Herzchirurgen für Widerspruchslösung: „Für das komplexe menschliche Herz gibt es keinen adäquaten Ersatz“

Sonja Boehm

Interessenkonflikte

27. März 2019

München – Die deutschen Herzchirurgen plädieren für die Widerspruchslösung bei der Organspende. Und auch der Präsident der deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), Prof. Dr. Matthias Anthuber, sprach sich bei der Eröffnungspressekonferenz des 136. DGCH-Kongresses in München für diese Lösung aus, um den Mangel an Spenderorganen anzugehen. 

Organspenden und die Transplantationsmedizin sind eines der großen Themen beim diesjährigen Chirurgenkongress. Warum der Organmangel – trotz aller Fortschritte bei den implantierbaren Herzunterstützungssystemen – nach wie vor den Herzchirurgen auf der Seele brennt, machte Prof. Dr. Jan Gummert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie (DGTHG), in München deutlich [1].

Mehr als 700 Patienten warten dringend auf ein neues Herz

Derzeit warten in Deutschland über 700 terminal herzinsuffiziente Patienten dringend auf ein Spenderherz, die meisten sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Doch nur 318 Herztransplantationen sind im Jahr 2018 vorgenommen worden. Was – nach einem „absoluten Negativ-Rekord von 257 transplantierten Herzen in 2017“ – zumindest ein leichter Anstieg ist. Doch immer noch bei weitem nicht genug, machte Gummert deutlich.

Prof. Dr. Jan Gummert

Denn: „Für das komplexe menschliche Herz gibt es nach heutigem technischem Entwicklungsstand keinen adäquaten Ersatz“, sagte der Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie, Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum. Während das 3-Jahres-Überleben nach einer Herztransplantation in Deutschland derzeit etwa 70% beträgt – und nach 10 Jahren immer noch 6 von 10 Patienten leben – „die meisten davon mit guter bis sehr guter Lebensqualität“, so der Herzchirurg, sehen die Zahlen für die mechanischen Herzunterstützungssysteme, auch wenn sich hier in den letzten Jahren viel getan hat, bei weitem nicht so rosig aus.

 
Für das komplexe menschliche Herz gibt es nach heutigem technischem Entwicklungsstand keinen adäquaten Ersatz. Prof. Dr. Jan Gummert
 

Doch für viele Patienten ist die Implantation eines solchen Unterstützungssystems bzw. „Kunstherzen“ die letzte Überlebensoption, um die Zeit bis zur Transplantation zu überbrücken, und zunehmend müssen viele davon auch längerfristig damit (über)leben. Über 1.000 solcher Systeme sind z.B. im Jahr 2017 in Deutschland implantiert worden, 2018 waren es immer noch 942; bei 903 davon handelte es sich um Links-Ventrikuläre Unterstützungssysteme (LVAD).

Mit der LVAD-Implantation sinken die Transplantationschancen drastisch

Die Entscheidung für ein solches System stellt Ärzte und Patienten aber auch vor ein Dilemma, erläuterte Gummert. Denn sobald der Patient mit einer mechanischen Herzunterstützung oder einem Kunstherzen versorgt ist, rutscht er auf der Liste für Herztransplantationen von „hochdringlich“ auf den Status „transplantierbar“ ab. Und damit beträgt seine jährliche Chance auf ein Spenderorgan gerade noch 1%. „De facto handelt es sich in Deutschland für die meisten Patienten mit LVAD also um eine Dauertherapie.“

Aber eben um eine Dauertherapie, die alles andere als optimal ist: Zwar sind die Systeme inzwischen kleiner, leichter und vor allem sehr viel komplikationsärmer als in den Anfängen der Kunstherzen, wie auch eine aktuelle 2-Jahresanalyse mit der kontinuierlichen Zentrifugalpumpe HeartMate3 zeigt, die beim ACC-Kongress aktuell vorgestellt worden ist. Doch trotz allem bleibt die Lebensqualität der Patienten eingeschränkt und das Komplikationsrisiko signifikant, berichtete Gummert.

