Organempfänger: Wenn mangelnde Therapietreue lebensgefährlich wird – psychosoziale Betreuung schützt

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

2. April 2019

Berlin – Für viele Patienten geht mit einer Transplantation eine große Hoffnung in Erfüllung: Endlich ein Spenderorgan! Doch nach der Operation sind sie nicht geheilt – sie müssen lebenslang immunsupprimierende Medikamente nehmen, damit das Organ nicht abgestoßen wird.

„Die Patienten müssen gnadenlos diszipliniert sein und sich genau an den Medikationsplan halten – Tag für Tag“, erinnerte Prof. Dr. Martina de Zwaan, Geschäftsführerin des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM) und Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Zudem müssen sie ihren ganzen Lebensstil umstellen, um Infektionen zu vermeiden.“

Prof. Dr. Martina de Zwaan

Eine psychische Mammutaufgabe, die nicht alle Transplantierten alleine schaffen, wie de Zwaan anlässlich des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin erläuterte [1]. Die DKPM und die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) entwickeln daher derzeit eine neue S3-Leitlinie: „Psychosoziale Diagnostik und Behandlung von Patienten vor und nach Organtransplantation.“

Ziel ist, dass mehr Patienten fachliche psychische Unterstützung vor und nach der Transplantation erhalten – und damit letztlich auch die Rate der Organabstoßungen gesenkt wird.

Kritisch sind belastende Ereignisse – und die Jugendjahre

Studien schätzen, dass 14 bis 36% der Organverluste darauf zurückzuführen sind, dass die Patienten die Medikamente nicht gewissenhaft eingenommen oder sich anderweitig riskant verhalten haben („Non-Adhärenz“). „Kritisch sind beispielsweise äußere Ereignisse wie Todesfälle oder eine Scheidung“, sagt de Zwaan, „da tritt dann die Medikation für den Patienten in den Hintergrund.“

 
Jeder Patient sollte bereits vor der Aufnahme auf die Warteliste psychosozial evaluiert werden. Prof. Dr. Martina de Zwaan
 

Bei Jugendlichen ist der Übergang ins Erwachsenenalter die riskanteste Zeit. Die Teenager wollen frei sein, mit Freunden etwas erleben, „und dann werden die Medikamente einfach vergessen.“ Rund 40% der jungen Patienten zeigen in dieser „Transitionsphase“ eine mangelnde Therapietreue.

Zwar gebe es auch heute schon unterstützende Angebote für Transplantationspatienten, aber in zu geringem Umfang und zu wenig standardisiert. „Jeder Patient sollte bereits vor der Aufnahme auf die Warteliste psychosozial evaluiert werden“, sagt de Zwaan: „Dann könnten wir diejenigen identifizieren, die Unterstützung brauchen.“

Je nach Untersuchung leiden 25 bis 60% der potenziellen Organempfänger an psychischen Problemen wie Angststörungen und Depressionen. „Auch bei den Transplantationskonferenzen, in denen über die Aufnahme in die Warteliste entschieden wird, sollen daher entsprechende Fachleute einbezogen sein.“

Psychische Belastungen sind keine Kontraindikation

Kritisch sei beispielsweise, wenn der Patient die Risiken der Operation völlig ausblende oder unrealistische Erwartungen an den Effekt der Transplantation habe. Aber auch ein ungünstiges Gesundheitsverhalten wie Rauchen oder andere Suchtmittel erhöhen das Risiko, dass das Organ später abgestoßen wird. Und manchmal treten Belastungen nach der Transplantation ganz unerwartet auf: „Wir hatten Patienten nach einer Nierentransplantation, die darunter gelitten haben, dass ihr vertrautes Umfeld der Dialyse plötzlich wegfiel.“ Schließlich hatten sie dort vorher über Jahre viel Zeit verbracht.

 
Auch für Spender ist eine psychosoziale Nachsorge empfehlenswert. Prof. Dr. Martina de Zwaan
 

Psychische Risiken bedeuten aber nicht automatisch, dass der Patient nicht in die Warteliste aufgenommen werden kann. „Auch bei schwerwiegenden psychischen Störungen wie wahnhaften oder schweren depressiven Störungen kann mithilfe fachkundiger Behandlung ein zufriedenstellender Transplantationserfolg erzielt werden“, betonen Dr. Sabine Kröncke vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und ihre Kollegen in einem aktuellen Artikel. Eine anhaltende Non-Adhärenz sei allerdings eine Kontraindikation.

Auch Lebendspender psychisch betreuen

Die neue S3-Leitlinie soll auch die Betreuung von Lebendspendern umfassen. „Für sie stellt die Operation keinen Heileingriff dar, so dass der Schutz vor möglichen negativen Folgen besonders wichtig ist“, sagt de Zwaan. Zwar treten psychosoziale Probleme bei Spendern deutlich seltener auf als bei Organempfängern: „Dennoch ist auch für Spender eine psychosoziale Nachsorge empfehlenswert.“

Die neue Leitlinie wird voraussichtlich 2020 erscheinen.

 

Kommentar

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