Grippeähnliche Erkrankung ist im Monat danach mit mehr Schlaganfällen assoziiert

Pauline Anderson

Interessenkonflikte

22. Februar 2019

Honolulu – Grippeähnliche Erkrankungen (ILI) sind mit einem um etwa 40% erhöhten Risiko für einen ischämischen Schlaganfall verbunden – unabhängig von Geschlecht, Ethnie oder geographischer Umgebung. Das zeigen neue Untersuchungen.

ILI (influenza like illness) ist dabei ein Überbegriff, der nicht nur die Grippe umfasst, sondern auch eine Reihe anderer ähnlicher Infektionen, darunter schwere virale Rhinitis.

„In unserer Studie weisen wir nach, dass grippeähnliche Erkrankungen das Schlaganfallrisiko insbesondere in den ersten 30 Tagen erhöhen“, sagte die Studienautorin Prof. Dr. Amelia Boehme, Epidemiologin und Neurologin an der Columbia Universität, New York City, USA, gegenüber Medscape Medical News

„Wir brauchen nun weitere Forschung, um den Mechanismus hinter dieser Assoziation zu bestimmen und um zu ermitteln, ob es bestimmte Populationen gibt, die anfälliger für diese Effekte sind.“

 
In unserer Studie weisen wir nach, dass grippeähnliche Erkrankungen das Schlaganfallrisiko insbesondere in den ersten 30 Tagen erhöhen. Prof. Dr. Amelia Boehme
 

Eine ähnliche Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen ILI und der nicht-traumatischen zervikalen arteriellen Dissektion (CeAD), einer der Hauptursachen für ischämischen Schlaganfall bei Patienten im Alter von 15 bis 45 Jahren. Die Ergebnisse dieser beiden Studien wurden auf der International Stroke Conference (ISC) 2019 der American Stroke Association vorgestellt [1].

Schlaganfallrisiko bis ein Jahr nach ILI berechnet

Für die Schlaganfallstudie nutzten die Forscher das New York Statewide Planning And Research Cooperative System (SPARCS), ein Datensatz, der etwa 97% aller Krankenhausaufenthalte im ganzen Bundesstaat erfasst. Die Wissenschaftler verwendeten ein Crossover-Design. „Wir haben alle Schlaganfälle identifiziert und den Zeitraum kurz vor dem Schlaganfall und dann die Jahre zuvor betrachtet“, erläuterte Boehme

Wenn beispielsweise ein Patient am 1. März 2014 einen Schlaganfall erlitten hatte, gingen die Forscher den Zeitraum vom 15. Februar bis zum 1. März zurück, um zu sehen, ob dieser Patient zuvor an einer Grippe erkrankt war. Dann betrachteten sie die gleichen Kalenderdaten in den Jahren 2013 und 2012.

„So diente jeder Proband als seine eigene Kontrolle“, erläuterte Boehme. „Mit dieser Vorgehensweise muss man sich keine Sorgen um Confounder und komorbide Zustände machen.“

Die Studie schloss 30.912 Patienten mit einem ischämischen Schlaganfall im Jahr 2014 ein. Das Durchschnittsalter betrug 71,9 Jahre. 49% der Probanden waren männlich, 20% schwarz und 84% lebten in einem städtischen Gebiet.

Die Forscher berechneten die geschätzten Wahrscheinlichkeiten eines ischämischen Schlaganfalls bis zu ein Jahr nachdem sich ein Patient mit einer ILI vorgestellt hatte. Sie verwendeten logistische Regressionsmodelle um Odds Ratios (ORs) und 95% Konfidenzintervalle (CIs) zu ermitteln.

Sie stratifizierten ihre Analyse nach Stadt oder Land auf der Grundlage von Postleitzahlen für Wohngebiete sowie nach Geschlecht und Ethnie. Zudem adjustierten sie nach der jeweiligen Grippeprävalenz, weil diese einen Einfluss darauf haben kann, ob Patienten eher zur Behandlung kommen.

Größtes Risiko in den 30 Tagen nach ILI

Eine ILI in den 15 Tagen vor einem Schlaganfall war mit einer allgemeinen Zunahme der Schlaganfallwahrscheinlichkeit verbunden (Odds Ratio: 1,39; 95% Konfidenzintervall: 1,09–1,77).

