„Infrastruktur aus den 90ern“ : Wie die Digitalisierung im Gesundheitswesen mittels Start-ups weiterentwickelt werden könnte

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

3. April 2019

Köln – In Sachen digitalem Fortschritt befindet sich das deutsche Gesundheitswesen im Vergleich zu zahlreichen anderen Ländern und Branchen weit im Hintertreffen, so die Feststellung von Medizinern, Politikern und Gründern auf dem „Gesundheitskongress des Westens“ [1]. Die Folge: Deutsche Startups wandern mit ihren Innovationen lieber ab in die USA oder andere Märkte.

„Alles wird digitalisiert“

„Wenn junge Asiaten zu uns nach Deutschland kommen, dann haben sie ein museales Erlebnis.“ So beschrieb NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart den Status quo des „digitalen Gesundheitssystems“ hierzulande. Es gelte aber langfristig auch für die Gesundheitsbranche der Grundsatz: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert“.

Dieser Ansicht ist auch Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel und Lübeck. „Alle wollen Digitalisierung, aber im Krankenhaus finden sie die Steinzeit“, so sein Resümee.

 
Einfach mal mutig sein und irgendwo anfangen. Prof. Dr. Jens Scholz
 

Die Bereitschaft für Veränderungen hin zur Digitalisierung sei auch im Krankenhaus grundsätzlich hoch. Eine Hürde stelle jedoch die Finanzierung der Umstellung der analogen Prozesse dar, die die Häuser selbst übernehmen müssten.

Eine weitere sei die Bürokratie, die die Übertragung der analogen in digitale Systeme im Gesundheitssektor bremse. Seine Empfehlung: „Einfach mal mutig sein und irgendwo anfangen“ statt das Gesamtsystem zu betrachten.

Prof. Dr. Jens Scholz

Das gelte etwa für die Bilderkennung in bestimmten medizinischen Fachrichtungen wie der Radiologie, Pathologie oder Dermatologie. „So etwas können Computer schon lange.“ Das heiße jedoch nicht, dass die Tätigkeit des Arztes obsolet werde. „Wir brauchen Menschen, die das Fach mit der Digitalisierung weiterentwickeln“, sagte Scholz.

 
Wir brauchen Menschen, die das Fach mit der Digitalisierung weiterentwickeln. Prof. Dr. Jens Scholz
 

Ärzte sollten die Digitalisierung weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als „Befreiung von lästigen Aufgaben“ sehen, so sein Apell. „Wenn wir für Patienten attraktiv bleiben wollen, müssen wir über telemedizinische Lösungen nachdenken, auch, weil unsere Nachbarländer Belgien, Luxemburg und die Niederlande nicht weit weg und schon viel weiter sind.“

Fernbehandlung ersetzt Praxisbesuch

Eine Tele-Sprechstunde bietet z.B. die TeleClinik GmbH Patienten an. Das Münchner Unternehmen betreibt die nach eigenen Angaben „in Deutschland momentan einzige ganzheitliche Plattform für digitale Arztbesuche“. Aktuell werde die digitale Konsultation allerdings nur Privatversicherten von ihrer Krankenkasse erstattet, sagte Geschäftsführerin Katharina Jünger.

 
Telemedizin soll Teil der Regelversorgung werden. Katharina Jünger
 

Die Plattform biete Patienten einen 24-Stunden-Service, inklusive der Ausstellung eines Privatrezepts, einer Facharztüberweisung oder einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung „direkt aufs Handy“. Jüngers Forderung: „Telemedizin soll Teil der Regelversorgung werden.“

Katharina Jünger

Dazu muss sie die gesetzlichen Kassen von der Erstattung der digitalen Sprechstunde überzeugen. Immerhin sei das Fernbehandlungsverbot, das zu Anfangszeiten des Unternehmens vor 4 Jahren noch galt, mittlerweile gekippt. „Schon damals gab es genug Ärzte, die gesagt haben: Wir trauen uns und machen mit.“

Die Patienten für die Ferndiagnose zu begeistern, sei schwieriger, bemerkte Jünger. „Dass eine Video-Sprechstunde einen Arztbesuch komplett ersetzen kann, ist erklärungsbedürftig“, so ihre Erfahrung.

Insbesondere für GKV-Patienten könne sich jedoch eine sofort verfügbare Telesprechstunde auszahlen, bemerkte Kongressleiter Prof. Dr. Wolfgang Greiner, Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsökonomie und -management an der Universität Bielefeld. „Sie bekommen den Facharzttermin ja ansonsten eventuell erst in 4 Wochen.“

Allerdings sei die Tätigkeit von Kassenärzten an den Ort des Kassensitzes gebunden, gab Jünger zu bedenken. Also sei es ihnen aktuell nicht erlaubt, eine Video-Sprechstunde von zuhause aus anzubieten – eine weitere Hürde also für die Etablierung des Telemedizin-Portals in die Regelversorgung.

