Klimawandel: Der Patient Erde ist in kritischem Zustand, die Therapie ist klar – aber niemand setzt sie um

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

10. April 2019

Berlin – Die Diagnose ist eindeutig, die Therapie eigentlich auch: Der Patient Erde leidet an Klimaerwärmung. Um diese zu stoppen, muss der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) möglichst schnell verringert werden. Das Problem ist: „Niemand beginnt die Therapie umzusetzen“, sagt Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Joachim Schellnhuber, emeritierter Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Gelingt es aber nicht, die Erderwärmung zu begrenzen, sind die Folgen ähnlich wie beim Menschen, erläuterte der renommierte Physiker und Mathematiker auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin [1]: „Bei 5 Grad über Normaltemperatur ist dann bald Exitus.“

 
Bei 5 Grad über Normaltemperatur ist dann bald Exitus. Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Joachim Schellnhuber
 

Bei über 2 Grad sind lebenswichtige Organe der Erde in Gefahr

Zu Beginn seines Vortrags lobte Schellnhuber die ärztliche Zunft: „Das Interesse von Medizinern aller Fachrichten am Klimawandel ist schon immer besonders groß gewesen.“ Die Evidenz, dass sich das Klima erwärmt, liege mittlerweile bei über 90% – „das ist ja viel prägnanter, als man es normalerweise bei einer Diagnose hat.“

Auch für das von der Klimaforschung geforderte Ziel einer Erwärmung nicht über 2, besser nur um 1,5 Grad Celcius, gebe es eine direkte empirische Grundlage: Oberhalb dieser Grenze verändern sich wesentliche „Kippelemente“ des Erdsystems, etwa der Eispanzer auf Grönland, der Jet Stream oder der indische Sommer-Monsun – mit unabsehbaren Folgen für das gesamte Klima. „Man könnte auch sagen, dann sind lebenswichtige Organe in Gefahr“, so Schellnhuber.

Schon bei einer um 1,6 Grad höheren Durchschnittstemperatur würde die 2.000 Meter dicke Eisdecke auf Grönland komplett abschmelzen und der globale Meeresspiegel um 7 Meter steigen. „Wir können heute nicht sagen, ob dieser irreversible Prozess nicht bereits begonnen hat“, warnte Schnellnhuber. Mit dem Abtauen von Grönland gelängen riesige Mengen Süßwasser in die Labradorsee, wo der Golfstrom seinen Ursprung hat. „Es besteht die Gefahr, dass dieser dann abgeschwächt wird.“

Das Ende unserer Zivilisation?

Im Pariser Klimaschutzabkommen haben sich die Staaten der Welt zwar verpflichtet, die Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Doch die Umsetzung stockt. „Im Moment befinden wir uns eher auf einem Kurs, der zu einer Erwärmung um 8,5 Grad führen würde“, sagte der Experte. Dann würden die meisten Kippelemente kippen und beispielsweise auch die Permafrostböden auftauen.

 
Im Moment befinden wir uns eher auf einem Kurs, der zu einer Erwärmung um 8,5 Grad führen würde. Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Joachim Schellnhuber
 

„Is this how our civilization ends?“ – Endet so unsere Zivilisation?, fragte Schellnhuber kürzlich auf einem Vortrag auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor hochrangigen Politikern. Dort ging es beispielsweise auch um den Konflikt um die Krim-Halbinsel. Schnellnhuber konnte zeigen: Wenn das gesamte Eis der Erde schmilzt, gibt es keine Krim mehr – sie läge unter Wasser. Ebenso wie Bangladesch, Florida oder Schleswig-Holstein.

Es gibt auch Berechnungen, an welchen Orten der Erde es möglichweise so heiß wird, dass Menschen sich nicht mehr für längere Zeit im Freien aufhalten können. Bei 8,5 Grad Erwärmung wäre dies in Teilen Südamerikas, Afrikas, Asiens und Australiens an fast allen Tagen im Jahr der Fall: „Die gesamten Tropen wären unbewohnbar“, so Schellnhuber. Auch im Osten der USA wäre es an 50 bis 100 Tagen im Jahr unerträglich heiß.

 
Die gesamten Tropen wären unbewohnbar. Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Joachim Schellnhuber
 

„Wissenschaft ist unsere Leitlinie“

Immerhin: Den Menschen ist die Gefahr offenbar bewusst. In einer aktuellen Umfrage des Pew Research Center aus Washington in 26 Ländern nennen 67% der Teilnehmer den Klimawandel als größte aktuelle Bedrohung. Dass dennoch nicht gehandelt wird, erklärt sich für Schellnhuber nur mit dem Prinzip der kognitiven Dissonanz.

Diese entstehe unter anderem, wenn das Individuum etwas tun will, aber nicht kann. Oder, wie beim Klimaschutz, etwas tun kann, aber nicht will. Denn die CO2-Emissionen zu begrenzen, wäre möglich. „Der Ausstoß müsste und könnte in jedem Jahrzehnt halbiert werden“, sagt Schellnhuber, „aber wir tun es nicht.“

Hoffnung gibt ihm die Schülerbewegung „Fridays for future“ – und deren öffentliche Unterstützung durch „Scientists for future“. „Dass sich hier die Experten-Community geschlossen öffentlich hinter ein Ziel stellt, hat es vorher so nicht gegeben.“ Umgekehrt akzeptierten die Schüler die Forscher als Instanz und sagten: „Wir stellen uns hinter die Aussagen der Wissenschaft. Das ist unsere Leitlinie.“

 

Kommentar

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