Von vorgetäuschten Krankheiten, stiller Post und „medizinischen“ Notlandungen – die Notfallambulanz am Flughafen München

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

10. April 2019

Berlin – Notfallambulanzen befinden sich nicht immer nur in Kliniken, es gibt sie auch an wenigen Flughäfen – mit einer ganz besonderen Mischung medizinischer Fälle. Was zum Alltag der Ärzte dort gehört, berichtete der Anästhesist und Notfallmediziner Jürgen Türpe, Leiter der Notfallambulanz am Flughafen München, beim 20. CRM-Forum Reisen und Gesundheit im Rahmen der diesjährigen Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin [1].

Rund 10.000 Patienten sind es jedes Jahr, die am Flughafen München notfallmäßig im Rahmen eines Rund-um-die-Uhr-Services medizinisch betreut werden. „Die meisten von ihnen suchen unsere Ambulanz mit 4 Behandlungsplätzen selbst auf. Etwas mehr als ein Viertel der Fälle betrifft hingegen Außeneinsatzalarme, zu denen wir mit zwei Einsatzleitfahrzeugen in alle Bereiche des Flughafens kommen“, erläuterte Türpe.

Jürgen Türpe

Dabei besteht eine Kooperation mit der Flughafen-Feuerwehr und der öffentlichen Rettung, durch die dem Bedarf entsprechend Rettungsfahrzeuge und weiteres Rettungspersonal angefordert werden können.

Zum Klientel gehören Passagiere, Beschäftigte, Wohnsitzlose

Die Patienten sind international, unselektiert und kommen fast immer ungeplant: Es sind in erster Linie Passagiere, Besucher, Beschäftigte am Campus (etwa mit Verletzungen durch Arbeitsunfälle), genauso wie Menschen aus dem Umland, die gezielt wegen einer Behandlung oder Beratung in die Ambulanz kommen.

Dazu kommen Menschen ohne festen Wohnsitz: „In den Sommermonaten sind es um die 100, im Winter an die 200 solcher temporärer Flughafenbewohner, um die sich kirchliche Betreuer und Streetworker kümmern, die aber immer wieder auch unsere medizinische Hilfe benötigen“, so Türpe.

Andere im Bedarfsfall zu untersuchende Patienten können Beschuldigte einer Straftat sein (etwa wegen Drogendelikten) und Personen, bei denen eine Abschiebemaßnahme ansteht:

„Um in Deutschland zu bleiben, werden hier zum Teil Krankheiten vorgetäuscht, in anderen Fällen entdecken wir aber tatsächlich auch Krankheiten, die vorher noch nicht bekannt waren. Dabei sind wir als Ärzte jedoch keinesfalls Erfüllungsgehilfen der Bundespolizei; vielmehr ist gewährleistet, dass wir völlig unabhängig ärztlich arbeiten können.“

Breites Spektrum für ärztliche Betätigung

Hinzu kommen noch verschiedene andere Betätigungsfelder für das Münchner Notfallambulanz-Team: Mitwirkung bei Flughafenalarm-Übungen und Mitarbeit im Krisenstab, medizinische Einsatzleitung, Fachberatung der Flughafen-Feuerwehr, Beratung der Flughafen-Betreibergesellschaft FMG in medizinischen Fragen sowie Zusammenarbeit mit der Taskforce Infektiologie des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (speziell im Hinblick auf die Kontrolle einreisender Personen mit Verdacht auf ansteckende Krankheiten). In geringerem Umfang werden Interessierten – im Vorfeld individueller Reisen – auch reisemedizinische Beratungen und Impfungen angeboten.

 
Im medizinischen Alltag gehen hier Erkrankungen, die man nicht erwartet, und Situationen, die man vorhersehen kann, Hand in Hand. Jürgen Türpe
 

Das Wichtigste im „Tagesgeschäft“ der Notfallambulanz ist zweifellos die konkrete Patientenversorgung: „Im medizinischen Alltag gehen hier Erkrankungen, die man nicht erwartet, und Situationen, die man vorhersehen kann, Hand in Hand. Dabei gibt es nichts, was es nicht gibt“, betonte der Münchner Flughafenarzt.

