Pleiten, Pech und Pannen: 20.000 Tote jährlich durch Behandlungsfehler – eine neue Berufsgruppe soll es richten

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

15. Mai 2019

Berlin – „Warum ist es so schwer, im Gesundheitswesen zu Veränderungen zu kommen?“ Eine gewisse Frustration war Hedwig François-Kettner, der Vorsitzenden des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) auf der Pressekonferenz zur Jahrestagung in Berlin anzumerken [1]. Denn trotz aller Bemühungen sinken die Todesfälle durch Behandlungsfehler und -zwischenfälle in Deutschland nicht: Rund 20.000 Menschen sterben jährlich in der Folge.

Das APS fordert daher, in allen Gesundheitseinrichtungen verbindlich „Beauftragte für Patientensicherheit“ einzuführen: „Die Aufgabenstellung verlangt die Etablierung einer selbstständigen und unabhängigen Berufsgruppe“, sagte Hardy Müller, Generalsekretär des APS.

Die mit dem diesjährigen Deutschen Preis für Patientensicherheit des APS ausgezeichneten Projekte zeigen, was sich konkret für mehr Patientensicherheit tun lässt.

Entscheidend ist der Umgang mit Fehlern

Insgesamt kommt es in Deutschland pro Jahr bei Behandlungen zu 400.000 bis 800.000 „vermeidbaren unerwünschten Ereignissen“, wie das APS in seinem „Weißbuch Patientensicherheit“ resümiert [2].

 
Die Aufgabenstellung verlangt die Etablierung einer selbstständigen und unabhängigen Berufsgruppe. Hardy Müller
 

Der Klassiker sind falsche Medikamente, aber auch Fälle wie jener, den François-Kettner aus einer Klinik berichtete: In einem Operationssaal war ein Gerät defekt und durfte wegen Risiken für die Patienten nicht mehr verwendet werden. Jemand schob es in einen Nebenraum und klebte ein Schild „Defekt“ daran. „Aber das Schild fiel herunter, und jemand anderes, der den Vorgang nicht kannte, brachte das Gerät zurück in den OP“, berichtete François-Kettner. Die Folge: Ein Patient erlitt Verbrennungen.

„Solche Fälle verhindert man nicht, indem man einen Schuldigen sucht“, betont François-Kettner, „sondern Lösungen.“ In der Klinik gibt es nun „Defekt“-Schilder, die fest angeschlossen werden können.

Oft entscheide die Führungskultur darüber, ob in einer Klinik Fehler und Sicherheitslücken offen angesprochen werden, sagte François-Kettner. „Es geht gerade nicht darum, sich einen Mitarbeiter vorzuknöpfen. Wir brauchen Führungskräfte, die an der Sache orientiert sind.“

Auch die Angst vor Haftung oder Klagen von Patienten spiele eine Rolle. „Aber nach unserer Erfahrung haben Patienten, wenn sie merken, dass mit einem Fehler ehrlich umgegangen wird, gar kein primäres Interesse an einer Anzeige.“

2 neue Berufe für mehr Patientensicherheit

Ansätze und Modellprojekte, wie man Fehler im Vorneherein vermeiden kann, gibt es eigentlich genug – etwa die Aktion Saubere Hände des APS, an der sich bereits 1.000 Kliniken beteiligen. „Aber genauso viele Kliniken beteiligen sich eben auch nicht“, klagte François-Kettner.

Daher nun die Forderung nach einem verbindlichen Rahmen. Das APS schlägt dafür 2 Berufe vor: Patientensicherheitsbeauftragte und Patientensicherheitsfachkräfte.

Die Verbände sollen binnen 3 Jahren Ausbildungs-Curricula dafür erarbeiten. „Organisatorisch sollten diese Berufe direkt der Geschäftsführung unterstellt sein“, erläuterte Müller. Das Land Hessen hat den Vorschlag bereits aufgegriffen und will Patientensicherheitsbeauftragte in allen hessischen Kliniken etablieren. Die notwendigen Fortbildungen werden finanziell gefördert.

