Kokain, Ecstasy, Crystal Meth und Co: Tödliche Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen sind oft Folge von Drogenkonsum

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

13. Mai 2019

Psychostimulanzien sind eine Gefahr fürs Gehirn. Ein großer Teil der tödlichen Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen steht mit dem Konsum dieser Drogen in Zusammenhang, wie australische Forscher durch Auswertung gerichtsmedizinischer Akten herausgefunden haben.

Das Team um Prof. Dr. Shane Darke vom National Drug & Alcohol Research Centre der Universität Sydney hatte sich zum Ziel gesetzt, alle tödlichen Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen zu charakterisieren, die zwischen 2009 und 2016 in Australien gerichtsmedizinisch abgeklärt worden waren [1]. Prüfen wollten sie vor allem:

  • Welchen Anteil haben die Konsumenten von Psychostimulanzien an den Schlaganfallopfern?

  • Und liegen bei ihnen klinische Besonderheiten vor?

Zu diesem Zweck durchsuchten sie das National Coronial Information System (NCIS), eine Datenbank, in die sämtliche Gerichtshöfe Australiens ihre Ermittlungen einspeisen. Die Personenakten umfassen demographische Angaben, Polizeiberichte über die Todesumstände, Autopsie-Befunde, toxikologische Analysen und gerichtsmedizinische Details.

Ein Fünftel der Schlaganfallopfer hatte Psychostimulanzien konsumiert

Die Forscher identifizierten 279 Menschen zwischen 15 und 44 Jahren, die einen tödlichen Schlaganfall erlitten hatten, fast gleich viele Männer wie Frauen. 50 von ihnen (18%) hatten Psychostimulanzien genommen, die meisten – nämlich 42 – Methamphetamin, im Jargon ,Crystal Meth‘ genannt, weil es hauptsächlich in Form kleiner Kristalle kursiert. Nachgewiesen wurden aber auch:

  • Kokain,

  • 3,4-Methylenedioxymethamphetamin, abgekürzt MDMA, als Partydroge Ecstasy im Umlauf,

  • Methylhexanamin (DMAA), das zum Doping in Nahrungsprodukte für Kraftsportler gemischt wird,

  • Phentermin, als Appetitzügler genutzt, in Deutschland seit den 1970er-Jahren nicht mehr zugelassen.

„Es ist erwähnenswert, dass wir bei niemandem ein Medikament gegen ADHS – zum Beispiel Methylphenidat – entdeckt haben“, betonen Darke und seine Kollegen. Wie sie erläutern, nehmen Schätzungen zufolge 76 Millionen Menschen weltweit Psychostimulanzien, Tendenz steigend. Favorit unter diesen meist illegalen Substanzen ist Crystal Meth mit 37 Millionen Konsumenten.

Weltweit dominiert Crystal Meth, in Deutschland und Europa Kokain

In Deutschland ist Kokain das vorherrschende Stimulans – das meldet der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung vom Oktober 2018. Die Zahlen für die Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren: Nach Schätzungen für 2015 haben rund 4% schon einmal Kokain genommen – ein deutlicher Anstieg der Lebenszeitprävalenz, denn 1990 hatte sie noch 1,3% betragen.

 
Es ist erwähnenswert, dass wir bei niemandem ein Medikament gegen ADHS – zum Beispiel Methylphenidat – entdeckt haben. Prof. Dr. Shane Darke und Kollegen
 

Ähnliches gilt für den gesamten Kontinent: „Kokain ist die am häufigsten verwendete illegale Aufputschdroge in Europa“, konstatiert der im Juni 2018 vorgestellte europäische Drogenbericht. Demnach haben 17 Millionen Europäer - 5,1% – Kokain schon einmal probiert.

Auf Platz 2 in Europa folgt Ecstasy: Die entsprechenden Angaben liegen bei 13,5 Millionen Konsumenten (4,1%).

Platz 3 in Europa: Amphetamine – einschließlich Crystal Meth – mit 11,9 Millionen (3,6%).

Speziell in Deutschland sei bei Crystal Meth auffällig, dass die Lebenszeitprävalenz je nach Bundesland stärker variiert als bei anderen Substanzen: Die Spanne reicht von 0,3% in Nordrhein-Westfalen bis zu 2% in Sachsen. Erklärung: Da ein Großteil des in Europa verfügbaren Crystal Meth in Tschechien produziert wird, ist es in den angrenzenden Regionen offenbar besonders verbreitet.

46 verlorene Lebensjahre durch leistungssteigernde Drogen

Die australische Studie ergab auffällige Besonderheiten für die Konsumenten von Anregungsmitteln. So hatten sie nur halb so oft Alkohol getrunken wie die übrigen Schlaganfallopfer (4% versus 8%) und waren wesentlich seltener mit dem Schlaganfall-Risikofaktor Übergewicht belastet (13% zu 33%), während es sich beim Risikofaktor Rauchen beinah umgekehrt verhielt (30% zu 14%).

