Ovarialkarzinom: Routinemäßige Entfernung der Lymphknoten bringt mehr Nach- als Vorteile

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

28. Februar 2019

Bei Frauen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom verlängert die systematische pelvine und paraaortale Lymphonodektomie (LNE) weder die Überlebenszeit noch die Zeit ohne Krankheitsprogression. Der derzeit routinemäßig nach einer intraabdominalen makroskopisch kompletten Tumorresektion durchgeführte Eingriff geht zudem mit einer erhöhten Inzidenz postoperativer Komplikationen einher.

Dies ist das Ergebnis der LION-Studie (Lymphadenectomy In Ovarian Neoplasms), die PD Dr. Philipp Harter, Klinik für Gynäkologie & Gynäkologische Onkologie, Essen, und Kollegen nun im New England Journal of Medicine publiziert haben [1]. Erste Studienergebnisse hatten Harter und Kollegen bereits bei der ASCO-Jahrestagung 2017 in Chicago vorgestellt.

„Die Ergebnisse dieser prospektiven randomisierten, multizentrischen Studie ergänzen die langanhaltende Diskussion zur Rolle der LNE bei fortgeschrittenem Ovarialkarzinom mit Level-1-Evidenz und belegen einmal mehr die Bedeutung geeigneter Untersuchungsmethoden, um klinisch evidente Ergebnisse zu erhalten“, betonen die Autoren

„Frauen mit einem Ovarialkarzinom, bei denen primär eine komplette Zytoreduktion erreicht wird, haben die beste Prognose und die längsten Überlebenszeiten“, konstatieren Prof. Dr. Eric L. Eisenhauer, Massachusetts General Hospital, Boston, USA, und Prof. Dr. Dennis S. Chi, Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York, USA, im begleitenden Editorial im NEJM  [2].

Neues Studiendesign verringert Störfaktoren

Die Studie von Harter und seinen Kollegen belege, wie mit Hilfe eines akribischen Studiendesigns Störfaktoren umgangen werden könnten. „Ihre Studie zeigt tatsächlich, dass die systematische Entfernung der Lymphknoten nach maximaler Zytoreduktion das Überleben nicht verbessert, aber zusätzlichen Schaden anrichten kann.“

Mit einem neuen Studiendesign haben Harter und Kollegen Kritikpunkte, die bei vielen vorhergehenden Studien geäußert worden waren, vermeiden können. Beispielsweise war die chirurgische Qualität der teilnehmenden Zentren vor der Teilnahme an der Studie bewertet worden. Und die Behandlung (LNE versus keine LNE) erhielten nur Frauen nach sichtbarer kompletter Zytoreduktion. In anderen Studien war nämlich oft unklar geblieben, ob die LNE unabhängig auf das Überleben wirkte oder ob sie ein Surrogat für eine „komplettere“ Zytoreduktion war.

 
Ihre Studie zeigt tatsächlich, dass die systematische Entfernung der Lymphknoten … das Überleben nicht verbessert, aber zusätzlichen Schaden anrichten kann. Prof. Dr. Eric L. Eisenhauer und Prof. Dr. Dennis S. Chi
 

In der internationalen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und vom Österreichischen Wissenschaftsfond (FWF) unterstützten LION-Studie untersuchten Harter und seine Kollegen prospektiv und randomisiert den Stellenwert der systematischen Lymphonodektomie (LNE) beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom.

In einigen retrospektiven Analysen war durch die LNE ein Überlebensvorteil gesehen worden, was allerdings schon zuvor in einer prospektiven, randomisierten Studie nicht bestätigt werden konnte. Allerdings war in dieser Studie die systematische Entfernung der Lymphknoten mit der Entfernung nur von vergrößerten Lymphknoten verglichen worden und es waren auch Frauen mit Tumorresiduen nach der Operation eingeschlossen worden.

Höhere Sterblichkeit in der LNE-Gruppe

An der LION-Studie nahmen 647 Patientinnen im FIGO-Stadium IIB-IV teil, die keine sichtbaren extra- und intraabdominalen Tumorreste und keine vergrößerten Lymphknoten aufwiesen. Sie wurden nach Erreichen der makroskopischen Tumorfreiheit intraoperativ in eine Gruppe mit LNE oder ohne LNE randomisiert.

In der Gesamtgruppe lag das progressionsfreie Überleben (PFS) bei im Schnitt 25,5 Monaten und die mediane Gesamtüberlebenszeit (OS) bei 67,2 Monaten. In der LNE-Gruppe betrug dabei die mediane OS 65,5 Monate, in der Gruppe ohne LNE 69,2 Monate (Hazard Ratio: 1,06; p = 0,65). Auch der sekundäre Endpunkt PFS unterschied sich mit median 25,5 Monaten in beiden Gruppen nicht (HR: 1,11; p = 0,29).

Bei einer Entfernung der Lymphknoten dauerte die Operation jedoch 60 Minuten länger (340 vs. 2.180 Minuten; p < 0,001), der Blutverlust war mit 500 versus 650 ml signifikant höher (p < 0,001) und auch Transfusionsbedarf sowie die Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung waren signifikant höher. Auch Komplikationen wie Fieber, Zysten und erneute Laparotomien kamen häufiger vor. Und: Die 60-Tage-Sterblichkeit war mit 3,1 versus 0,9% in der LNE-Gruppe signifikant höher.

Das Fazit der Studienautoren aus diesen Ergebnissen: Aufgrund der höheren Komplikations- und Letalitätsraten sollte bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom zukünftig im Falle von klinisch unauffälligen Lymphknoten nach makroskopischer Komplettresektion auf eine Entfernung der Lymphknoten verzichtet werden.

 

Kommentar

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