MEINUNG

Schluss mit „jeder darf und kann alles”! Warum unsere Kliniken so schlecht abschneiden und was wir von Dänen lernen sollten

Christian Beneker

Interessenkonflikte

3. April 2019

Prof. Dr. Reinhard Busse

Wenn es nach Prof. Dr. Reinhard Busse ginge, dann würden in Deutschland die vielen kleinen Krankenhäuser schließen müssen. Ähnlich wie in Dänemark. Medscape traf den Professor für Gesundheitsmanagement von der TU Berlin auf dem Ersatzkassenforum in Hannover. Im Interview erläutert er seine Thesen über eine neue Versorgungsstruktur.

Medscape: Herr Prof. Busse, Sie üben scharfe Kritik an der deutschen Krankenhauslandschaft. Warum?

Prof. Busse: Wir haben in der stationären Versorgung im Wesentlichen 3 Probleme: 1) Unangemessen viele Patienten, die oft gar keine stationäre Behandlung brauchen. Dies führt 2)  zu einer niedrigen Personal-Zahl pro Patient. Und 3) verteilen sich die notwendigen stationären Fälle über zu viele Krankenhäuser, die personell und technisch nicht adäquat ausgestattet sind.

Medscape: Welche konkreten Beispiele kennen Sie, die diese Probleme verdeutlichen?

Prof. Busse: Zum Beispiel kommen immer mehr Patienten über die Notaufnahmen in die Krankenhäuser, darunter auch viele Patienten, deren Erkrankungen oft besser ambulant zu behandeln wären. 2015 haben die deutschen Krankenhäuser rund 17 Millionen Patienten in ihren Notaufnahmen gesehen, das waren 60 Prozent aller Notfälle überhaupt. Dies entspricht seit 2009 einer Zunahme von 34 Prozent.

Die Hälfte der 17 Millionen werden dann als „Notfälle“ stationär aufgenommen. In anderen Ländern beträgt dieser Wert übrigens nur 22 bis 33 Prozent! Dadurch stieg in Deutschland die Zahl der stationär behandelten Notfälle aus der Ambulanz um 27 auf 45 Prozent aller Fälle im Krankenhaus. Das waren 8,5 Millionen Fälle.

Betrachtet man weiter die Einzeldiagnosen, so werden in Deutschland zweimal so viele Patienten mit Angina pectoris oder Herzinsuffizienz stationär behandelt und bei Hypertonie oder Rückenschmerzen sogar dreimal so viele, wie im Schnitt in den EU15-Staaten (Länder, die bereits vor 2004 Teil der EU waren).

 
In Deutschland stieg die Zahl der stationär behandelten Notfälle aus der Ambulanz um 27 auf 45 Prozent aller Fälle im Krankenhaus. Prof. Dr. Reinhard Busse
 

Zugleich sind viele Häuser personell und technisch gar nicht auf die vielen Patienten vorbereitet. Im Jahr 2017 hatten 449 und damit 34 Prozent aller Krankenhäuser keinen Computertomographen und 805 und damit 61 Prozent keine Koronarangiographie. Trotzdem wurden da Patienten mit Herzinfarkt aufgenommen.

Medscape: Was bedeutet das für die Qualität der Behandlung?

Prof. Busse: Zum Beispiel beim Herzinfarkt zeigt sich Folgendes: In den 54 deutschen Krankenhäusern, die im Schnitt mehr als 600 Infarktpatienten pro Jahr behandelten, lag die Sterblichkeit in den Jahren 2009 bis 2014 um 31 Prozent niedriger als bei den Häusern (763) mit durchschnittlich weniger als 50 Infarktpatienten pro Jahr. Das sagt doch alles. Neue Untersuchungen zeigen, dass Häuser mit vielen Fällen pro Indikation auch noch kostengünstiger arbeiten.

Medscape: Wer mit einem Infarkt in eine Klinik kommt, die nicht darauf spezialisiert ist, geht also ein deutlich höheres Risiko ein, daran zu sterben. Dänemark hatte ähnliche Probleme und ist nun dabei, mit 21 großen Krankenhäusern im Land die vorhandene, alte Krankenhauslandschaft zu ersetzen. Unterstützen Sie darum Modelle wie in Dänemark?

Prof. Busse: Tatsächlich steht Dänemark im internationalen Vergleich etwa bei der 30-Tage-Sterblichkeit nach Aufnahme von Patienten mit einem akuten Myokardinfarkt auf Platz 2. Dort sterben von 100 aufgenommenen Patienten über 45 Jahre nur 4. Deutschland liegt dagegen auf Platz 24 – mit einer Sterblichkeit von 7,7 Patienten. Dänemark versorgt die Patienten in großen, gut ausgestatteten Krankenhäusern mit besserem Ergebnis. Wir brauchen auch größere Häuser, wo mehr Patienten pro Indikation versorgt werden können.

Medscape: Taugt das kleine Land Dänemark wirklich als Vorbild für eine Reform der stationären Versorgung in Deutschland?

