Rodger vom Institute for Global Health vom University College London 888 sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle sero-differente Paare.

 
Zu wissen, dass HIV nicht mehr übertragbar ist, nimmt eine Riesenlast von den Schultern. Holger Wicht
 

Bereits hier konnte trotz ungeschütztem Geschlechtsverkehr bei keinem einzigen Paar – unabhängig von der sexuellen Orientierung – eine Infektion verzeichnet werden. Da aber bei homosexuellen Paaren weniger Beobachtungsjahre (=Partnerjahre) verzeichnet werden konnten, galten die Daten in dieser Gruppe als weniger belastbar. Dies, so Wicht, habe noch minimale Zweifel an der Sicherheit der HIV-Therapie zugelassen.

Das Ziel von PARTNER2 und dem Forscherteam um Rodger war nun, einen Evidenzgrad bei schwulen Paaren zu erreichen, der dem der heterosexuellen Paaren entspricht.

Die Übertragungsrate lag faktisch bei Null

Die Studienprinzipien blieben in der 2. Studienphase unverändert: Voraussetzung für die Teilnahme war, dass der HIV-positive Partner erfolgreich antiretroviral behandelt wird (Viruslast unter 200 Viruskopien/ml), der Geschlechtsverkehr in der Partnerschaft ungeschützt erfolgt und keinerlei Prä- oder Post-Expositionsprophylaxe (PrEP oder PEP) eingenommen wird.

Aufgenommen wurden nun allerdings nur noch homosexuelle Paare.

Am Ende der 2. Phase der Partner-Studie im Juli 2018 hatte man die auswertbaren Daten von insgesamt 782 homosexuellen Paaren und 1.593 Partnerjahren gesammelt.

In dem gesamten Studienzeitraum (2010 bis 2018) hatten die Paare 76.088 Mal analen Geschlechtsverkehr ohne Kondom. Rein rechnerisch (basierend auf der Anzahl und Art der Sexakte) wären ohne die antiretrovirale Therapie 472 HIV-Infektionen zu erwarten gewesen. Tatsächlich gab es nicht eine einzige Übertragung durch den eigenen, behandelten Partner.

Zwar steckten sich innerhalb des Studienzeitraums 15 Männer mit HIV an. Diese Infektionen gingen jedoch auf fremde Sexualpartner zurück, wie Virusanalysen bewiesen.

Das Wissen muss sich jetzt verbreiten

„Unsere Ergebnisse unterstützen die Botschaft der U=U-Kampagne (undetectable equals untransmittable, nicht nachweisbar heißt nicht übertragbar) und die Vorteile frühzeitiger Tests und Behandlung von HIV“, schreiben die Autoren.

Die bereits 2016 in den USA gestartete und mittlerweile von vielen Ländern und Organisationen aufgegriffene U=U-Kampagne basiert auf dem Fakt, dass Menschen mit HIV und einer nicht mehr nachweisbaren Viruslast HIV nicht auf ihre Partner übertragen können.

Dieses Wissen könne auch gegen Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen wirken und müsse deshalb jetzt in der Bevölkerung und auch bei Ärzten bekannter werden, so Wicht. Um diesen Prozess zu beschleunigen, habe die Deutsche Aidshilfe die Kampagne #wissenverdoppeln gestartet. Die Kampagne fordert dazu auf, sich zu informieren und auch anderen davon zu erzählen – solange, bis alle Bescheid wissen.

Es gibt nicht die eine endgültige Lösung

Auch Prof. Dr. Myron S. Cohen von der University of North Carolina in Chapel Hill weist in seinem die Studie begleitenden Kommentar auf weiterhin bestehende Hindernisse hin [2]. „Es ist nicht immer einfach für Menschen, sich auf HIV testen zu lassen oder Zugang zu Therapien zu erhalten; außerdem beeinträchtigen Angst, Stigmatisierung, Homophobie und andere negative soziale Kräfte weiterhin die HIV-Behandlung.“

Limitierend sei zudem, dass die Diagnose der HIV-Infektion gerade im frühen Stadium schwierig sei – einem Zeitraum, zu dem die Übertragung aufgrund der hohen Viruslast sehr effektiv ist.

Letztlich gebe es im Kampf gegen Aids nicht die eine endgültige Lösung, sagt auch Wicht. Neben der HIV-Therapie gebe es weitere Präventionsmöglichkeiten, wie Kondome oder die Einnahme der Prä-Expositions-Prophylaxe. Jede Person müsse selbst entscheiden, welche Maßnahme für sie am besten passe.

 

Kommentar

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