Laster im Vergleich: Erhöht eine Flasche Wein das Krebsrisiko ebenso stark wie 5 bis 10 Zigaretten?

Roxanne Nelson

Interessenkonflikte

13. Mai 2019

Das Trinken einer Flasche Wein pro Woche ist gleichzusetzen mit dem Rauchen von 5 bis 10 Zigaretten: Beides erhöht das Krebsrisiko ähnlich stark. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, veröffentlicht in BMC Public Health [1]. In den USA und Großbritannien hat die Studie große Resonanz in den Medien erfahren. Experten, die Medscape befragt hat, lobten zum Teil die britische Studie, andere kritisierten sie scharf.

Nach den Daten dieser umstrittenen Analyse erhöht der Konsum einer Flasche Wein pro Woche für Männer das absolute Lebenszeitrisiko für Krebs in gleichem Ausmaß wie das Rauchen von 5 Zigaretten. Bei Frauen entspricht diese Menge Wein sogar dem Risiko von 10 Zigaretten – weitestgehend ist das auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko zurückzuführen.

Erster Direktvergleich von Alkohol und Zigaretten

Während sich zahlreiche Veröffentlichungen sowohl mit Zigaretten als auch mit Alkohol und dem jeweils daraus resultierenden Krebsrisiko beschäftigt haben, ist dies die erste Publikation, die beides direkt vergleicht.

„Wir haben eine Berechnung durchgeführt, die auf Daten aus früheren großen epidemiologischen Studien basiert“, sagt Erstautorin Dr. Theresa Hydes, klinische Hepatologin am Universitätshospital Southampton, Großbritannien. Sie stellt klar, dass das Zigarettenäquivalent in erster Linie dazu verwendet wurde, die Öffentlichkeit für das mit dem Trinken von Alkohol assoziierte Risiko für Krebs zu sensibilisieren.

„Die Öffentlichkeit assoziiert Alkohol mit Lebererkrankungen, ist sich aber im Allgemeinen nicht bewusst, dass es auch die fünfthäufigste Krebsursache ist und natürlich steigen die Trinkraten in vielen Ländern weiter an“, sagt Hydes gegenüber Medscape.

Alkohol und Rauchen in direktem Vergleich

Für die Studie bewerteten Hydes und Kollegen den Anstieg des absoluten Risikos, an Krebs zu erkranken, bezogen auf einen mäßigen Alkoholkonsum – und verglichen das Ergebnis mit dem Anstieg des absoluten Risikos, Krebs infolge von Rauchen zu bekommen.

 
Die Öffentlichkeit assoziiert Alkohol mit Lebererkrankungen, ist sich aber im Allgemeinen nicht bewusst, dass es auch die fünfthäufigste Krebsursache ist. Dr. Theresa Hydes
 

Die Autoren verwendeten dazu Daten von Cancer Research UK. Sie berechneten jeweils das lebenslange Krebsrisiko, das mit dem Konsum von 10 Einheiten Alkohol oder mit 10 Zigaretten pro Woche verbunden ist. Die dem Alkohol bzw. dem Tabak zuzurechnenden Anteile wurden dann von den lebenslangen allgemeinen Bevölkerungsrisiken, alkohol- und rauchbedingt Krebs zu entwickeln, abgezogen – dies um das lebenslange Krebsrisiko bei alkohol-abstinenten Nichtrauchern abzuschätzen. Dieses wurde dann mit dem relativen Risiko multipliziert, 10 Einheiten Alkohol zu trinken oder 10 Zigaretten pro Woche zu rauchen.

Erhöhtes Krebs-Risiko durch Alkohol

Laut ihrer Ergebnisse steigt bei männlichen Nichtrauchern das absolute Lebenszeitrisikos für Krebs durch den Konsum einer Flasche Wein pro Woche um 1,0%, bei Nichtraucherinnen fällt diese Risikoerhöhung mit 1,4% etwa 50% höher aus.

Dies bedeutet: Wenn 1.000 Männer und 1.000 Frauen jeweils eine Flasche Wein pro Woche konsumieren, dann würden 10 Männer und 14 Frauen dadurch Krebs entwickeln.