Auch hatten sich Schlaganfallopfer, die Psychostimulanzien konsumierten, häufiger Drogen per Injektion zugeführt (48% zu 8% der übrigen Schlaganfallopfer). Zudem war der Cannabis-Inhaltsstoff D-9-THC war bei ihnen mit 38% mehr als doppelt so oft nachweisbar wie bei den übrigen mit 16%.

Kein Psychostimulanzien-Konsument hatte einen Schlaganfall in der Vorgeschichte, dagegen 4% in der anderen Gruppe. Das Fehlen solcher Ereignisse in der Anamnese werten die Forscher als Zeichen dafür, dass nicht von vornherein eine Anfälligkeit bestand, sondern eine enge Assoziation zu den Drogen besteht. Sie veranschlagen, dass jeder Suchtkranke ohne Stimulanzien noch 46 Jahre hätten leben können.

 
Kokain ist die am häufigsten verwendete illegale Aufputschdroge in Europa. Europäischer Drogenbericht
 

„Fast ein Fünftel der Schlaganfallopfer machten Konsumenten von Psychostimulanzien aus, und für die meisten lagen Hinweise vor, dass sie die Substanzen unmittelbar vor dem tödlichen Schlaganfall genommen hatten, wodurch insgesamt mehr als 2.000 mögliche Lebensjahre verloren gingen“, resümieren die Autoren.

48 der 50 Nutzer von Aufputschmitteln hatten hämorrhagische Schlaganfälle erlitten. Nur bei zweien registrierten die Wissenschaftler eine ischämische Ursache. Dies könnte nach ihrer Hypothese daran liegen, dass die ischämische Variante einerseits in jungem Alter kaum vorkommt und andererseits der Aufmerksamkeit der Gerichtsmediziner eher entgeht.

Hämorrhagische Schlaganfälle sind mit Abstand in der Überzahl

In der Vergleichsgruppe überwogen hämorrhagische Schlaganfälle ebenfalls bei weitem, doch waren hier außerdem 8-mal eine ischämische sowie je 4-mal eine thrombotische und mykotische Pathogenese diagnostiziert worden.

Vor allem bestanden signifikante Abweichungen in der anatomischen Region, in der die Blutung stattgefunden hatte: im Vergleichskollektiv meistens im Subarachnoidalraum, bei den ,Usern‘ hauptsächlich in der Gehirnsubstanz selbst (OR 2,33). Solche intraparenchymalen Hämorrhagien haben allgemein die höchste Schlaganfall-Mortalitätsrate, insofern stimme die hohe Sterblichkeit der Schlaganfälle durch Psychostimulanzien mit diesem Befund gut überein, erläutern die Drogenspezialisten.

 
Die Ergebnisse legen nahe, dass keine hohen Konzentrationen erforderlich sind, um Schlaganfälle auszulösen. Prof. Dr. Shane Darke und Kollegen
 

Die Schlaganfallopfer hatten ähnliche Methamphetamin-Spiegel im Blut wie Menschen, die ebenfalls durch den Konsum dieser Substanz, aber aus anderer Ursache gestorben waren.

Allerdings ging nicht einmal die Hälfte dieser Todesfälle zu Lasten einer direkten toxischen Wirkung, etwa durch Überdosierung. Die Autoren schließen daraus: „Die Ergebnisse legen nahe, dass keine hohen Konzentrationen erforderlich sind, um Schlaganfälle auszulösen.“ Eine bestimmte Art und Weise der Zufuhr – ob sniefen, spritzen oder rauchen – mindert die Gefahr nicht.

Bei jungen Erwachsenen ist die Prognose besonders schlecht

Schon länger stehen Aufputschmittel auch deshalb im Fokus der Suchtmedizin, weil sich herausgestellt hat, dass insgesamt 1% bis 5% der mit ihnen assoziierten Todesfälle auf Schlaganfälle zurückgehen, wie die Forscher berichten.

Bei Methamphetamin ist das Risiko für hämorrhagische Schlaganfälle verfünffacht, bei Kokain sowohl für hämorrhagische als auch ischämische Schlaganfälle verdoppelt. MDMA bedeutet ebenfalls eine Bedrohung.

Erschwerend kommt hinzu, dass gerade bei jungen Menschen – der Hauptgruppe der Nutzer – ein Schlaganfall mit einer schlechten Prognose einhergeht. Allgemein ist die Mortalitätsrate der Konsumenten um das 3- bis 6-Fache erhöht, wozu auch andere kardiovaskuläre Erkrankungen beitragen.

