Erholsamer Schlaf ist für Patienten auf Intensiv ebenso schwer zu kriegen wie für Ärzte im Nachtdienst

Manuela Arand

Interessenkonflikte

3. Mai 2019

Mannheim – Ärzte schlafen schlecht, wenn sie die Nacht in der Klinik verbringen müssen – Patienten aber auch. Das birgt erhebliche Risiken fürs Patientenwohl, weil übernächtigte Ärzte Fehler machen und gestörter Schlaf die Genesung erschwert. Und Patienten auf Intensivstationen leiden besonders, wenn sie schlecht schlafen.

Medizin und Forschung überschätzen die Atmung und vernachlässigen den Schlaf an sich, kritisiert Holger Woehrle vom Lungenzentrum Ulm und Schlaf- und Beatmungszentrum Blaubeuren: „Einem Patienten, der 10 Atemaussetzer hat, verpassen wir sofort eine CPAP-Maske. Aber wenn einer schlecht schläft, weil er 40-mal pro Stunde mit den Beinen zuckt, machen wir nichts.“

Der Internist und Somnologe sieht hier erheblichen Nachholbedarf sowohl in der medizinischen Praxis als auch in der Forschung.

Sozialer Jetlag durch den Wecker

Der Durchschnittsarbeitnehmer befindet sich ohnehin fast jeden Tag im „sozialen Jetlag“, weil er nicht aufwacht, wenn er ausgeschlafen ist, sondern wenn der Wecker klingelt. Und natürlich macht mehr Fehler, wer schlecht schläft. Das gilt für Ärzte nicht weniger als für den Rest der Bevölkerung.

Außer Zweifel steht, dass die Reaktionszeit zunimmt, Lernfähigkeit und kognitive Leistung abnehmen, wenn ein Mensch schlecht geschlafen hat oder die Nacht durchgearbeitet hat. „Schlafentzug hat ähnliche Wirkung auf die Leistungsfähigkeit wie Alkohol“, so Woehrle bei der 85. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie  [1] .

 
Schlafentzug hat ähnliche Wirkung auf die Leistungsfähigkeit wie Alkohol. Holger Woehrle
 

Für ihn ist die Konsequenz klar: „Wenn wir medizinische Dinge nachts nicht machen müssen, sollten wir sie nachts nicht tun – alles, was wir auf morgen verschieben und an einen ausgeschlafenen Kollegen weitergeben können, sollten wir verschieben.“

Übernächtigte Chirurgen im OP – ein Rechtsrisiko

Auch mediko-legale Aspekte spielen hier mit hinein. Schon vor knapp 10 Jahren veröffentlichte das New England Journal of Medicine einen Meinungsbeitrag, in dem amerikanische Kollegen die Frage aufwarfen, ob ein Chirurg nach einem anstrengenden Nachtdienst noch elektive Eingriffe vornehmen dürfe und wie der Patient darüber informiert werden müsse.

 
Wenn wir medizinische Dinge nachts nicht machen müssen, sollten wir sie nachts nicht tun. Holger Woehrle
 

Schlechter Schlaf hat für das Individuum Arzt noch mehr unerfreuliche Konsequenzen. Nicht nur das kardiovaskuläre System leidet, auch der Stoffwechsel: Nach einer Woche Nachtdienst ist die Insulinempfindlichkeit deutlich herabgesetzt, das Risiko für Diabetes und Adipositas steigt, wenn jemand regelmäßig schlecht oder zu wenig schläft.

Hirn und Immunsystem büßen Leistungsfähigkeit ein. So wird das Hirn im Schlaf besser durchspült, toxische Substanzen wie Beta-Amyloid werden effektiver abtransportiert. Schlaflosigkeit stört entsprechend die Reinigung. Welche Folgen das auf lange Sicht hat, ist noch gar nicht abzusehen.

„Die immunologischen Folgen des Schlafentzugs könnten den Link zur Onkologie darstellen“, meinte Woehrle. Schlafdeprivation geht mit mehr und aggressiveren Krebserkrankungen einher.

Auf Intensivstation schlafen Patienten besonders schlecht

Schlafprobleme betreffen jedoch nicht nur Ärzte und Pflegepersonal, sondern auch Patienten. Zu leiden haben vor allem Kranke auf Intensivstation, die eigentlich Ruhe bräuchten, um den Heilungsprozess zu fördern. Patienten auf Intensivstationen schlafen kürzer und haben eine schlechtere Schlafeffizienz als auf Patienten auf Normalstationen. Der Schlaf ist fragmentiert, der REM-Schlaf vermindert.

 
Wir müssen dem Drang widerstehen, nachts zu oft zum Patienten hineinzulaufen. Holger Woehrle
 

Es gibt viele Gründe, die Intensivpatienten um den Schlaf bringen. Manche lassen sich schwer beseitigen: Inflammation, Schmerz, mechanische Beatmung, bestimmte Medikamente. Woran sich aber arbeiten lässt, sind Behandlungs- und Pflegemaßnahmen, Licht und Lärm.

Natürlich braucht das Team auf Intensivstation Licht, um die medizinischen Maßnahmen korrekt durchführen zu können. „Aber wir haben eine Verantwortung, es besser zu machen als bisher“, betonte Woehrle. „Wir müssen dem Drang widerstehen, nachts zu oft zum Patienten hineinzulaufen.“

Knackpunkt Analgosedierung

Es gibt Konzepte, Patienten auf der Intensivstation zu einem besseren Schlaf zu verhelfen. Dazu gehört, notwendige Sedierungsmaßmnahmen protokollbasiert durchzuführen und den Patienten zwischendurch auftauchen zu lassen. „Wir denken immer, unser Bauchgefühl sei besser als die Protokolle, aber das stimmt nicht“, so der Somnologe. Patienten tagsüber „wach“ zu halten, verstärkt abends den Schlafdruck und die nächtliche Schlafqualität.

Nach seiner Erfahrung werden umso mehr Sedativa gegeben, je dünner die Personaldecke ist. Sinnvoll ist in jedem Fall eine morgendliche Sedativa-Pause als „daily wake up“, sofern die Situation des Patienten dies erlaubt. Schon um sicherzugehen, dass der Patient nicht tiefer sediert ist als eigentlich geplant.

 

Kommentar

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