Masern in den USA: Fallzahlen auf 25-Jahreshoch – Importierte Erreger fassen in „impfskeptischen“ Communitys Fuß

Troy Brown

Interessenkonflikte

3. Mai 2019

Die Zahl der bestätigten Masernerkrankungen in den USA ist (bis zum 26. April) in bisher 22 US-Bundesstaaten auf 704 gestiegen – und damit auf den höchsten Stand seit 25 Jahren. Der Bundesstaat Washington hat allerdings den Masern-Ausbruch dort für beendet erklärt. Dies sagten Sprecher der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) bei einer Telefonkonferenz.

Die CDC wandten sich mit der Konferenz an die Medien, um den anhaltenden Ausbruch einer durch Impfung vermeidbaren Erkrankung zu erläutern, die Gründe dafür aufzuzeigen und zu erklären, was getan werden kann, um ihn zu stoppen. „Krankheiten, die durch Impfung zu vermeiden sind, gehören in die Geschichtsbücher, nicht in unsere Notaufnahmen“, sagte Alex Azar vom Gesundheitsministerium.

„Die gute Nachricht ist, dass das Washington State Department of Health gestern Abend den Ausbruch dort für beendet erklärt hat. Die Ausbrüche in New York City und New York State sind jedoch die größten und längsten seit der US-weiten Auslöschung der Masern im Jahr 2000. Je länger diese Ausbrüche andauern, desto größer die Gefahr, dass die Masern wieder dauerhaft in den USA Fuß fassen“, sagte Dr. Nancy Messonnier, Direktorin beim National Center for Immunization and Respiratory Diseases (NCIRD) der CDC.

Die CDC konzentrieren sich weiterhin darauf, die Durchimpfungsraten zu erhöhen, da dies als beste Strategie gilt, um die Krankheit einzudämmen. Dazu wies Azar auf den Beginn der National Infant Immunization Week (Nationale Woche der Säuglingsimpfung) am 27. April hin, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert.

 
Krankheiten, die durch Impfung zu vermeiden sind, gehören in die Geschichtsbücher, nicht in unsere Notaufnahmen. Alex Azar
 

Die neuesten Masernfälle haben die CDC in einem Artikel in der MMWR vom 29. April zusammengestellt [1]: Die Fallzahlen sind die höchsten seit 1994, als es 963 Fälle gab, schreiben Dr. Manisha Patel, Abteilung Viruserkrankungen beim NCIRD, und ihr Team.

Von den 704 bestätigten Fällen traten 503 (71%) bei nicht geimpften Personen auf und 689 (98%) der Erkrankten waren US-Bürger. Die meisten der 704 Fälle (88%) traten innerhalb enger Gemeinschaften auf.

Importierte Fälle führten zu Ausbrüchen

„Die jüngsten Masernausbrüche waren importiert“, sagte Messonnier. „Masern können importiert oder eingeschleppt werden, wenn ein nicht geimpfter Reisender ein Land besucht, in dem Masern weit verbreitet sind, sich infiziert und dann in die USA einreist bzw. zurückkehrt. Solche Reisende infizieren dann Menschen in ihrem Umfeld, die nicht geimpft sind.“

„Ein Masernfall gilt als aus dem Ausland importiert, wenn zumindest ein Teil der Expositionszeit (7–21 Tage vor Beginn des Hautausschlags) außerhalb der USA verbracht worden sind und innerhalb von 21 Tagen nach der Rückkehr in die USA ein Hautausschlag auftrat, wobei während der Expositionszeit kein Kontakt mit Masernkranken in den USA bekannt ist“, erklärten Patel und ihr Team.

Aus dem Ausland direkt importiert wurden demnach 44 Masernfälle. Von diesen traten 34 (77%) bei US-Bürgern auf, die außer Landes gewesen waren und die Masern mitgebracht hatten. 40 (91%) der importierten Fälle traten bei nicht geimpften Personen oder bei Personen mit unbekanntem Impfstatus auf. Diese 40 Personen waren sämtlich alt genug für den Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff (MMR).

