Mangel an (günstigen) Krebsmedikamenten: ESMO treibt die EU zu Gegenmaßnahmen an

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

24. April 2019

Für Patienten sind Engpässe bei Krebsmedikamenten besonders relevant – und beängstigend. Nicht nur weil Krebs- nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in Deutschland sind. Im Jahr 2014 gingen 29% der Todesfälle bei Männern und 23% derjenigen bei Frauen auf das Konto einer Krebserkrankung. Und trotzdem kommt es immer wieder dazu, dass gängige (billige) Krebsmedikamente nicht verfügbar sind – und dies nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

 
Die Situation hat dramatische Auswirkungen auf Krebspatienten, weil es zu den vom Mangel betroffenen Medikamenten nur wenige bewährte oder gar keine Alternative gibt. Prof. Dr. Josep Tabernero
 

Um sicherzustellen, dass das Thema oberste Priorität auf der politischen Agenda der EU wird, hat die European Society for Medical Oncology (ESMO) vor kurzem in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Parlament die Arbeitssitzung „Shortages of Inexpensive, Essential Medicines“ organisiert [1].

Das Treffen hatte das Ziel, konzertierte und kooperative Maßnahmen auf EU-Ebene zu fördern und einen Aktionsaufruf mit Empfehlungen für den Gesetzgebungszyklus 2019 bis 2024 zu starten.

Die ESMO empfiehlt, eine gemeinsame europäische Definition für Arzneimittelmangel zu schaffen und strategische Pläne und Maßnahmen auf EU-Ebene einzuführen. Sie wird sich auch dafür einsetzen, dass eine europaweite Studie die Auswirkungen des Arzneimittelmangels auf die EU untersucht.

Folgen des Arzneimittelmangels

„Ein Arzneimittelmangel wirkt sich sowohl auf die Gesundheit der europäischen Bürger als auch auf die Nachhaltigkeit der Gesundheitssysteme negativ aus. Die Situation hat dramatische Auswirkungen auf Krebspatienten, weil es zu den vom Mangel betroffenen Medikamenten nur wenige bewährte oder gar keine Alternative gibt“, erklärte ESMO-Präsident Prof. Dr. Josep Tabernero.

Die DGHO unterscheidet 2 Arten von Verfügbarkeitsproblemen:

  • Lieferengpässe, die sich auf eine Situation beziehen, in der ein Medikament nicht sofort oder nicht in der erforderlichen Menge verfügbar ist. Diese Probleme werden in der Regel von Apothekern gelöst; es ist allerdings zeitaufwändig, eine Alternativmedizin mit dem gleichen Wirkstoff zu identifizieren.

  • Lieferengpässe oder -engpässe, die auftreten, wenn es kein in Deutschland zugelassenes gleichwertiges Medikament gibt oder wenn kein anderer Hersteller existiert. Diese Art von Mangel kann sich negativ auf die Patienten auswirken.

Ursachen der Engpässe

Vlad Voiculescu, Vorsitzender der ESMO-Arbeitsgruppe Patientenanwälte und ehemaliger rumänischer Gesundheitsminister, macht deutlich, dass dem Mangel komplexe und multifaktorielle Ursachen zugrunde liegen. Dabei geht es auch um Qualitäts- und Herstellungsfragen. Eine Rolle spielen zudem die geringe Rentabilität preiswerter Medikamente und die schlechten Berichtsmechanismen.

Hauptursachen für Engpässe bei Krebsmitteln sind aus Sicht der DGHO: Produktionsprobleme, Verteilung auf dem Weltmarkt, Anstieg der Nachfrage, Preise und Marktrücknahmen.

Mangel in Deutschland: Meist finden Apotheker Alternativen

Über die Situation in Deutschland hat die ESMO einen eigenen Bericht erstellt. Die Umfrage der Europäischen Vereinigung der Krankenhausapotheker (EAHP) aus 2018 ergab, dass 97% der deutschen Apotheker wöchentlich oder gar täglich Engpässe feststellten. 78% gaben an, dass dies negative Auswirkungen auf die Patientenversorgung hatte.

Zu den Medikamenten, bei denen am häufigsten Engpässen auftraten, gehörten antimikrobielle Mittel (91%), Anästhetika (69%) und Onkologika (57%). Die Ergebnisse der EAHP-Umfrage wurden durch eine Umfrage der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) 2018 bestätigt. Diese zeigt, dass fast 90% der Gemeindeapotheker und über 80% der Krankenhausapotheker von einem Mangel an verschiedenen Arzneimitteln einschließlich Krebsmedikamenten berichten.

 
Der Mangel an Krebsmedikamenten ist ein Notfall im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Prof. Dr. Josep Tabernero
 

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat 2013 ein Meldesystem für Mängel eingeführt, eine Online-Plattform, die Informationen auf der Grundlage von Mitteilungen von Zulassungsinhabern (MAHs) bereitstellt. Am 20. Januar 2019 listete die BfArM-Plattform 358 Mängelanzeigen auf, davon allein 37 für Krebsmedikamente. Zugrunde lagen dem Mangel überwiegend Herstellungsprobleme (76%), die im Schnitt nach 212 Tagen behoben werden konnten.

2017 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) einen Bericht über den Mangel an Krebsmedikamenten. Untersucht wurde u.a. die Verfügbarkeit von 5-Fluorouracil (5-FU), Cytarabin, Daunoblastin, Doxorubicin, Etoposidphosphat, Melphalan und Vinorelbin zwischen 2012 und 2016.

Bei „lebensbedrohlichen Krankheiten kann eine Versorgungslücke zu einer Verschlechterung der Prognose für die Patienten führen“, hebt der Bericht hervor. Die DGHO erinnert auch daran, dass die negativen Folgen von Engpässen zu Änderungen der Behandlungspläne bis hin zu Verzögerungen oder dem Abbruch der Behandlung reichen können, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen.

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....