Leopoldina-Experten mahnen: Feinstaub ist die eigentliche Gefahr – umfassende Verkehrswende nötig

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

16. April 2019

Der Auftrag von Bundeskanzlerin Angela Merkel an die Akademie der Wissenschaften Leopoldina lautete eigentlich nur, die Gesundheitsgefahren durch Stickstoffoxide zu bewerten. Doch die Experten merkten schnell: „Dann muss man auch über Feinstaub sprechen – und über Treibhausgase“, sagt Prof. Dr. Martin Lohse, Vizepräsident der Akademie und Wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin.

Vergangene Woche legte die interdisziplinäre Forschergruppe ihren Bericht vor [1]. Und prompt titelten die Medien landauf landab das Hauptergebnis: Die 20 Experten sehen lokale Fahrverbote für Dieselautos als wenig hilfreich an, um die Luftqualität zu verbessern.

Was aber in den Schlagzeilen weniger thematisiert wurde: Die Leopoldina fordert stattdessen einen integrierten Plan zur Luftreinhaltung – und mehr Maßnahmen gegen Feinstaub: „Feinstaub ist deutlich schädlicher für die Gesundheit als Stickoxide“, warnt Lohse.

Dass Feinstaub Krebs erregt, ist durch Evidenz gesichert

Anlass für den Auftrag der Kanzlerin Ende Januar war die von Lungenfacharzt Prof. Dr. Dieter Köhler angestoßene Debatte um die Grenzwerte für Stickoxide und Fahrverbote für Dieselautos. Mit dem Bericht nun will die Leopoldina die Diskussion „vom Kopf auf die Füße stellen“, betont Lohse. Was er damit meint: „Nicht die Stickoxide sind die größte Gesundheitsgefahr, sondern der Feinstaub und die Treibhausgase. Darauf sollten wie unsere Anstrengungen konzentrieren.“

 
Nicht die Stickoxide sind die größte Gesundheitsgefahr, sondern der Feinstaub und die Treibhausgase. Prof. Dr. Martin Lohse
 

Feinstaub stammt aber nicht nur aus Motoren, sondern auch aus dem Abrieb von Reifen, Straßenbelag und Bremsbelägen. Auch Verbrennungsprozesse in Energieversorgung, Haushalt, Landwirtschaft und Industrie tragen zur Belastung bei. „Einige dieser Bereiche sind bisher gesetzlich gar nicht geregelt“, sagt der Mediziner, „wir brauchen daher eine bundesweite Ressort-übergreifende Strategie zur Luftreinhaltung.“

Zwar sei die Luft in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten immer sauberer geworden, resümieren die Forscher. Doch nach wie vor gehört die Luftverschmutzung auch hierzulande laut der Global Burden of Disease-Studie zu den Top 10 der Risikofaktoren und ist verantwortlich für 2,1% (Frauen) und 3,1% (Männer) der Krankheitslast. Der größte Teil davon entfällt nach Berechnungen der Europäischen Umweltagentur auf den Verursacher Feinstaub.

Sind die deutschen Grenzwerte zu hoch?

Feinstaub bezeichnet Partikel mit einer Größe bis 10 μm. Über die Luft gelangen sie beim Einatmen in die Lunge, und zwar umso tiefer, je kleiner sie sind. Feinstaub gilt als kausal für eine erhöhte Sterblichkeit, Lungenkrebs und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und als wahrscheinlich kausal für Atemwegserkrankungen.

 
Wir brauchen eine bundesweite Ressort-übergreifende Strategie zur Luftreinhaltung. Prof. Dr. Martin Lohse
 

Zwar werden die aktuellen Grenzwerte (40 μg/m3 im Jahresmittel für größere Partikel, PM10, und 25 μg/m3 für PM2,5) in Deutschland praktisch überall eingehalten – doch sie liegen im internationalen Vergleich relativ hoch. „Auch unterhalb dieser Werte kommt es zu gesundheitlichen Auswirkungen“, warnt Lohse.

Wie stark, wird derzeit in 3 großen Studien untersucht. Erste Ergebnisse aus den USA zeigen, dass schon ab einem Jahresmittelwert von 5 μg Feinstaub pro m3 die Sterblichkeit steigt. Prof. Dr. Jos Lelieveld, Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz, empfiehlt daher eine weitere Absenkung der Grenzwerte in Deutschland, orientiert an den Empfehlungen der WHO. Das würde ungefähr eine Halbierung bedeuten.

Umfassende Verkehrswende notwendig

„Feinstaub hat auch die Eigenschaft, dass er sich gleichmäßig und weit verteilt – daher bringen Fahrverbote für einzelne Straßen wenig“, sagt Lohse. Notwendig sei vielmehr eine umfassende Verkehrswende. Das würde auch das aus Sicht der Forschergruppe größte Problem des Verkehrs angehen – den unverändert hohen Ausstoß an Kohlendioxid.

 
Feinstaub hat auch die Eigenschaft, dass er sich gleichmäßig und weit verteilt – daher bringen Fahrverbote für einzelne Straßen wenig. Prof. Dr. Martin Lohse
 

„Der Verkehr trägt bisher nicht dazu bei, den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase den Pariser Klimaschutzzielen entsprechend zu verringern“, mahnen die Forscher: „Deutschland hat zudem europarechtliche Verpflichtungen, seine Emissionen im Bereich Verkehr zu reduzieren. Es ist nicht zu sehen, wie diese ohne ein umfassend neues Verkehrskonzept zu erfüllen sind.“

Als konkrete Vorschläge nennt die Leopoldina:

  • eine Förderung der Elektromobilität,

  • Einfahrtsbeschränkungen und Maut-Gebühren für Innenstädte,

  • höhere Kraftstoffsteuern und

  • den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Zustimmung von Lungenärzten und Umweltbundesamt

Aufgrund der kurzen Bearbeitungszeit kann die Stellungnahme nicht erschöpfend sein, betont Lohse: „Wir sehen sie als ersten Aufschlag.“ Es bestehe weiterer Forschungsbedarf zur Erfassung, Ausbreitung und Wirkung von Luftschadstoffen, vor allem durch ultrafeine Stäube, und zu Strategien ihrer Vermeidung. Die Leopoldina will zur Vorbereitung und Begleitung der vorgeschlagenen Maßnahmen entsprechende Arbeitsgruppen einrichten.

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) begrüßte die Stellungnahme. „Sie bringt endlich wieder Sachlichkeit in die entgleiste polarisierende Schadstoffdebatte“, sagt Prof. Dr. Klaus F. Rabe, Pastpräsident der DGP. Von der Fokussierung auf Stickoxide abzurücken, sei richtig, da in der Luft immer ein Gemisch von Schadstoffen vorliege.

Auch das Umweltbundesamt (UBA) äußerte sich zustimmend. Man erarbeite derzeit bereits einen Vorschlag für ein nationales Luftreinhalteprogramm. „Auch das Umweltbundesamt hält die aktuelle Feinstaubbelastung für ein größeres Risiko für die Gesundheit“, sagt Präsidentin Maria Krautzberger. Sie forderte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Regierung zum Handeln auf: Eine „Diskussion über schärfere Grenzwerte“ für Feinstaub sei „erforderlich“.

 

Kommentar

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