Kein Baby-Boom durch „Endometrial Scratch“ bei IVF: Ankratzen der Gebärmutter-Schleimhaut bringt laut Studie gar nichts

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

8. März 2019

Der „Endometrial Scratch“, eine Zusatzbehandlung, die bei In-vitro-Fertilisationen (IVF) zur Verbesserung der Erfolgschancen angeboten wird, hat sich in einer großen randomisierten klinischen Studie als wirkungslos erwiesen. Das „Ankratzen“ der Gebärmutterschleimhaut war mit keiner Verbesserung der Lebendgeburtrate verbunden [1].

Das Team um die Erstautorin Dr. Sarah Lensen von der Universität von Auckland, Neuseeland, berichtet im The New England Journal of Medicine (NEJM), dass 26,1% der Studienteilnehmerinnen im Rahmen der Untersuchung ein Kind zur Welt brachten – völlig unabhängig davon, ob bei ihnen die Gebärmutterschleimhaut manipuliert worden war oder nicht.

„Es ist nun klar, dass der Endometrial Scratch die Lebendgeburtrate nicht erhöht“, wird Prof. Dr. Cynthia Farquhar, leitende Autorin ebenfalls von der Universität von Auckland, in einer Pressemitteilung der Universität zitiert. Die vorliegende Studie sei die größte und solideste zum Thema, so Farquhar. Basierend auf den Ergebnissen plädieren sie und ihre Mitautoren dafür, den Endometrial Scratch nicht mehr an Fruchtbarkeitskliniken anzubieten.

 
Es ist nun klar, dass der Endometrial Scratch die Lebendgeburtrate nicht erhöht. Prof. Dr. Cynthia Farquhar
 

In ihrem Editorial gehen Dr. Ben W. Mol, Monash Universität in Clayton, Australien, und Dr. Kurt T. Barnhart, Universität von Pennsylvania, Philadelphia, USA, noch einen kleinen Schritt weiter [2]. Sie fragen, ob sich nicht auch andere adjuvante Methoden bei genauem Hinsehen als wirkungslos erweisen könnten: „Sollten IVF-Kliniken und Ärzte auf der ganzen Welt weiterhin unevaluierte adjuvante Methoden anbieten, obwohl sie sich nach einer genauen Bewertung als unwirksam erweisen und – in einigen Fällen – sogar als schädlich herausstellen könnten?“

Positiver Effekt des Endometrial Scratch war unbewiesen

Mehrere Studien an IVF-Patientinnen hatten in der Vergangenheit darauf hingedeutet, dass das leichte Anritzen der Gebärmutterschleimhaut bzw. die darauf folgende entzündliche Reaktion die Erfolgsrate der Behandlung erhöhen könnte. Eine systematische Cochrane Analyse von randomisierten Studien aus dem Jahr 2014 bestätigte ebenfalls mit moderater Evidenz einen gewissen Vorteil in punkto der Lebendgeburt- und Schwangerschaftsrate (Risk Ratio: 1,42).

Allerdings, so Lensen und Mitarbeiter, haben viele der klinischen Studien nur wenige Frauen eingeschlossen und sie wiesen ein hohes Risiko für Verzerrungen auf. Obwohl also der Endometrial Scratch laut einer früheren Untersuchung von Lensen und Kollegen in 83% der Kliniken in Australien, Neuseeland und Großbritannien empfohlen wird (vor allem für Frauen mit vorherigen fehlgeschlagenen IVF-Versuchen), gab es immer noch Unsicherheit über die Validität eines positiven Effekts.

 
Sollten IVF-Kliniken und Ärzte auf der ganzen Welt weiterhin unevaluierte adjuvante Methoden anbieten, obwohl sie sich nach einer genauen Bewertung als unwirksam erweisen …? Dr. Ben W. Mol und Dr. Kurt T. Barnhart
 

Wie viele Kliniken in Deutschland die Methode anbieten, ist nicht bekannt, Zahlen dazu wurden nie erhoben. Wer sich für das Verfahren interessiert, findet dazu jedoch auch hierzulande zahlreiche Angebote von Fruchtbarkeitskliniken.

Keine Wirkung auf die Lebendgeburtrate – nur Nebenwirkungen

Die aktuelle Studie wurde an 13 Fertilitätszentren in 5 Ländern (Großbritannien, Belgien, Neuseeland, Schweden und Australien) durchgeführt. Insgesamt 1.364 Frauen mit IVF nahmen teil.

Die eine Hälfte der Frauen wurde randomisiert dem endometrialen Scratch und die andere keinem adjuvanten Verfahren zugewiesen. Der Scratch wurde mit einem Einmal-Sauger (Pipelle) zwischen Tag 3 des vorhergehenden Zyklus und Tag 3 des IVF- bzw. Embryotransfer-Zyklus durchgeführt. Primärer Endpunkt war die Rate der Lebendgeburten.

Die Ergebnisse sprechen nicht für die Zusatzbehandlung: So lag die Rate der klinischen Schwangerschaften (sekundärer Endpunkt) in der Endometrium-Scratch-Gruppe bei 31,4% und in der Kontrollgruppe bei 31,2%. Die Lebendgeburtrate betrug bei allen teilnehmenden Frauen 26,1%.

Die einzigen messbaren Wirkungen der Zusatzbehandlung waren schlussendlich Nebenwirkungen: Im Mittel berichteten die Frauen nach dem Scratch von milden Schmerzen (3,5 von 10 Punkten auf der Schmerzskala), 10 Frauen klagten über sehr starke Schmerzen und 7 Frauen fühlten sich benommen, wurden ohnmächtig oder spürten Übelkeit. 2 Frauen bekamen starke Blutungen.

Auch die Hoffnung, dass sich die Methode ggf. bei einzelnen Untergruppen als hilfreich erweisen könnte, wurde nicht bestätigt. Spezielles Augenmerk lag dabei auf Frauen, die bereits 2 oder mehr erfolglose Implantationen hinter sich hatten. Diese schienen in früheren Studien von dem Verfahren besonders profitiert zu haben und gelten als die eigentliche Zielgruppe der adjuvanten Behandlung. Doch weder die Zahl der vorherigen (fehlgeschlagenen) Embryotransfers, noch der Zeitraum zwischen Scratch und Transfer oder der Schmerzlevel bei der Prozedur beeinflussten die Ergebnisse in signifikanter Weise.

„Kein Verkauf von Schlangenöl“

Mol und Barnhart beschreiben die Ergebnisse der Forscher um Lensen als vertrauenswürdig – die verwendete Technik entspreche dem Standardvorgehen bei IVF und die Studienpopulation spiegele die weltweite Gruppe der Frauen mit Fruchtbarkeitsstörungen wider.

Sie betonen zudem, dass es sich bei diesen Frauen um eine besonders verwundbare Gruppe handelt. Sie erinnern deshalb in ihrem Editorial noch an einen Grundsatz: „Die Ziele der Reproduktionsmedizin sind die gleichen wie in anderen Bereichen der Medizin: eine mitfühlende und effektive Behandlung, kein Schaden sowie keine falsche Hoffnung oder Verkauf von Schlangenöl.“

 

Kommentar

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