Höchste Zeit für Veränderungen in der Gesundheitsbranche – oder: Wie setzt man Innovationskräfte frei?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

3. April 2019

Köln – Akteure im Gesundheitswesen fordern dringend Veränderungen, um Personalnot in den Kliniken, Rückstand in der Digitalisierung, Ärztemangel auf dem Land und anderen Missständen zu begegnen. Die bisherigen Strukturen seien den aktuellen Problemen nicht mehr gewachsen und müssten dringend erneuert werden, stellten Experten auf dem „Gesundheitskongress des Westens“ fest [1].

Prof. Dr. Wolfgang Greiner

„Es herrscht viel Frustration im System – beispielsweise durch Bürokratie und Personalmangel“, sagte Prof. Dr. Wolfgang Greiner, Wissenschaftlicher Leiter des Kongresses und Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsökonomie und -management an der Universität Bielefeld. „Es braucht Menschen, die mutige Entscheidungen treffen, um den Druck im System zu überwinden.“

Patientendaten transparenter machen

Andreas Pinkwart

Das gelte z.B. für den Datenschutz und die digitale Patientenakte, letztere als zentrales Element einer vernetzten Gesundheitsversorgung, die in Deutschland immer noch nicht existiere. So das Statement von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart bei der Eröffnung der 13. Auflage des Kongresses, bei dem unter dem Motto „Der Druck nimmt zu: Zeit für mutige Veränderungen” rund 1.000 Vertreter aus Gesundheitspolitik, -wirtschaft, Krankenhauswesen und ambulanter Versorgung in Köln diskutierten.

 
Es herrscht viel Frustration im System – beispielsweise durch Bürokratie und Personalmangel. Prof. Dr. Wolfgang Greiner
 

In Estland etwa, so Pinkwart, seien digitale Patientenakte und digitales Rezept längst Realität. Datenschutz sei dennoch kein Problem, denn es gebe „volle Datensouveränität sowohl beim Staat als auch bei Gesundheitsdaten“.

Das heißt, Patienten könnten Datenzugriffe von Behörden und Ärzten einsehen und somit nachverfolgen. Verstöße gegen Datenschutz, etwa seitens der Ärzte, werden sanktioniert, bis zum Entzug der Approbation. „Das alles haben wir noch nicht geschafft“, so Pinkwart.

Crash vermeiden durch Teamwork

Philip Keil

Was die Gesundheitsbranche in Sachen Teamwork, Gestaltung von Führungsstrukturen und Fehlervermeidung von der Luftfahrt lernen kann, erklärte der ehemalige Pilot und heutige Management-Coach Philip Keil, der 2009 einen Crash verhinderte. Bei 9 von 10 Abstürzen waren Statistiken zufolge nicht Fehlentscheidungen von einzelnen, sondern ein Versagen des Teams die Ursache, sagte Keil. „Entscheidungsschwäche, schlechte Kommunikation und mangelnde Prioritätensetzung – Steuerung ist Teamleistung“, so sein Credo.

 
Es braucht Menschen, die mutige Entscheidungen treffen, um den Druck im System zu überwinden. Prof. Dr. Wolfgang Greiner
 

Bei 80% der Abstürze saß der erfahrenere Pilot am Steuer, so Keil. Zur Katastrophe komme es dann umso häufiger, „weil sich niemand im Team traut, Fehler offen anzusprechen“. „Machtdistanz“, also der fehlende Draht der Mitarbeiter zu ihren Chefs und umgekehrt, schaffe nicht nur in der Luftfahrt, sondern auch in der Gesundheitsbranche Probleme, die zum „Crash“ führen könnten.

Er riet Krankenhäusern dazu, Hierarchien abzubauen und den Führungskräften, das Vertrauen ihrer Mitarbeiter in die eigenen Fähigkeiten zu stärken. „Es wäre gut, wenn der Chefarzt bei schwierigen Situationen im OP den Assistenzarzt fragen würde: Wie sehen Sie das?“, bemerkte Keil.

Prof. Dr. Jens Scholz

„In der Tat brauchen wir auch im OP Teammanagement“, bemerkte Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel und Lübeck. Von den flachen Hierarchien der Luftfahrt seien die Krankenhäuser allerdings noch weit entfernt.

 
Beim Flugzeugabsturz stirbt der Pilot bei einer Fehlentscheidung mit, im Krankenhaus ‚nur‘ der Patient. Prof. Dr. Jens Scholz
 

Ein Grund für die fehlende Veränderungsbereitschaft in seiner Branche: „Beim Flugzeugabsturz stirbt der Pilot bei einer Fehlentscheidung mit, im Krankenhaus ‚nur‘ der Patient“, so der Anästhesist.

Wie positiv sich Ent-Hierarchisierung auswirken kann, zeigt das Alexianer Krankenhaus in Berlin. Dort entwickelte Sabrina Roßius, Stationsschwester der Intensivstation, ein Arbeitszeitmodell, das Mitarbeitern mehr Flexibilität im Dienstplan und mehr Eigenverantwortung gewährt.

Die Zustimmung der Kollegen war überwältigend und Roßius erhielt die Auszeichnung „Nachwuchs-Pflegemanager des Jahres“. Auch für die Klinikleitung hat sich das Vertrauen in die Mitarbeiter ausgezahlt: Die Station hat nun keine unbesetzten Stellen für Pflegefachkräfte mehr.

 
Die Digitalisierung zeigt uns, dass Experten-Knowhow ersetzbar ist. Dr. Mathias Bracht
 

Mehr Ressourcen durch Digitalisierung

Angesichts des wachsenden Personalnotstands biete konsequente Digitalisierung Krankenhäusern die Möglichkeit, Personal richtig einzusetzen beziehungsweise zu entlasten, sagte Pinkwart. „Dokumente erfassen und archivieren können Maschinen schon lange – nutzen wir diese Möglichkeiten“, so sein Appell an die Klinikvertreter.

Dr. Mathias Bracht

„Die Digitalisierung zeigt uns, dass Experten-Knowhow ersetzbar ist“, sagte Dr. Mathias Bracht, Geschäftsführer Medizin der Klinikum Region Hannover GmbH. Im Zuge der Digitalisierung gehe der Trend in der Krankenhausmedizin daher weg von der Dominanz von Experten hin zum Einbezug anderer Berufsgruppen in Entscheidungsprozesse zum Wohl des Patienten. Das gelte beispielsweise auch für die Zusammenarbeit von Ärzten mit IT-lern bei der Digitalisierung von Prozessen, bemerkte Scholz.

Sicherlich werde die Digitalisierung Arbeitsschritte – und auch Arbeitsplätze überflüssig machen, die jedoch an anderer Stelle gebraucht werden sagte Bracht. „Ich glaube Mediziner sind große Bremser der Digitalisierung, besonders auch der künstlerischen Intelligenz“, sagte er. Dies auch, so seine Vermutung, weil sie Einfluss haben werde auf den Expertenstatus in Organisationen.

 

Kommentar

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