10-Punkte-Papier der Barmer: Gleiches Geld für gleiche Leistung – wie ambulant und stationär zusammenwachsen können

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

3. Mai 2019

Prof. Dr. Christoph Straub

Berlin – „Die Schwachstelle des deutschen Gesundheitssystems sind die Sektorengrenzen.“ Das hat angeblich schon Helmut Schmidt in seiner Zeit als Kanzler gesagt, erinnert sich Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer. Und daran habe sich bis heute nichts geändert. Die starre Trennung zwischen ambulant und stationär führe zu Unter- und Überversorgung und dazu, dass die Behandlung nicht optimal am Patienten ausgerichtet ist.

Um dies zu ändern, hat die Barmer ein 10-Punkte-Papier „für eine Medizin ohne Sektorengrenzen“ vorgelegt, das sie auf einer Pressekonferenz in Berlin vorstellte [1]. Es soll keine Revolution, sondern eine Evolution sein – doch einige Punkte dürften zumindest für Erschütterungen sorgen.

Ambulante Leistung rechnet sich oft nicht

Die Medizin hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant weiterentwickelt, sagte Straub: „Vieles, für das Sie früher wochenlang im Krankenhaus liegen mussten, wird heute ambulant erbracht.“

Doch die Strukturen hätten sich dem nicht angepasst. Das zeige sich beispielsweise daran, dass dieselbe Leistung ambulant und stationär sehr unterschiedlich vergütet wird.

 
Vieles, für das Sie früher wochenlang im Krankenhaus liegen mussten, wird heute ambulant erbracht. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Zugleich müssten die Kliniken hart rechnen: „Da bleibt den Verantwortlichen gar nichts anderes übrig als zu überlegen: Wo kann ich den meisten Gewinn machen?“ Und das sei eben oft eher der stationäre Bereich.

Die Folge: „Wir haben für fast alle stationären Leistungen in Deutschland medizinisch nicht erklärbare regionale Unterschiede.“ Manches davon sei vielleicht Zufall, vieles aber auch „Angebots-induziert“.

Künftig soll es umgekehrt sein, so der 10-Punkte-Plan: Ein Sektoren-übergreifendes Gremium legt auf Landesebene den Bedarf an medizinischen Leistungen fest. Als Basis dafür werden bundesweite Leistungsdaten der Kassen bei einem neutralen Institut gesammelt, etwa dem Statistischen Bundesamt.

„Dadurch hat die Planung eine Art empirischen Anker“, erläuterte Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer für Berlin/Brandenburg und Mitautorin des Plans. Da alle Kassen die Daten ohnehin vorliegen haben, „ist das auch nicht kompliziert“, betonte Straub.

 
Wir haben für fast alle stationären Leistungen in Deutschland medizinisch nicht erklärbare regionale Unterschiede. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Auf Grundlage des festgestellten Bedarfs wird der Versorgungsauftrag zugewiesen – nicht ganz starr, aber doch in einem gewissen Korridor.

Gleiches Geld für gleiche Leistung

Für welche medizinischen Leistungen so verfahren wird, soll die gemeinsame Selbstverwaltung in einem Katalog festlegen. Es gehe nicht um die hausärztliche Versorgung und auch nicht um die hochspezialisierte Medizin, betonte Straub, „sondern um den breiten Korridor dazwischen, den fachärztlichen Bereich“. Man wolle keine Planwirtschaft, „aber wir planen auch heute schon viel, nur nicht sehr gut“.

Weiterer Kernpunkt des Barmer-Plans ist, eine Leistung ambulant und stationär gleich zu vergüten. Je nach regionalem Versorgungsbedarf wird dann ein Mengen- und ein Finanzkontingent für jede Leistung bestimmt.

„Dabei werden aber Aspekte wie Vorhaltekosten berücksichtigt“, versicherte Straub, „und auch Spezialfälle wie multimorbide Patienten“. Ziel sei ausdrücklich nicht, die Ausgaben zu senken: „Das hat schon in der Vergangenheit nicht funktioniert. Aber wir müssen die vorhandenen Mittel umverteilen.“

 
Wir müssen die vorhandenen Mittel umverteilen. Prof. Dr. Christoph Straub
 

„In 10 Jahren machbar“

Die Barmer hofft, mit diesem System auch die Unterversorgung auf dem Land zu lindern. Denn wegen der Sektorengrenzen dürften die Kliniken dort manchmal heute weniger, als sie könnten.

Straub hofft, dass die neue Struktur Fälle wie jenen obsolet machen, den er in einer ländlichen Region selbst erlebt hat: In einer Klinik gibt es einen Kardiologen, der auch gern Patienten ambulant behandeln würde. Doch die zuständige Kassenärztliche Vereinigung erteilt ihm keine Genehmigung – es gebe ja in 35 und 60 Kilometer Entfernung niedergelassene Kardiologen.

Der Barmer-Vorstandsvorsitzende ist zuversichtlich, dass der Abbau der Sektorengrenzen gelingen kann: „Wir spüren da ein deutliches Interesse in der Politik.“ Aber die Bundesregierung müsse die Führung übernehmen und die gesetzlichen Grundlagen schaffen.

Zwar müsse der Systemwechsel schrittweise erfolgen. Die Praxistauglichkeit will die Barmer in Modellregionen testen. „Aber, wenn wir das wirklich konsequent verfolgen, ist es in 10 Jahren machbar.“

 

Kommentar

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