Ursache im Kopf – Folgen im Bauch? Krankenkasse sieht „schwerwiegende Defizite bei der Reizdarmbehandlung“

Kurt-Martin Mayer

Interessenkonflikte

1. März 2019

Berlin – Die Barmer Ersatzkasse widmet sich in ihrem diesjährigen „Arztreport“ schwerpunktmäßig dem Reizdarmsyndrom und hat mit Hilfe des Göttinger aQua-Instituts einige Defizite bei Diagnose und Behandlung festgestellt [1].

Ganzheitlichen Blick anstatt wenig sinnvoller Apparate-Diagnostik

Zum Beispiel haben nach diesem Report im Jahr 2017 mehr als 130.000 Reizdarm-Patienten Computertomografien (CT) und mehr als 200.000 Magnetresonanztomografien (MRT) erhalten, obwohl diese bildgebenden Verfahren bei dieser Erkrankung von zweifelhaftem Nutzen sind.

Gerade das CT sollte aufgrund der hohen Strahlenbelastung zurückhaltend eingesetzt werden, heißt es im Report. Trotzdem hätten 9,2% der ambulanten und 5,6% der Fälle im Krankenhaus im zeitlichen Umfeld der Diagnose eine CT-Untersuchung erhalten. Ähnlich beim MRT: Eine solche Untersuchung hatten rund um die Diagnose ambulant 17,1% und im Krankenhaus 3,2% der Fälle erhalten.

 
Menschen mit Reizdarmsyndrom leiden nicht an einer rein körperlichen Erkrankung. Das muss bei Diagnostik und Therapie stärker berücksichtigt werden. Prof. Dr. Christoph Straub
 

„Menschen mit Reizdarmsyndrom leiden nicht an einer rein körperlichen Erkrankung. Das muss bei Diagnostik und Therapie stärker berücksichtigt werden“, forderte Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, bei der Vorstellung des Reports am Donnerstag in Berlin. Nötig sei ein multidisziplinärer Ansatz, schließlich sei bei diesen Patienten nicht allein der Darm das Problem.

Auch Prof. Dr. Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des aQua-Instituts in Göttingen, plädierte bei der Behandlung des Reizdarmsyndroms für einen „ganzheitlichen Blick auf Körper und Geist“. Die alleinige Gabe von Medikamenten sei „der falsche Ansatz“.

Auf Nachfrage räumte Szecsenyi ein, dass die zu geringe Vergütung des ärztlichen Gesprächs ein wesentlicher Missstand sei. Er hält aber einen multidisziplinären Ansatz für unerlässlich. Hausärzte beziehungsweise Internisten sollten eng mit Schmerztherapeuten, aber auch mit zertifizierten Ernährungsexperten zusammenarbeiten. Der Aspekt der Psychosomatik dürfe „nicht fehlen“.

Zunahme bei den Mittzwanzigern

Im Detail ergab die Auswertung der Reizdarm-Diagnosen eine leichte Tendenz zu einer erhöhten Prävalenz in den westlichen Bundesländern. Das Spektrum reicht von 1.534 Fällen je 100.000 Einwohner im Saarland bis zu 1.066 je 100.000 in Sachsen-Anhalt.

Während Szecsenyi die regionalen Unterschiede nicht ausführlicher interpretieren will, findet er die Altersstaffelung interessanter. Einem Anstieg der Diagnose-Häufigkeit jenseits eines Alters von 50 Jahren stehe insbesondere eine Spitze bei den Jungen gegenüber.

Die Anzahl der 23- bis 27-Jährigen, bei denen das Syndrom diagnostiziert wurde, sei zwischen den Jahren 2005 und 2017 von knapp 40.000 auf rund 68.000 gestiegen, ein Zuwachs von 70%.

Neue Präventionskonzepte und keine ungezielte Medikamententherapie

Barmer-Vorstand Straub sieht die Konsequenz in speziellen Offerten an die Versicherten: „Wir müssen der jungen Generation Angebote machen, deren erste Ebene das Selbstmanagement ist“ – gemeint sind Strategien, die psychische Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, von Meditation über Stressmanagement bis hin zu Beratung bei der Wahl der beruflichen Laufbahn.

 
Wir müssen der jungen Generation Angebote zum Selbstmanagement machen. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Anstelle derartiger Angebote und eines ärztlichen Gesprächs bestehe die Behandlung viel zu häufig in der ungezielten Verschreibung von Medikamenten, so ein Kritikpunkt von Straub und Szecsenyi. 38,6% der Patienten erhielten Protonenpumpenhemmer, was, laut Straub „kritisch zu reflektieren“ sei. Der Nutzen der Magensäureblocker bei einem Reizdarmsyndrom sei „umstritten“.

Laut Report seien 2017 zudem 100.000 Patienten mit Opioid-haltigen Schmerzmitteln behandelt worden. Nicht nur sei deren Wirkung fraglich, sondern sie bergen auch das Risiko einer Medikamentenabhängigkeit, gab Straub zu bedenken.

Aus den Zahlen des aQua-Institut-Instituts geht auch hervor, dass 25,6% der Reizdarmsyndrom-Patienten Antidepressiva erhielten. Im Einklang damit wurden affektive Störungen bei 41,8% der Betroffenen dokumentiert, zumeist als depressive Episoden (ICD-10 F32; 34,7%) und rezidivierende depressive Störung (ICD-10 F33; 16%).

Insgesamt erhielten eine Million Menschen in Deutschland im Jahr 2017 die Diagnose Reizdarmsyndrom, so die Barmer Ersatzkasse. Hochgerechnet lebten möglicherweise 11 Millionen Menschen in Deutschland mit dem Syndrom.

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Kommentar

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