Medizinstudium an Privat-Uni bald auch in Hamburg – Kritik vom Medizinischen Fakultätentag: Geht´s nur ums Geld?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

8. Mai 2019

Im kommenden Oktober öffnet nach der Universität Witten/Herdecke und der Medizinischen Hochschule Brandenburg die dritte private Fakultät zur Ausbildung von Medizinern in Deutschland ihre Tore: die Medical School Hamburg.

Die MSH Medical School Hamburg, University of Applied Sciences and Medical University, ist eine private, staatlich anerkannte Hochschule in Hamburg [1]. Die MSH bietet bereits 20 Master- und Bachelor-Studiengänge.

Der Studiengang Medizin mit Staatsexamen hat ein 7 Jahre dauerndes Akkreditierungsverfahren des Deutschen Wissenschaftsrates durchlaufen und wurde bereits im Oktober 2018 entsprechend akkreditiert, wie der Wissenschaftsrat Medscape bestätigt.

 
Leistung und Motivation zählen für uns viel mehr als das, was in der bisherigen Bildungskarriere der Bewerber gelaufen ist. Ilona Renken-Olthoff
 

Das Angebot soll helfen, dem drohenden Ärztemangel zu begegnen, so die Initiatoren. Indessen kommt Kritik vom Medizinischen Fakultätenrat. Dieser glaubt, die privaten Hochschulen für die Ausbildung von Medizinern seien ein Strohfeuer.

Kein NC, dafür ein Auswahlverfahren und satte Gebühren

„Wir freuen uns, dass wir endlich starten können, nachdem die MSH gemeinsam mit ihrem klinischen Partner – den Helios Kliniken Schwerin – einen sehr langen Weg des Genehmigungsverfahrens gegangen ist“, sagt Ilona Renken-Olthoff, Geschäftsführerin und Gründerin der MSH, anlässlich des Starts zum kommenden Wintersemester.

Für 1.500 Euro pro Monat und Student sollen die angehenden Mediziner hier studieren können. Für das praktische Jahr müssen sie monatlich 300 Euro auf den Tisch legen.

Der Preise ungeachtet stehen die Bewerber Schlange. Derzeit interessieren sich nach Angaben Renken-Olthoffs rund 950 junge Leute für das Medizinstudium an der MSH. Allerdings sind bisher nur 90 Studienplätze geplant.

 
Die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten sollte staatlich gesteuert und qualitätsgesichert sein. Dr. Frank Wissing
 

Da die Hochschule keiner Kapazitätsverordnung unterliegt wie die staatlichen Hochschulen, kann die Zahl der Studienplätz „flexibel gehandhabt werden“, wie Renken-Olthoff sagt. Aus demselben Grund können private Einrichtungen zum Beispiel auch mehr Professoren einstellen, ohne zugleich mehr Studienplätze zur Verfügung stellen zu müssen.

Anstelle eines Numerus Clausus (NC) setzt die Hochschule bei der Auswahl der Bewerber auf ein eigenes Verfahren. Der NC gelte nur für staatliche Hochschulen, so Renken-Olthoff zu Medscape. „Wir messen dem NC eine untergeordnete Bedeutung bei. Leistung und Motivation zählen für uns viel mehr als das, was in der bisherigen Bildungskarriere der Bewerber gelaufen ist.“

Für die Kandidaten gibt es ein Auswahlverfahren mit einem 90-minütigen hochschuleigenen Test, der zu 25% in die Bewertung eingeht, sowie einem 75-minütigen Gespräch und einer ebenso langen Fallsimulation, berichtet Renken-Olthoff. Alles zusammen ergibt dann gegebenenfalls die Eintrittskarte ins Studium.

„Das entscheidende Moment ist das Einzelgespräch, das von Ärzten geführt wird. Dabei geht es um die Persönlichkeit und in der Fallsimulation plus Gruppengespräch vor allem um die Fähigkeit zur Teamarbeit.“

Kein Reformstudiengang

Partner für die klinische Ausbildung sind die Helios Kliniken Schwerin. Das ergibt eine Strecke von gut 100 Kilometern, die die Studierenden zwischen den beiden Studienstätten zurücklegen müssen.

Zu einem Reformstudiengang konnten sich die Initiatoren allerdings nicht entscheiden – „einfach um das sehr komplexe Konzeptprüfungsverfahren beim Wissenschaftsrat zu bestehen“, so Renken-Olthoff. „Ein Reformstudiengang hätte zusätzliche Hürden bedeutet.“ Deshalb also ein Regelstudiengang.

Noch habe man keinen Aufnahmeantrag an den Medizinischen Fakultätentag gestellt, sagt Renken-Olthoff, man beabsichtige es aber. Doch der Medizinische Fakultätenrat sieht das Engagement der privaten Konkurrenz weder als nachhaltig noch als Mittel gegen den Ärztemangel.

Geht´s nur ums Geld?

„Die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten sollte staatlich gesteuert und qualitätsgesichert sein, da es letztlich um die Gesundheit von Patientinnen und Patienten geht“, betont Dr. Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentags, auf Anfrage von Medscape. „Dies ist auch an privaten Universitäten grundsätzlich möglich.“

 
Die MSH kooperiert eng mit einem großen Krankenhauskonzern, der vermutlich eigene Interessen … verfolgt. Dr. Frank Wissing
 

Die privaten Modelle müssten aber mehr als nur den lukrativen Nachfragemarkt bedienen, meint Wissing. Vermutlich würden sie „nur so lange existieren, wie der Nachfragedruck nach Studienplätzen hoch ist. Es steht zu befürchten, dass die privaten Einrichtungen schnell ihre Studiengänge wieder schließen, sobald dieser Druck nachlässt.“

Der allenthalben konstatierte Ärztemangel ist für Wissing kein Argument für das Engagement der Privaten. Zwar gebe es in einigen wirtschaftlich unattraktiven Regionen in dieser Hinsicht Probleme, aber der Ärztemangel sei vor allem ein Verteilungsproblem. „Deutschland ist in vielen Bereichen und Regionen mit Ärzten und Krankenhäusern überversorgt“, so Wissing.

Zudem bauten die staatlichen Fakultäten ihrerseits „im 4-stelligen Bereich Studienplätze auf“, hieß es. Will sagen: Die Privaten braucht es nicht unbedingt. Ihnen gehe es ohnedies womöglich mehr ums Geld.

„Die MSH kooperiert eng mit einem großen Krankenhauskonzern, der vermutlich eigene Interessen insbesondere bei der Nachwuchsgewinnung verfolgt“, wendet Wissing ein.

Ob sich die hohe Renditeerwartung dort mit einem ausreichenden Freiraum für gute Lehre und Forschung verbinden lässt, müsse sich zeigen. Ebenso, „ob die zu einem großen Teil in Hamburg ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte später in unterversorgte Regionen auf dem Land gehen.“
 

Kommentar

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