Auch die Ankündigung eines vermeintlichen Notfalls in einem ankommenden Flugzeug hat ihre Tücken, die Türpe anhand der Vielzahl von Schritten beim diesbezüglichen Meldeweg beschrieb: „Ein Passagier ruft wegen eines medizinischen Problems das Kabinenpersonal. Dieses informiert den vorgesetzten Purser oder die Purserette, er oder sie sagt es dem Piloten, er meldet es seiner Fluggesellschaft, diese meldet es der deutschen Flugsicherung, sie informiert die Verkehrsleitung in München, die wiederum die Meldung an die Einsatzleitung der Werksfeuerwehr weitergibt, von der aus schließlich unsere Notfallambulanz und die öffentliche Rettung über den Fall informiert werden.“

Aus einem Unwohlsein an Bord könne im Sinne einer „stillen Post“ dann schnell auch mal ein Kollaps oder Schlimmeres angekündigt werden. „Jedenfalls ist und bleibt es immer spannend“, so Türpe.

Potpourri von Krankheits- und Beschwerdebildern

Das Spektrum der zu behandelnden medizinischen Fälle schilderte der Münchner Flughafenmediziner anhand diverser Einzelbeispiele. Etwa:

  • Der auffällige, kaum bekleidete 44-jährige Patient mit manischer Episode bei bipolarer Störung, der unbedingt zur Queen nach London fliegen will und von der Polizei aufgegriffen wird.

  • Die 59-jährige Frau, die vor dem Abflug mit einer Reisegruppe über „Kreislaufprobleme“ klagt und bei der dann im EKG ein akutes Koronarsyndrom mit ST-Hebungsinfarkt diagnostiziert wird.

  • Der 48-jährige Reisende, der bei der Personenkontrolle nach dem Ausziehen seiner Jacke über einen plötzlichen starken Schmerz in der rechten Schulter klagt. Diagnose: Schulterluxation (Reposition in der Klinik).

  • Der 58-jährige Umsteiger zwischen 2 Flügen, der über zunehmende Schmerzen im rechten Fuß klagt und wegen einer vorbehandelten Wunde um einen Verbandswechsel bittet. Was dieser zum Vorschein brachte: eine bis zur Muskel- und Sehnenschicht reichende, großflächig offene, vereiterte und mazerierte Wunde, mit der der Patient nach dem Verbandswechsel weiterreisen wollte – und dies auch tat.

„In der Flughafenambulanz gibt es nichts, was es nicht gibt“, betonte Türpe nochmals.

Die Abrechnung der Behandlungsfälle erfolgt dem Versichertenstatus der Patienten entsprechend über die GKV (auch bei Ausländern mit europäischer Krankenversichertenkarte) oder privat gemäß GOÄ. Gutachterliche ärztliche Stellungnahmen zur Flugtauglichkeit vor Abflug werden immer privat abgerechnet.

Gar nicht so selten: Medizinische Notlandungen

Immer wieder sind auch Patienten zu versorgen, wegen derer ein Flugzeug mit ganz anderem Flugziel seine Route ändert und in München notlandet. „Eine solche Notlandung aus medizinischen Gründen kommt bei uns hochgerechnet etwa alle 2 Wochen vor“, berichtete Türpe im Gespräch mit Medscape. Notlandungen aus technischen Gründen seien hingegen sehr selten.

„Anlass für eine vom Flugkapitän zu entscheidende medizinische Notlandung kann zum Beispiel eine an Bord aufgetretene Bewusstlosigkeit, ein Krampfanfall, der Verdacht auf einen Myokardinfarkt oder Schlaganfall oder – relativ gesehen sogar am häufigsten – ein psychischer Ausnahmezustand sein“, so Türpe weiter.

 
In der Flughafenambulanz gibt es nichts, was es nicht gibt. Jürgen Türpe
 

Je nach angekündigtem Beschwerdebild rücken dann nicht nur Mitarbeiter unserer Notfallambulanz, sondern auch Kollegen von der Flughafen-Feuerwehr und öffentlichen Rettung zu dem gerade notgelandeten Flugzeug aus. „Nach der Erstversorgung des Patienten wird dann über das weitere Procedere wie etwa die Verlegung in ein Krankenhaus entschieden.“

München ist nach Frankfurt am Main Deutschlands zweitgrößter Flughafen, mit mehr als 46 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr. Das bedeutet täglich – je nach Saison – zwischen 90.000 und 155.000 (durchschnittlich 115.000) Menschen, die diesen Flughafen als Startpunkt, Umsteigeflughafen oder Endstation ihrer Flugreise wählen. Hinzu kommen bis zu 35.000 am Campus Beschäftigte.

Betreiber der Notfallambulanz ist die Medicare GmbH, eine Tochterfirma des Flughafen München, die auch die arbeitsmedizinische Versorgung der dort Beschäftigten übernimmt sowie vor Ort eine Belegklinik für Orthopädie, Plastische Chirurgie und Urologie betreibt.

 

Kommentar

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