Bei Männern manifestierte sich das erhöhte Krebsrisiko vor allem in gastrointestinalen Tumoren (z.B. Krebs der Speiseröhre und des Rachenraumes, Dickdarmkrebs, Leberkrebs). Bei Frauen handelte es sich in 55% der zusätzlichen Fälle um Brustkrebs. Die Autoren betonen zudem, dass Rauchen zwar auch eine wichtige Ursache für Tumoren des Gastrointestinaltraktes sei, nicht aber für Brustkrebs.

Als nächstes verglichen sie den prozentualen Anstieg des absoluten Lebenszeitrisikos für alle alkohol- und tabakbedingten Krebsarten, wenn die Probanden 10 Zigaretten pro Woche rauchten oder 10 Einheiten Alkohol pro Woche tranken.

Das ergab, dass ein geringer Zigarettenkonsum das größte Risiko für Männer darstellt (2,1% absolutes Risiko [AR] pro 10 Zigaretten, 1,0% AR pro 10 Einheiten Alkohol) und dass sich das Krebsrisiko bei allen durch das Rauchen bedingten Malignomen zeigte.

Bei Frauen war dieser Anstieg ähnlich (1,5% AR pro 10 Zigaretten, 1,4% AR pro 10 Einheiten Alkohol), da die Brustkrebsinzidenz teilweise durch Alkoholkonsum verursacht wurde.

 
Das ist die Art von Studie, bei der sich Menschen, die sich um ihre Gesundheit kümmern wollen, die Haare raufen … Dr. Ruth Etzioni
 

Es überrascht nicht, dass mit der weiteren Zunahme der Alkoholzufuhr auch das lebenslange Risiko von alkoholbedingten Krebserkrankungen weiter zunahm. Das Trinken von 3 Flaschen Wein pro Woche oder etwa einer halben Flasche pro Tag war mit einem Anstieg des absoluten lebenslangen Krebsrisikos um 1,9% bei Männern und 3,6% bei Frauen verbunden, bzw. 19 Fälle mehr bei 1.000 Männern und 36 mehr bei 1.000 Frauen. Auf Zigaretten umgerechnet entspricht das dem Rauchen von etwa 8 Zigaretten pro Woche für Männer und 23 Zigaretten pro Woche für Frauen.

„Wir sind uns bewusst, dass es keine gesundheitlichen Vorteile durch das Trinken gibt“, sagt Hydes. „Solche positiven Studien waren oft von der Alkoholindustrie gekauft, die Ergebnisse sind inzwischen diskreditiert, oft aufgrund der Tatsache, dass Abstinenzler an diesen Studien gar nicht teilgenommen hatten und die Daten daher verfälscht waren. Es gibt nun belastbare Beweise dafür, dass ein niedriger Alkoholkonsum keinen gesundheitlichen Schutz bietet.“

Die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO (IARC), der World Cancer Research Fund und das American Institute for Cancer Research hätten erklärt, dass Alkoholabstinenz völlig sicher sei, fügt sie hinzu. Das hatte 2016 zu einer Anpassung der britischen Richtlinien für verantwortungsbewusstes Trinken geführt um festzuhalten, dass der Verzicht auf Alkohol völlig sicher ist.

Gegensätzliche Bewertungen

2 Experten, die von Medscape um einen unabhängigen Kommentar gebeten wurden, vertraten unterschiedliche Standpunkte zur Studie.

Dr. Ruth Etzioni, Biostatistikerin am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle, Washington, ist nicht überzeugt, dass der Vergleich von Zigaretten und Alkohol für die Öffentlichkeit hilfreich ist.

Der Titel der Publikation enthält den Satz: „Wie viele Zigaretten passen in eine Flasche Wein?“ Laut Etzioni zeigt dies, dass sie „offensichtlich geschrieben wurde, um Aufmerksamkeit zu erregen“ und fügt hinzu: „Ich würde empfehlen, ihr so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken.“

„Die durch das Rauchen induzierten Krebsarten, deren Ursachen ja sehr offensichtlich sind, sind nicht die gleichen wie die anscheinend von Alkohol beeinflussten Krebsarten – der Zusammenhang ist viel weniger deutlich“, erklärt Etzioni. „Es ist nicht hilfreich einen solchen Vergleich anzustellen und das wird garantiert Diskussionen auslösen. Die Unsicherheit über das durch Alkohol verursachte Risiko ist viel größer als beim Zigarettenrauchen.“

Die Studie erweise damit gesundheitsbewussten Laien einen Bärendienst, so Etzioni. „Das ist die Art von Studie, bei der sich Menschen, die sich um ihre Gesundheit kümmern wollen, die Haare raufen."

