Hoher Preis für schöne Wimpern: Seren mit Prostaglandin-Analoga können erhebliche Nebenwirkungen haben

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

26. April 2019

Dichte, lange und dunkle Wimpern gelten als schön. Dafür wird der Natur mitunter nachgeholfen: Mit künstlichen Wimpern, mit Tuschen und Tinkturen. Seit kurzem versprechen Wimpernseren mit Prostaglandin-Analoga schönere Wimpern. „Der Wirkstoff wurde extra aus der Glaukomforschung adaptiert“, heißt es dazu in der Werbung.

Bei solchen Produkten sei aber Vorsicht geboten, warnt Prof. Dr. Christiane Bayerl, Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden. „Prostaglandin-Analoga gehören nicht in Kosmetika und sollten der Anwendung bei Glaukom vorbehalten sein“, schreibt Bayerl in Aktuelle Dermatologie [1].

Die Herausgeberin der Fachzeitschrift fügt hinzu: „Wir sollten in der kosmetischen Dermatologie diese Substanzklassen als Augenbrauen- und Wimpernbooster nicht empfehlen. Denn als Nebenwirkungen können Hohläugigkeit und Pigment-Unregelmäßigkeiten der Iris und der Augenumgebung auftreten.“

„Nebenwirkung“ Wimpernwachstum

Vermehrtes Haarwachstum und Wimpernwachstum ist ein Nebeneffekt von Anti-Glaukomata, die Prostaglandine und Prostaglandin-Analoga enthalten. Ursprünglich wurden sie nur bei erhöhtem Augeninnendruck und Offenwinkel-Glaukom eingesetzt. In Deutschland sind derzeit 4 synthetische PGF2α-Analoga als Arzneimittel zur Therapie der okulären Hypertension z.B. beim Offenwinkelglaukom zugelassen. Alle PGF2α-Analoga induzieren als Nebenwirkung Wimpernwachstum, wie etwa eine Studie mit Latanoprost von 2006 zeigt.

Die Wirksamkeit von Bimatoprost bei der Behandlung der Augenbrauen-Hypotrichose (Haarwachstumsstörung) zeigen mehrere kontrollierte Studien. In den USA ist Bimatoprost unter dem Namen Latisse™ seit 2008 und in Kanada seit 2009 zur Behandlung der Hypotrichose der Wimpern als verschreibungspflichtiges Arzneimittel zugelassen.

 
Prostaglandin-Analoga gehören nicht in Kosmetika und sollten der Anwendung bei Glaukom vorbehalten sein. Prof. Dr. Christiane Bayerl
 

Der genaue Wirkmechanismus ist unbekannt. Vermutet wird aber, dass Prostaglandin-haltige Seren die Wachstumsphase der Wimpern verlängern, die beim Menschen nur zirka 1 bis 2 Monate dauert. In dieser Anagenphase wachsen die Wimpern 0,15 mm täglich und erreichen am Ende ihre maximale Länge, dann folgt eine 15-tägige Übergangsphase (Katagenphase) und schließlich eine lange Ruhephase. Der Effekt der verlängerten Anagen-Phase zeigt sich durch längere Wimpern, vermehrte Melanogenese und dickere Haare.

Schöne Wimpern teils teuer erkauft

Allerdings weisen Anti-Glaukomata auch einige unerwünschte Nebenwirkungen auf: Konjunktivale Hyperämie bei 50% und periorbitale Hyperpigmentierung und Iris-Pigmentierung durch erhöhte Melanogenese bei 3 bis 10% der Anwender. Auch hervortretendes Fettgewebe in der Augenumgebung, Rückgang des Fettgewebes in der Bulbus-Umgebung mit Einsinken des Auges, Vertiefungen der Augenlidfalte, Ödeme der Augenlider und Augenjucken wurden unter Bimatoprost, Latanoprost und Travoprost beschrieben.

Selten kann auch eine Depigmentierung auftreten: Ein Fallbericht beschreibt diese nach Anwendung von Isopropyl-Cloprostenat einem Prostaglandin-Analogon zum Prostaglandin F2α.