Gründer wandern ab in die USA

Andere Start-ups kommen erst gar nicht dazu, ihre innovativen digitalen Lösungen im deutschen Gesundheitsmarkt zu etablieren, sagte Kai Brüning, Fondsmanager bei dem Finanzdienstleister ApoAsset. Erstens sei der Markt im internationalen Vergleich sehr stark reguliert, zweitens „werden medizinische Unternehmen in der Gründungsphase hier zu wenig gefördert“.

Daher richte sich der Fokus vieler Start-ups auf die USA. Dabei könnten auch hierzulande 80% der Gesundheitsausgaben mittels neuer Technologien gespart werden, die in anderen Bereichen reinvestiert werden könnten, rechnete er vor. „Die Gründer stehen vor riesigen Wänden – die Regulierung des Gesundheitsmarkts stellt ein großes Innovationshindernis dar“, bemängelte Brüning.

Anna von Stackelberg

Diese Erfahrung macht auch Anna von Stackelberg, die die Praxisverwaltungs-Plattform „doctorly GmbH“ entwickelt hat. „In den Praxen haben wir Software aus den 90ern vorgefunden“, berichtete sie in einer Session zu digitalen Geschäftsmodellen in der Medizin.

Für die Gründerin fühlte sich das an „wie in einem anderen Zeitalter“. Ihre Plattform soll Prozesse effizienter gestalten und die 60 Tage, die Ärzte laut Analysen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit administrativen Aufgaben verbringen, deutlich reduzieren.

Der Marktgang ist für Sommer 2019 anvisiert; aktuell stehen 1.000 Praxen auf der Warteliste, sagte von Stackelberg. Der Weg dahin sei nicht einfach gewesen. „Allein das 4.000-seitige Praxisverwaltungssystem war sehr schwer zugänglich und beinhaltete strikte Auflagen.“

KBV prüft digitale Praxisdienste

Der Aufwand hat sich aber offensichtlich gelohnt, Denn die doctorly GmbH ist jetzt eines von 10 Unternehmen, die ihr Produkt in den „KBV Zukunftspraxen“ testen dürfen. Denn auch die KBV versucht, die Digitalisierung voranzutreiben.

Für das Projekt „KBV-Zukunftspraxis“ haben sich bundesweit 311 Arztpraxen beworben, die unterschiedliche digitale Dienste im Praxisalltag prüfen sollen, erklärte Dr. Bernhard Trenckhoff, Leiter der Stabstelle Innovation, Strategische Analyse und IT-Beratung (ISI) bei der KBV in Berlin, auf dem Kölner Kongress.

Dr. Fabian Kording

Auch er plädiert für mehr Erprobungsspielraum für innovative digitale Praxisdienste, die die Mediziner entlasten und den Austausch zwischen stationärem und ambulantem Sektor erleichtern. „Es braucht solche ,Sandkisten‘, das heißt, geschützte Bereiche“, in denen Angebote getestet und gezielt evaluiert werden können, bevor sie in die Regelversorgung aufgenommen werden, sagte Trenckhoff. Noch gebe es jedoch „viele Fußfesseln, die Innovation bremsen“.  

Etwa fehlen vielerorts in Krankenhäusern definierte Prozesse, in die neue digitale Lösungen oder Prototypen integriert werden können, bemerkte Dr. Fabian Kording, Mitgründer und CEO der north medical GmbH und Forschungswissenschaftler in der Abteilung für Radiologie am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. „Wenn man das Produkt oder den Dienst noch nicht einmal zeigen kann, ist Innovation schon in der Idee gescheitert“, monierte Kording. „Dann sind die Start-ups ganz schnell weg.“

Zudem sei neben dem Wirksamkeitsnachweis vor der Integration einer digitalen Gesundheitsanwendung auch eine Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) notwendig, die mindestens 2 Jahre brauche, ergänzte er.

„Das ist noch sehr optimistisch berechnet“, bemerkte Tenckhoff. Eine Lösung bieten temporäre Zulassungen für Produkte, die in „Sandkisten“ erprobt werden. „Wir ergründen in unserem Projekt, was die Praxen überhaupt wünschen oder brauchen – ergebnisoffen. Es braucht solche Brückenangebote, um digitale Entwicklungen überhaupt zu ermöglichen.“

 

Kommentar

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