Dass der Missbrauch gerade Herz und Gefäße schädigt, haben Arbeitsgruppen um Darke schon früher belegt: Demnach steigert zum Beispiel das so beliebte Methamphetamin langfristig das Risiko für Arrhythmien und plötzlichen Herztod.

Vorzeitige Gefäßalterung und schwere Herzschäden zählt auch der deutsche Drogenbericht für diese Substanz auf. Gravierend sind außerdem deren psychische Folgen, darunter Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, Psychosen und Gewalttätigkeit.

Koksen: Insektenkrabbeln, Bluthusten und rasche Abhängigkeit

Dass es sich bei Kokain nicht viel anders verhält, stellt der deutsche Drogenbericht ebenfalls klar: Einer Studie zufolge geht jeder vierte nicht-tödliche Herzinfarkt bei jüngeren Menschen aufs ,Koksen‘ zurück.

Für die Psyche seien Auswirkungen wie Angst, Verwirrtheit, Depressionen, Schlaf-, Konzentrations- und Persönlichkeitsstörungen zu befürchten. Charakteristisch ist der Dermatozoenwahn: die Zwangsidee, dass Insekten über oder unter der Haut krabbeln.

Oft beschrieben wird weiterhin die ,Cracklunge‘: Wer das aus Kokainsalz und Natron hergestellte Crack der sekundenschnellen Wirkung wegen in kleinen Pfeifen raucht, riskiert Schäden der Atmungsorgane mit Bluthusten und Sauerstoffmangel. Verschärft werden solche Folgen dadurch, dass die ,User‘ wegen der schnellen Toleranzentwicklung immer größere Mengen brauchen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Warum vor allem hämorrhagische Insulte?

Wieso lösen Psychostimulanzien vor allem hämorrhagische Schlaganfälle aus? so die Frage, die Darke und seine Kollegen am Ende ihrer Publikation diskutieren.

Einen Grund sehen sie in dem bekannten Effekt des plötzlichen Blutdruckanstiegs. Bei chronischem Missbrauch könnte die Hypertonie zum Dauerzustand werden, wodurch die Gefäßwände ermüden und schließlich reißen. Eventuell bilden sich Aneurysmen auch als Antwort auf hypertensive Krisen.

Warum die Blutungen bevorzugt im Parenchym stattfinden, sei damit zu erklären, dass die induzierte Hypertonie auf die kleineren Gefäße von Hirnstamm, Groß- und Kleinhirn einen größeren Druck ausübt.

Ischämische Schlaganfälle wiederum könnten verursacht werden durch Vasospasmen, Vasokonstriktion, Vaskulitis oder die beschleunigte Atherosklerose.

Mykotische Schlaganfälle sind durch infizierte Spritzen denkbar

Zwar wurden keine mykotischen Schlaganfälle beobachtet, möglich wären sie aber als indirekte Folge einer Drogenzufuhr per Injektion, wie das die Hälfte der Konsumenten praktiziert hatte, warnen die Autoren.

Der Pathomechanismus lässt sich so beschreiben: Durch verunreinigte Spritzen kommt es zu einer infektiösen Endokarditis mit Schäden an den Herzklappen, was die Bildung von Thromben fördert. Diese werden ins Gehirn abgeschwemmt, und da sie ebenfalls bakteriell infiziert sind, rufen sie Entzündungen der Gefäßwand hervor, die schließlich in ein mykotisches Aneurysma münden.

Einen thrombo-embolischen Schlaganfall wiederum könnten Psychostimulanzien begünstigen, indem sie das Risiko von Kardiomyopathien erhöhen: Arrhythmien, Vorhof- und Kammerwandthrombosen.

Im Blick behalten: Patienten, die Psychostimulanzien konsumieren

Nach Ansicht von Darke und seine Kollegen ergeben sich aus ihrer Studie wichtige Konsequenzen für die klinische Praxis: „Therapeuten und Ärzte können jetzt verstärkt im Blick behalten, dass selbst junge Menschen ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben, wenn sie Psychostimulanzien konsumieren, gleich ob legale oder illegale.“

 
Therapeuten und Ärzte können jetzt verstärkt im Blick behalten, dass selbst junge Menschen ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben, wenn sie Psychostimulanzien konsumieren. Prof. Dr. Shane Darke und Kollegen
 

Behandeln sie umgekehrt einen jungen Erwachsenen mit Symptomen eines Schlaganfalls, könnten sie einen solchen Missbrauch in Erwägung ziehen, sich gezielt danach erkundigen und eine toxikologische Untersuchung veranlassen. Bei tödlichem Ausgang gelte das auch für Pathologen.

 

Kommentar

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