Ein Grund ist das Stromkabel, das notwendig ist, um die Pumpe mit Energie zu versorgen und das durch die Bauchdecke nach außen geführt wird, was nicht nur die Lebensqualität senkt, z.B. was das Baden bzw. Duschen angeht, sondern auch ein Infektionsrisiko birgt. Weitere immer noch häufige Komplikationen sind Schlaganfälle und (gastrointestinale) Blutungen. „Weitere Verbesserungen der Pumpen sind dringend notwendig“, betonte Gummert. „Zum Beispiel wäre eine transkutane Stromübertragung wichtig, um Infektionen zu minimieren.“

 
De facto handelt es sich in Deutschland für die meisten Patienten mit LVAD also um eine Dauertherapie. Prof. Dr. Jan Gummert
 

Immerhin werden nach Angaben des Experten mit den neuen LVAD Überlebensraten von 60 bis 80% nach 2 Jahren erreicht. Einzelne Patienten überleben auch deutlich länger mit einem solchem System – bis zu 9 Jahre etwa in einem Fall an seiner Klinik, berichtete der Experte. Doch in der Breite fehlen die Langzeiterfahrungen mit den LVAD. Zudem beträgt die perioperative Sterblichkeit schon bei der LVAD-Implantation in Deutschland 22%. Dies auch deswegen, weil oft sehr lange damit gewartet wird und Patienten sowie Ärzte bis zuletzt noch auf die Transplantation hoffen.

Erleben Patienten unter der Therapie lebensbedrohliche Komplikationen, erhalten sie manchmal – wenn sie Glück haben – dann doch ein Spenderorgan, da sie dann wieder den Status „hochdringlich“ bei der Transplantation erhalten, andere aber überleben diese Komplikationen nicht.

Österreich, Spanien, Holland und Großbritannien als Vorbild

Diese bei weitem nicht befriedigende Situation lässt den DGTHG-Präsidenten die Widerspruchslösung fordern, bei der jeder Bürger, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat, oder dessen Angehörige eine Organentnahme explizit ablehnen, automatisch als Organspender eingestuft wird. Gummert: „Wir deutsche Herzchirurgen sprechen uns explizit für die Widerspruchslösung aus, wie sie bereits in Österreich, Spanien, Holland und bald auch in Großbritannien praktiziert wird.“ 

 
Wir deutsche Herzchirurgen sprechen uns explizit für die Widerspruchslösung aus. Prof. Dr. Jan Gummert
 

So waren auch die Bestrebungen von Gesundheitsminister Jens Spahn, das Transplantationsgesetz zu reformieren und die Organspende besser zu organisieren, einer der wenigen Punkte, die der Generalsekretär der DGCH und Präsident des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim Meyer auf der Pressekonferenz ausdrücklich lobte. Ansonsten setzte er sich eher kritisch mit dessen Gesetzesinitiativen, speziell dem TSVG, auseinander, bei dem man auch von Chirurgenseite die damit implizierten massiven Eingriffe in die Freiberuflichkeit der Ärzte und in die Aufgaben der Selbstverwaltung kritisiert.

Um die Anliegen in Sachen Organspende auch öffentlich deutlich zu machen, findet begleitend zum Kongress der „Organspendelauf“ statt. Am heutigen 27. März fällt um 18 Uhr am Chinesischen Turm im Englischen Garten der Startschuss für den Benefizlauf mit mehr als 1.000 angemeldeten Teilnehmern – darunter auch Prominente wie die Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler, der Sportjournalist Jörg Wontorra, aber auch der selbst herztransplantierte Ironman-Teilnehmer Elmar Sprink oder die Hockey-Bundesligistin Chantal Bausch, die ebenfalls mit einem neuen Herzen lebt. Von der Startgebühr von 20 Euro geht ein Teil an gemeinnützige Organisationen. „Wir wollen ein Zeichen setzen und zeigen, wie wichtig es ist, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen“, sagt DGCH-Präsident Anthuber.

 

Kommentar

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