Die meisten importierten Masernfälle erreichten die USA aus den Philippinen (14 Fälle), der Ukraine (8) und Israel (5), aus Thailand kamen 3, aus Vietnam 2 und auch aus Deutschland 2 Fälle. Ein Fall wurde jeweils aus Algerien, Frankreich, Indien, Litauen, Russland und Großbritannien registriert. 4 Personen hatten während ihrer Expositionszeit mehrere Länder besucht, darunter Italien/Singapur, Thailand/Kambodscha, Ukraine/Israel und Kambodscha/Thailand/China/Singapur. Von den importierten Fällen führten – soweit bekannt – 23 Fälle zu keinen weiteren Infektionen.

„Die hohe Durchimpfung mit der Zweifach-Impfung war in den USA für die Begrenzung der Übertragung entscheidend. Allerdings erschwert die Zunahme der weltweiten Masernfälle ihre Ausrottung in den USA, vor allem wenn ungeimpfte Reisende Masern im Ausland erwerben und dann in Gemeinden mit eher niedriger Durchimpfung auftauchen“, schreiben Patel und Kollegen.

 
Die jüngsten Masernausbrüche waren importiert. Dr. Nancy Messonnier
 

Kinder zwischen 6 und 11 Monaten, die mit ihren Familien ins Ausland reisen, sollten vor der Reise eine Dosis MMR-Impfstoff erhalten. Kinder ab 12 Monaten benötigen 2 Dosen im Abstand von mindestens 28 Tagen. Jugendliche und Erwachsene, die keine Masern durchlebt haben oder nicht geimpft sind, erhalten am besten 2 Dosen im Abstand von mindestens 28 Tagen.

Personen, die eine Auslandsreise planen, sollten sich nach Möglichkeit mindestens 2 Wochen vor Reiseantritt vollständig impfen lassen. „Doch auch wenn es keine zwei Wochen bis zum Beginn der Reise sind, sollten sie sich eine Dosis geben lassen, bevor sie abreisen“, empfahl Dr. Robert Redfield, Direktor der CDC.

CDC erneuert Impfappell

Masern sind hochkontagiös und eine infizierte Person kann sie bereits 4 Tage vor der Entwicklung eines Ausschlags verbreiten. „Wenn eine infizierte Person einen Raum mit zehn Ungeimpften betritt, bekommen neun von ihnen Masern“, erklärte Redfield.

„Die meisten Eltern folgen dem von den CDC empfohlenen Impfplan“, berichtete er. „Zwei Dosen MMR-Impfstoff beugen zu etwa 97% einer Masernerkrankung vor. Eine Einzeldosis ist für etwa 93% wirksam. Wenn man sich impfen lässt, schützt man auch Personen in seinem Umfeld, die ein hohes Komplikationsrisiko haben, sich aber nicht impfen lassen können, weil sie zu jung sind oder weil es medizinische Kontraindikationen gibt“, betontete der CDC-Direktor.

Die CDC empfehlen, dass Kinder 2 Dosen MMR-Impfstoff erhalten, wobei die erste Dosis im Alter von 12 bis 15 Monaten gegeben werden sollte und die zweite Dosis im Alter von 4 bis 6 Jahren. Ältere Kinder und Erwachsene sollten über ihren Impfstatus Bescheid wissen.

Zur Sicherheit von Impfstoffen erklärte Redfield: „Wir wissen, dass Impfstoffe sicher sind, weil sie zu den am besten untersuchten Medizinprodukten gehören, die wir haben.“

 
Wenn eine infizierte Person einen Raum mit zehn Ungeimpften betritt, bekommen neun von ihnen Masern. Dr. Robert Redfield
 

Wenn in einer Gemeinschaft mit hoher Durchimpfung Masern importiert werden, kommt es zu keinem oder zu einem nur begrenzten Ausbruch. Sobald sie aber in einer schlecht durchimpften Population auftreten, ist ihre Verbreitung nach Auffassung der CDC nur noch schwierig zu kontrollieren.

Fehlinformationen über den Impfstoff sind ein weiterer Grund für die aktuellen Ausbrüche. „Leider sind manche Personengruppen das Ziel von unpräzisen und irreführenden Informationen über Impfungen“, sagte Messonnier.