Dr. Gerd Mildau, Leiter des Schwerpunktbereiches Kosmetische Mittel vom Chemischen und Veterinär-UntersuchungsAmt (CVUA) Karlsruhe und amtlicher Kosmetikexperte, betont: „Die Wirkung auf den Augeninnendruck und die beschriebenen Nebenwirkungen treten auch auf, wenn das Mittel am Augenlidrand appliziert wird.“

Nehme man als Glaukom-Patient die Nebenwirkungen noch in Kauf, weil es darum gehe, das Sehvermögen zu erhalten, sei das bei einem Kosmetikprodukt und ohne dass ein zu hoher Augeninnendruck vorhanden ist, schon etwas anderes, meint Dermatologie-Professorin Bayerl und fügt hinzu: „Ich selbst würde solche Wimpernwuchsmittel nicht anwenden.“

 
Die Wirkung auf den Augeninnendruck und die beschriebenen Nebenwirkungen treten auch auf, wenn das Mittel am Augenlidrand appliziert wird. Dr. Gerd Mildau
 

Selbst bei Hypotrichose keine Option

Wie lang, dicht und dunkel Wimpern sind, ist bei Menschen unterschiedlich. Einer manifesten Hypotrichose liegen hingegen Erkrankungen zugrunde, z.B. eine Neurodermitits, Ekzeme, Ablagerungserkrankungen, Schilddrüsendysfunktion, Alopezia areata, Verletzungen, Mykosis fungoides und Sézary Syndrom, Chemotherapie, Zink-, Biotin- und Eisenmangel, Hypoproteinämie und einige Genodermatosen.

„Wir haben bisher keine effektive Behandlung der Wimpernhypotrichose. Wir müssen dazu auf die JAK-Inhibitoren warten, aber die Studien laufen bereits“, erklärt Bayerl. Tuschen und Seren mit Prostaglandin-Analoga aber sollten auch für Patienten mit Hypotrichose keine Therapieoption sein, bestätigt Bayerl im Gespräch mit Medscape.

In rechtlicher Grauzone

Das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) warnt auf seiner Internetseite vor dem Gebrauch Prostaglandin-haltiger Seren: „Teilweise liegt die Konzentration des Wirkstoffs in der Zubereitung sogar oberhalb der höchsten auf dem Fertigarzneimittel-Markt verfügbaren Dosierung von Augentropfen.“

Streng genommen müssten sie als (Funktions-)Arzneimittel (§ 2 Abs. 1 Nr. 2 AMG) behandelt, in klinischen Studien getestet und durch die Bundesoberbehörde zugelassen werden. Stattdessen gelten sie als Kosmetika, müssen nicht an Probanden getestet werden und unterliegen nicht den strengen Richtlinien des Arzneimittelgesetzes (AMG). Deshalb lässt sich auch schwer sagen, wie häufig die Nebenwirkungen auftreten und bei welchen Produkten die Risiken am größten sind.

Bereits 2011 hatte sich das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit Prostaglandin-haltigen Wimpernwuchsmitteln befasst und kritisierte die Sicherheitsbewertung.

 
Wir haben bisher keine effektive Behandlung der Wimpernhypotrichose. Wir müssen dazu auf die JAK-Inhibitoren warten. Prof. Dr. Christiane Bayerl
 

2014 stufte das BfArM ein Wimpernwachstumsmittel als Funktionsarzneimittel ein. Aufgrund des Widerspruchs eines Herstellers ist dieser Beschluss aber bis heute noch nicht rechtskräftig. Um welches Produkt es dabei geht, kann Sabine Cibura, Pressesprecherin im BfArM nicht sagen, weil das Verfahren noch läuft. Bis zu einer endgültigen Entscheidung dürfen die Wimpernseren deshalb weiterhin als Kosmetika verkauft werden.

2018 kam das BfR zu folgender Bewertung: „Obwohl die Bedeutung von PG-Analoga im medizinischen Kontext anerkannt wird, bestehen Zweifel, dass kosmetische Mittel, die zugelassene Arzneistoffe oder teilweise nicht getestete PG-Analoga enthalten, gesundheitlich unbedenklich sind. Eine längerfristige Anwendung von Latanoprost bei Alopezie führt zu Rötungen, Kopfhautreizungen und Hyperpigmentierungen. Eine signifikante Aufnahme der Substanz über die Kopfhaut kann nicht ausgeschlossen werden.“

Das BfR empfiehlt, dem wissenschaftlichen Expertengremium der EU-Kommission (Scientific Committee on Consumer Safety, SCCS) die Frage der Anwendungssicherheit zu übertragen mit dem Ziel eines Verbotes in kosmetischen Mitteln.

Teilweise erhebliche Mängel bei der Kennzeichnung der Produkte

Mildau und seine Kollegen vom CVUA hatten im Jahr 2017 insgesamt 17 Wimpernwachstumsmittel untersucht, die über das Internet bezogen wurden. Die untersuchten Produkte enthielten 4 verschiedene Prostaglandin(PG)-Analoga in Konzentrationen von 0,0006 bis 0,022%. Warn- und Produkthinweise waren formuliert wie z.B. „bei Auftreten von Nebenwirkungen (rote Flecken, Jucken, trockene Haut, unangenehmes Gefühl im Auge) die Anwendung abbrechen“.