Prof. Busse: Einige Elemente könnte man übernehmen. Zum Beispiel, indem man auch bei uns die Landkreis-Ebene verlässt und die Krankenhausversorgung großräumiger plant. In Dänemark wurden für Krankenhäuser sogar neue Regionsgrenzen geschaffen. Bei uns möchten viele Landräte, aber auch die Bevölkerung, ihr kleines Krankenhaus behalten.

 
Unsere Krankenhausplanung geschieht ja primär zum Schutze der Krankenhäuser und nicht zum Schutze der Patienten. Prof. Dr. Reinhard Busse
 

Medscape: Aber in Niedersachsen kann man doch sehen, wie schwer es ein dänisches Modell hätte: Die 3 Krankenhäuser in Leer, Emden und Aurich sollten zu einem neuen großen Haus auf der grünen Wiese zusammengelegt werden. Nach endlosen Auseinandersetzung brachte ein Bürgerentscheid das Projekt zu Fall. Warum wehrt sich die Bevölkerung?

Prof. Busse: Ich staune auch oft, dass die Bevölkerung zum Beispiel lieber ein kleines Krankenhaus für die Geburtshilfe behalten will, obwohl die zuständigen Gynäkologen als so genannte Belegärzte zuhause darauf warten, benachrichtigt zu werden, wenn die Geburt im Krankenhaus beginnt. Dabei geht es bei Geburten doch oft um Minuten! In Dänemark dagegen gibt es durch die großen Einheiten nachts einen zuständigen Facharzt, der stets im Krankenhaus vor Ort ist – während in Deutschland drei Fachärzte zuhause sitzen mit einem Pieper in der Tasche.

Auch in Dänemark gab es natürlich Diskussionen. Aber die Patienten merken jetzt, dass die Versorgung besser ist als vorher, auch wenn die Anfahrten zu den neuen Kliniken länger geworden sind.

Medscape: Mit wenigen großen Häusern müsste die Versorgung ganz neu geplant werden. Wie?

Prof. Busse: Sie müsste überhaupt erst einmal geplant werden! Unsere Krankenhausplanung geschieht ja primär zum Schutze der Krankenhäuser und nicht zum Schutze der Patienten. So sollte endlich der Bedarf ermittelt werden, um die Versorgung über spezielle Aufträge an bestimmte Krankenhäuser besser zu steuern.

Medscape: Wie wollen Sie den Bedarf feststellen?

Prof. Busse: Der Bedarf auf Systemebene ist ein „latenter“ Begriff und lässt sich nicht mit einer Kennzahl erfassen. Daran hat sich ja auch der Sachverständigenrat schon in den Jahren 2000 und 2001 die Zähne ausgebissen.

 
Das Prinzip „jeder darf und kann alles“ muss der Vergangenheit angehören. Prof. Dr. Reinhard Busse
 

Und das kürzlich erschiene Gutachten für den ambulanten Bereich zeigt, dass selbst nach allen Regeln der statistischen Auswertung keine abschließende Antwort auf die Frage nach dem tatsächlichen Bedarf entwickelt werden kann.

Man kann sich aber hilfsweise mit einer Reihe von Kennzahlen der aktuellen Versorgungssituation nähern und hinterfragen ob die aktuellen Strukturen insbesondere vor dem Hintergrund der Inanspruchnahme, Qualität und räumlichen Lage besonders bei niedrigen Fallzahlen für eine zukunftsfähige Versorgung adäquat sind. Das Prinzip „jeder darf und kann alles“ muss der Vergangenheit angehören.

Medscape: In Dänemark ist das Gesundheitssystem staatlich. In Deutschland herrscht Trägervielfalt. Wie überzeugen Sie die verschiedenen kommunalen, privaten oder frei gemeinnützigen Häuser von der Idee?

Prof. Busse: Nun, man kann lenkend eingreifen, solange die Vielfalt erhalten bleibt. Das heißt, wenn in einer Region ein kommunales Haus zugunsten einer Fusion geschlossen wird, muss es bei der nächsten Zusammenlegung ein privates oder frei gemeinnütziges sein. Das ist Sache der Planung.

Medscape: Schon jetzt reichen die Investitionen der Länder in die Krankenhäuser nicht. Wie sollten sie für einen Großumbau der Krankenhauslandschaft reichen?

Prof. Busse: Auch in Dänemark mussten sich die Regionen mit Versorgungskonzepten bewerben und selbst Geld mitbringen. Der Rest kam aus dem Steuersäckel des Staates. Insgesamt hat man mit 1.000 Euro pro Bürger gerechnet. In Deutschland wären das 80 Milliarden Euro, im Land Niedersachsen 8 Milliarden.

Das ist eine Menge Geld, aber andererseits auch nur ungefähr ein Jahresumsatz der Krankenhäuser. Auf 10 Jahre gerechnet, die der Umbau vielleicht dauern würde, betrüge die Investitionssumme also jährlich ein Zehntel des Umsatzes. Rechnet man die derzeit von den Ländern gezahlten Investitionen von 3 bis 4 Prozent dagegen und die Effizienzsteigerung der neuen Häuser, die vielleicht mittelfristig 5 Prozent ausmacht, kommt man der Sache schon näher.

Wir bauen die Krankenhäuser ja nicht neu, um Geld zu sparen. Sondern wir wollen für unser Geld eine bessere Versorgung organisieren.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....