Masern könnten sehr kostspielig sein und eine Belastung für das Gesundheitssystem darstellen, sagte sie. Man könne von Gesundheitskosten von 32.000 US-Dollar pro Fall ausgehen. „Diese Zahl beinhaltet nicht die gesellschaftlichen Kosten und auch nicht die Kosten für die Betroffenen und ihre Familien.“

Was machen die CDC?

Die CDC haben innerhalb des NCIRD eine „Incident Management Structure“ eingerichtet, d.h. eine Art Störungsmanagement, um auf Ausbrüche reagieren zu können. Sie unterstützen die Leitlinien zur Diagnose und Prävention von Masern. Die CDC haben zudem ein Toolkit mit Materialien entwickelt, welche bei den Gesprächen der Kinderärzte mit Eltern über Impfstoffe hilfreich sind.

Da einige der schlimmsten Ausbrüche in den USA in ultraorthodoxen jüdischen Gemeinden auftraten, setzen die CDC weiterhin auf Rabbiner und jüdische Gesundheitsorganisationen, um dort für die Verbreitung präziser Informationen aus für die jüdische Community „glaubwürdigen Quellen“ zu sorgen, sagte Messonnier.

„Wir haben eindeutig festgestellt, dass derartige Impfmythen und Fehlinformationen an Gruppen gerichtet werden, die für solche Dinge empfänglich sind“, sagte Messonnier.

 
Impfmythen und Fehlinformationen werden an Gruppen gerichtet, die für solche Dinge empfänglich sind … und genau in solchen Gruppen erleben wir aktuell die Ausbrüche. Dr. Nancy Messonnier
 

Die Gründe, warum solche Populationen ausgewählt werden, sind unklar, sagte sie, aber „wir beobachten, dass diese Informationen ganz gezielt verbreitet werden, und genau in solchen Gruppen erleben wir aktuell die Ausbrüche“.

„Menschen aus dem Gesundheitswesen, Mitarbeiter gemeinnütziger Organisationen und Rabbinerverbände arbeiten alle gemeinsam daran, Fehlinformationen zu korrigieren und Menschen zu impfen, und ich denke, dass eine solche Zusammenarbeit die Ausbrüche wirklich beenden kann. Aber ich glaube auch, dass wir bis dahin noch weitere Fälle registrieren werden“, sagte Messonnier.

Bereits 13 Ausbrüche in diesem Jahr

Einschließlich des Ausbruchs in Washington gab es 2019 insgesamt 13 Ausbrüche (663 Fälle; 94% aller Fälle) in den USA. 6 davon betrafen Populationen, die eng zusammenlebten und bei denen zugleich die Durchimpfung niedrig war. Diese machten insgesamt 88% der gemeldeten Fälle aus (Tab. 1).

Tab. 1 Fallzahlen in verschiedenen US-Regionen/-Bundesstaaten

US-Region/-Staat

Fallzahlen (bis April 2019)

Rockland County, New York (Bundesstaat)

202

Brooklyn und Queens, New York City

390

Michigan

43

New Jersey

14

Kalifornien

38

Georgia

6

Maryland

4

Washington (Bundesstaat)*

72

 

Die höchste Zahl an gemeldeten Fälle pro Woche betrug 87 in der Woche vom 23. März. Fast 3 Viertel (503 Fälle; 71%) der Masernerkrankten waren nicht geimpft, 76 (11%) hatten mindestens 1 Dosis MMR-Impfstoff erhalten und bei 125 (18%) war der Impfstatus unbekannt.

Von den Fällen dieses Jahres wurden 9% stationär aufgenommen und 3% hatten eine Lungenentzündung, sagte Redfield. Es gab keine Berichte über Todesfälle oder Enzephalitiden. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 5 Jahren (Quartilsabstand 1–18,5 Jahre).

Tab. 2 Fallzahlen pro Altersgruppe

Alter

Fallzahl

< 6 Monate

25 (4%)

6–11 Monate

68 (10%)

12–15 Monate

76 (11%)

16 Monate bis 4 Jahre

167 (24%)

5 bis 19 Jahre

203 (29%)

20 bis 49 Jahre

138 (20%)

über 50 Jahre

27 (4%)

 

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....