3 der untersuchten Proben enthielten Bimatoprost in arzneilich wirksamen Dosen, eine Probe enthielt Bimatoprost-Methylamid. Diese 4 Produkte wurden vom CVUA aufgrund der pharmakologischen Wirkung der Prostaglandine als Funktionsarzneimittel eingestuft und bei einer Verwendung als kosmetisches Mittel als nicht sicher bewertet.

 
Gerade bei Hypotrichose- und Alopezie-Patienten sollte das Thema auf den Tisch kommen. Prof. Dr. Christiane Bayerl
 

Bei 4 weiteren Produkten waren die Prostaglandin-Analoga Tafluprost-Ethylamid und Cloprostenol-Isopropylester enthalten. Die Hersteller dieser 4 Produkte wurden aufgefordert nachzuweisen, dass die Produkte sicher sind.

Bei der Kennzeichnung der Prostaglandine stellten die Sachverständigen des CVUA Karlsruhe teilweise erhebliche Mängel fest. So war in einem Produkt Cloprostenol-Isopropylester enthalten, obwohl dies nicht deklariert war und auch keine Warnhinweise vorhanden waren. Stattdessen wurde die Natürlichkeit des Produktes hervorgehoben.

Ein weiteres Produkt warb ebenfalls mit „natürlicher Behandlung“, enthielt aber Bimatoprost, ohne dieses in der Zusammensetzung aufzuführen.

„Dadurch kann sich der Verbraucher auch über die Deklaration der Produkte nicht ausreichend informieren und Produkte deren Aufmachung den Verbraucher ein natürliches und besonders sicheres Produkt erwarten lassen, können täuschen“, schreiben die Prüfer.

Wie die CVUA-Prüfer feststellten, waren Prostaglandin-Analoga auf manchen Produkten über die Wortsilbe „prost“ zu identifizieren, z.B.:

  • Methylamido-Dihydro-Noralfaprostal (z.B. in M2 Lashes)

  • Dechloro Dihydroxy Difluoro Ethylcloprostenolamid (z.B. in Realash, Revitalash)

  • Isopropyl Cloprostenat (z.B. in Long Lashes, Mystic Lashes, Tolure Hairplus, Beautylines, Aphro Celina, Develle, Superlative Lash)

 
Die Datenlage ist schlecht, wir können mögliche Nebenwirkungen derzeit nur aus Fallberichten ableiten. Prof. Dr. Christiane Bayerl
 

Taucht „prost“ nicht auf, heißt das im Umkehrschluss aber nicht, dass kein Prostaglandin-Analogon enthalten ist.

Das Fazit der amtlichen Kosmetikexperten fällt ernüchternd aus: Verbraucherinnen können Wimpernwachstumsmittel nicht sorglos verwenden. Über die Hälfte der 17 untersuchten Produkte musste beanstandet werden, 4 Proben wurden als Funktionsarzneimittel eingestuft.

Um auf der sicheren Seite zu sein empfiehlt Dermatologie-Expertin Bayerl Verbrauchern deshalb ganz die Finger von Wimpernseren zu lassen, die mit „perfekte, längere und dichtere Wimpern“ beworben werden.

Was ist zu tun?

Bayerl rät niedergelassenen Kollegen und Hausärzten, das Problem gegenüber Patienten anzusprechen: „Gerade bei Hypotrichose- und Alopezie-Patienten sollte das Thema auf den Tisch kommen. Insbesondere bei Patienten mit kreisrundem Haarausfall gehen ja oft auch die Wimpern verloren.“

Neben der Verbreitung der Information darüber, welche Nebenwirkungen auftreten können, findet Bayerl sinnvoll, Kosmetikprodukte, die mit Prostaglandin-Analoga versetzt sind, so zu kennzeichnen, dass das auch für Verbraucher verständlich ist: „Diese Inhaltsstoffe sind zwar nach INCI deklariert, das ist aber eher für Spezialisten erkennbar.“ 

Ein Verbot ist aus Bayerls Sicht keine gute Lösung: „Wir haben noch keine systematischen Erhebungen dazu, wie hoch die Zahl der Nebenwirkungen tatsächlich ist. Die Datenlage ist schlecht, wir können mögliche Nebenwirkungen derzeit nur aus Fallberichten ableiten.“

 

Kommentar

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