Ein anderer Experte ist jedoch der Meinung, dass die Publikation durchaus ihren Wert hat. „Fachleute im Gesundheitswesen und möglicherweise die Öffentlichkeit haben oft über Alkoholrisiken im Vergleich zum Rauchen spekuliert und diese ausgezeichnete, klare Veröffentlichung liefert uns diese Informationen“, kommentiert Dr. Mark Petticrew, Professor für Public Health Evaluation an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, England. „Aus diesem Grund ist es eine ungewöhnliche und wichtige Publikation.”

Er fügt hinzu, dass die Autoren keine „Panikmache“ betrieben und das auch deutlich machten. „Die Publikation beginnt mit den Worten: ‚Wir müssen uns zuerst absolut klar sein, dass diese Studie nicht besagt, dass maßvoller Alkoholkonsum in irgendeiner Weise dem Rauchen gleichkommt‘“, sagt Petticrew. „Die Analyse betrachtete auch isoliert nur den Krebs, und Alkohol verursacht andere Gesundheitsprobleme, die berücksichtigt werden müssen.“

Alkohol und Herz

Petticrew wies auch darauf hin, dass, selbst wenn in einigen Publikationen eine schützende Assoziation zwischen Alkohol und Herzerkrankungen festgestellt worden sei, dieser unklar bleibe und es auch andere Erklärungen für diesen Zusammenhang geben könne.

„Selbst, wenn eine solche Schutzwirkung real ist – was umstritten ist – bezieht sie sich nur auf Herzkrankheiten und es gibt etwa 200 weitere Erkrankungen, für die Alkohol das Risiko erhöht, einschließlich Krebs.“

Wichtig sei, dass bei niedrigem Konsum das Krebsrisiko gering sei, erklärte Petticrew. „Auch in Bezug auf Alkohol und Herzerkrankungen: Wenn es eine schützende Wirkung gibt, dann tritt sie bei sehr niedrigem Konsum auf.“

Wahrnehmung des Krebs-Risikos durch Alkohol

Im Hinblick darauf, wie diese Information in der Öffentlichkeit kommuniziert wird, werfe die Studie andere Fragen auf, so Petticrew. „Es ist wichtig zu wissen, wie die Öffentlichkeit auf Nachrichten reagiert, die das Alkoholrisiko in Form von gerauchten Zigaretten beschreiben. Wir wissen nicht genug darüber. Hält die Öffentlichkeit es für wertvoll, über das geringe erhöhte Risiko Bescheid zu wissen? Wird sie solche Botschaften ablehnen? Dies wäre eine wichtige Frage, die es zu beantworten gilt.“

 
Wir müssen uns zuerst absolut klar sein, dass diese Studie nicht besagt, dass maßvoller Alkoholkonsum in irgendeiner Weise dem Rauchen gleichkommt. Dr. Theresa Hydes
 

Die Studienautoren betonen, dass ihre neuen Daten zwar einen realistischen Vergleich darstellten, doch „es muss verstanden werden, dass sich die beschriebenen Risiken auf Bevölkerungsebene beziehen, d.h. beispielsweise, dass die krebserregende Wirkung von 10 Einheiten Alkohol pro Woche oder 10 Zigaretten pro Woche auf individueller Ebene aufgrund anderer Lebensstilfragen, der Genetik usw. variieren wird“.

Hauptautorin Hydes weist auch darauf hin, dass sie zwar große Anstrengungen unternommen hatten, um den synergistischen Effekt von Alkohol und Tabak zu korrigieren: „Doch dieser wird immer noch ein Problem sein. Wenn du trinkst und rauchst, dann ist das Krebsrisiko nicht nur additiv – es steigt noch stärker.“

Während die Gesundheitsrisiken des Rauchens in der Öffentlichkeit gut bekannt und allgemein verstanden seien, sei die Situation beim Alkohol anders, insbesondere im Hinblick auf Krebs. Obwohl Studien den Alkoholkonsum als Risikofaktor für multiple Erkrankungen etabliert hätten, sei das Bewusstsein in der Öffentlichkeit dafür gering.

In einer Umfrage der American Society for Clinical Oncology aus dem Jahr 2017 erkannten beispielsweise 70% der Amerikaner Alkoholkonsum nicht als Krebsrisikofaktor, wie bereits von Medscape berichtet.

Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com  übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....