Weniger Klinikeinweisungen durch bessere Kommunikation

Dass Lösungen zuweilen so einfach wie durchschlagend sein können, zeigt die Preisträgerin des diesjährigen Deutschen Preises für Patientensicherheit des APS. Mit Dr. Irmgard Landgraf, Hausärztin aus Berlin, wurde erstmals ein Praxisprojekt ausgezeichnet.

Landgraf betreut viele hochbetagte, multimorbide Patienten in einem Pflegeheim. Diese erhalten oft viele Medikamente gleichzeitig und es kommt zu Neben- und Wechselwirkungen. „Weil die Patienten sich aber nicht selbst an mich wenden können, sind sie darauf angewiesen, dass die Pflegekräfte ihre Beschwerden erkennen und mich dann verständigen“, sagte Landgraf.

Aber niedergelassene Ärzte sind telefonisch oft schwer zu erreichen und können auch nicht rund um die Uhr verfügbar sein. Landgraf hat daher ein Kommunikationssystem über die elektronische Patientenakte entwickelt: Die Pflegekräfte tragen dort Auffälligkeiten beim Patienten und auch direkt Fragen an die Ärztin ein.

Landgraf checkt die Akten einmal morgens, bevor sie ihre Praxis öffnet, und einmal abends nach der Sprechstunde. „Da kann ich viele Fragen gleich beantworten und beispielsweise die Medikation anpassen.“

Rund eine Stunde braucht sie dafür pro Tag – und die nimmt sie sich auch am Wochenende. „Im Endeffekt geht das viel schneller, als wenn wir ständig telefonieren müssten.“

Und es verbessert nachweislich die Versorgung, wie Landgraf in ihrer Dissertation festgestellt hat: „Ich konnte für meine Patienten zeigen, dass sie deutlich weniger Medikamente nehmen und seltener im Krankenhaus sind.“ Auch bei den Pflegekräften steige durch die gute Kommunikation die Zufriedenheit: „In dem Heim gibt es nur einen geringen Krankenstand. Viele arbeiten dort bis zur Rente und sogar danach noch stundenweise, weil es ihnen Spaß macht.“

 
Solche Fälle verhindert man nicht, indem man einen Schuldigen sucht, sondern Lösungen. Hedwig François-Kettner
 

Landgraf hofft, dass ihr Beispiel auch anderen Hausärzten Mut macht, die elektronische Akte auf diese Weise zu nutzen.

Weitere Projekte mit Vorbild-Charakter

Der 2. Preis ging an die Klinik für Kinderheilkunde des Universitätsklinikums Essen und die Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln. Hier werden Eltern kranker Kinder intensiv auf die Entlassung ihres Kindes vorbereitet. Probleme, die zu Hause auftreten können, werden vorher besprochen und die Eltern befähigt, darauf richtig zu reagieren.

Den 3. Preis erhielt die Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Katholischen Klinikum Bochum/Universitätsklinikum Bochum. Die Klinik hat Sicherheitselemente aus der Luftfahrt in den Operationssaal übertragen, vor allem um Probleme bei der künstlichen Beatmung zu vermeiden. Mit Erfolg: Seit der Einführung dieser „Cockpit-Strategie“ kam es in der Klinik zu keinem einzigen Zwischenfall mehr in der Anästhesie.

Ein Sonderpreis ging an das Institut für Verhaltenstherapie in Berlin. Es hat das Thema „Risiken und Nebenwirkungen“ regelhaft in die Psychotherapie-Ausbildung integriert und eine entsprechende Forschergruppe initiiert. Denn auch in der psychischen Behandlung kann es zu Fehlern kommen, etwa wenn ein Therapeut eher die Abhängigkeit des Klienten fördert anstatt seine Selbstständigkeit.
 

Kommentar

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