„Die Mauer muss weg!“ – Barmer legt 10-Punkte-Plan für die Überwindung der strikten Trennung ambulant/stationär vor

Christian Beneker

Interessenkonflikte

27. Februar 2019

„Die Mauer muss weg!“ Das forderte der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, auf einer Veranstaltung der Barmer in Hannover [1]. Gemeint ist die Mauer, die den ambulanten und den stationären Sektor der medizinischen Versorgung trennt.

Denn auf den beiden Seiten der Mauer werde so gut wie alles mit zweierlei Maß gemessen, begründet Gerlach seine Forderung: Budget in den Praxen versus Fallzahlen in den Kliniken, EBM versus DRGs, Erlaubnisvorbehalt für Innovationen in den Praxen versus Verbotsvorbehalt in den Krankenhäusern oder Dokumentation durch viele verschiedene Praxissoftwares versus Krankenhausinformationssysteme im stationären Sektor – und so weiter und so fort.

 
Jeder versucht, sein eigenes System voranzubringen und verharrt in sektoraler Konkurrenz. Prof. Dr. Ferdinand Gerlach
 

„Jeder versucht, sein eigenes System voran zu bringen und verharrt in sektoraler Konkurrenz“, kritisierte Gerlach. Sein Fazit: „Die Mauer muss weg!“

Dass dies nicht einfach wird, weiß auch der Allgemeinmediziner Gerlach. „Es haben sich in den beiden Sektoren verschiedene Spielregeln entwickelt. Und es gibt noch keine Möglichkeiten und Anreize zu gemeinsamen Aktionen beider Sektoren“, sagte Gerlach.

„Versorgungsdialog 2029“ hieß die Hannoveraner Veranstaltung der Barmer. Es ging also um den Blick in die nähere Zukunft. Wie sie in der Versorgung aussehen könnte, hat die Barmer in einem 10-Punkte-Papier dargelegt. So sollen die Leistungen der Grund- und Regelversorgung der Krankenhäuser und die allgemeine ambulante fachärztliche Versorgung gemeinsam geplant und bezahlt werden, so der Vorschlag.

Neuer Leistungskatalog, neue Vergütungssystematik

Die Barmer schlägt mit dem Papier vor, wie ein Systemwechsel zu beginnen wäre. „Das 10-Punkte-Papier verfolgt das Ziel, das Gesundheitssystem endlich stärker an den Bedürfnissen und dem Bedarf der Patientinnen und Patienten auszurichten“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Prof. Dr. Christoph Straub.

Zunächst soll ein neuer Leistungskatalog her. Die Leistungen müssten nach bundeseinheitlichen Kriterien definiert werden. Das soll Aufgabe der Selbstverwaltung werden. Der Bedarf soll anhand der Leistungsdaten der ambulanten und stationären Versorgung erhoben werden.

Ein neutrales Institut, wie etwa das statistische Bundesamt, soll schließlich die Leistungs- und Abrechnungsdaten mit den Behandlungskapazitäten zu einem bundesweiten Datensatz zusammenführen.

 
Das 10-Punkte-Papier verfolgt das Ziel, das Gesundheitssystem endlich stärker an den Bedürfnissen und dem Bedarf der Patienten auszurichten. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Unterdessen werden die Länder verpflichtet, in sektorenübergreifenden Landesgremien die Versorgungsbedarfe auf die Regionen herunterzubrechen. Verbünde aus Krankenhäusern, Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und Praxen plus weiterer regionaler Leistungserbringer setzen die Versorgung vor Ort um, und zwar mit Hilfe von Telemedizin und Vernetzung der Leistungserbringer.

Für die Vergütung gilt: Gleiches Geld für gleiche Leistung, egal ob die Leistungen in der Vertragsarztpraxis erbracht wurden oder im Krankenhaus, sagt Straub in einem Statement. Dazu müsse ein eigenes, neues Vergütungssystem kalkuliert und in eine ärztliche Gebührenordnung für indikationsbezogene Leistungskomplexe überführt werden; so will es das 10-Punkte-Programm. Danach müssen auf Basis des regionalen Leistungsbedarfs Mengen- und Finanzierungskontingente bestimmt werden.

Der Teufel steckt im Detail

Der Vorsitzende der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, Dr. Hans-Heinrich Aldag begrüßt und kritisiert das Modell. „Es stimmt ja – die Mauer muss weg“, so Aldag zu Medscape. „Aber der Teufel liegt im Detail.“

So sei die identische Honorierung der Leistungen zwar denkbar. „Wir haben in den Krankenhäusern aber viel höhere Vorhaltekosten. Deshalb ist eine solche Finanzierung für uns zum Beispiel eher mit einer Schweregrad-Adjustierung möglich, da wir die schwereren Fälle versorgen müssten“, so Aldag. Im Übrigen sei noch völlig unklar, wie die Honorierung errechnet werden sollen – „über den EBM oder eine schmalere DRG?“

Hausarzt und Vorsitzender des Hausärzteverbandes Niedersachsen, Dr. Matthias Berndt, beurteilte den Barmer-Vorschlag als „interessanten Ansatz, der weiterverfolgt werden sollte“.

Eine wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche intersektorale Vernetzung sieht er jedoch in einem Vertrauensverhältnis, das zwischen allen Beteiligten – wie Krankenhäusern, Ärzten und Krankenkassen – wachsen müsse. „Die aktuellen absurden und unwirtschaftlichen Regressverfahren, bei denen in Krankenkassen, in Krankenhäusern und Arztpraxen zehntausende von Menschen nur damit beschäftigt sind, Kontrollen durchzuführen und Gegenstrategien zu entwickeln, könnten dann überflüssig werden“, so Berndt.

 
Aus Sicht der Barmer bietet die sektorübergreifende Versorgung ein enormes Potenzial. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Außerdem habe ihm in der Diskussion in Hannover ein klares Bekenntnis zur Patientensteuerung gefehlt, sagte der Hausärztechef. Es sei auf Dauer nicht zielführend, wenn Patienten mit ihrer Chipkarte selbst die Versorgungsebene wählen könnten.

Berndt erinnerte daran, dass die Hausärzte ihren Patienten feste Bezugspunkte und Orientierung in Diagnostik und Therapie bieten. „Bei zunehmend spezialisierten Fragestellungen und Multimorbidität ist der Durchschnittspatient oft überfordert, die für ihn optimale Behandlungsoption und Priorität allein zu wählen“, so Berndt.

Letztlich müsse eine sektorübergreifende Versorgung von Leistungserbringern und Patienten angenommen werde, erklärte Straub. „Aus Sicht der Barmer bietet die sektorübergreifende Versorgung ein enormes Potenzial.“

 

Kommentar

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