„Der überwiegende Teil des erhöhten Risikos liegt in den ersten 30 Tagen“, sagte Boehme. „Dann beginnt das Risiko zu sinken – geht man vom Zeitpunkt des grippeähnlichen Ereignisses aus – aber es bleibt bis zu ein Jahr bestehen.“

 
Der überwiegende Teil des erhöhten Risikos liegt in den ersten 30 Tagen, … das Risiko …  aber bleibt bis zu ein Jahr bestehen. Prof. Dr. Amelia Boehme
 

Böhme stellte fest, dass die Mehrheit der ILI-Fälle Besuche in der Notaufnahme waren. „Weniger als 1 Prozent wurden tatsächlich ins Krankenhaus eingeliefert“, sagte sie. Es gab keine signifikante Interaktion zwischen ILI und Geschlecht (p = 0,81), Ethnie (p = 0,85) oder Urbanität (p = 0,29).

Boehme hatte vermutet, dass es in ländlichen Gebieten einen stärkeren Zusammenhang zwischen ILI und Schlaganfall geben könnte, weil die Patienten in diesen Bezirken schlechteren Zugang zur Primärversorgung haben. Andererseits breitet sich eine Grippe in einem überfüllten urbanen Zentrum schneller aus, so dass die Assoziation in diesen beiden Gebieten stärker sein könnte. Allerdings, so Böhme, „spielte die geografische Lage für die Assoziation keine Rolle, das war wirklich interessant“.

Grippeschutzimpfung als Schlaganfall-Schutz?

Boehme vermutet, dass Grippeschutzimpfungen dazu beigetragen haben könnten, einige ältere Patienten mit ILI vor einem Schlaganfall zu schützen. Frühere Studien aus Taiwan haben einen direkten Zusammenhang zwischen Grippeimpfungen und einem verminderten Schlaganfallrisiko gezeigt, sagte sie.

Und die Forschung deutet darauf hin, dass bei Patienten, die nach der Impfung eine Grippe bekommen, die Erkrankung milder verläuft, und – falls sie einen Schlaganfall erleiden – dieser weniger schwer sei.

Die meisten Menschen über 65 Jahren erhalten in den USA eine jährliche Grippeimpfung. Das ist bei anderen Altersgruppen nicht immer der Fall. „Diejenigen im Alter von 18 bis 40 Jahren sind am wenigsten geimpft, es sei denn, sie sind Lehrer oder Gesundheitsfachkräfte“, sagte Boehme.

Was ist der Zusammenhang?

Der mögliche Mechanismus, der eine ILI mit einem Schlaganfall verbindet, ist nicht klar, obwohl es eine Reihe von Hypothesen gibt, darunter die eines erhöhten Entzündungsrisikos.

Laut Böhme haben Mausmodelle gezeigt, dass Grippeviren die Blut-Hirn-Schranke überschreiten, aber es ist nicht bekannt, ob das auch beim Menschen der Fall ist.

Es ist unklar, ob Patienten mit einer ILI, die nicht ins Krankenhaus gehen, auch ein höheres Schlaganfallrisiko haben. Aber Boehme wies auf Berichte hin, die nahelegen, dass dies der Fall ist.

Evidenz für einen entzündlichen Auslöser von Schlaganfällen

In seinem Kommentar für Medscape Medical News, sagte Prof. Dr. Shyam Prabhakaran, Lehrstuhlinhaber für Neurologie an der Universität von Chicago, USA, dass diese neue Studie die Evidenz stütze, dass es entzündliche Auslöser für einen Schlaganfall gebe.

„Wir sprechen viel über Risikofaktoren für Schlaganfälle wie Bluthochdruck und Diabetes“, sagte Prabhakaran. „Das sind die Faktoren, die das Risiko auf einen Schlaganfall erhöhen, aber sie lösen einen Schlaganfall nicht unbedingt zeitverzögert aus.“

Er erinnert daran, dass aber auch die neue Studie keinen klaren Beweis für einen Zusammenhang zwischen Grippe und Schlaganfall liefere. „Es ist schwer, das zu untersuchen, weil man in die Vergangenheit zurückgehen muss…“

Nicht-traumatische zervikale arterielle Dissektion

Die zweite Studie, zeigte, dass ILI mit einem erhöhten Risiko einer nicht-traumatischen zervikalen arteriellen Dissektion, also einem Riss oder einem Hämatom in der Wand der Arteria carotis interna oder Arteria vertebralis, über einen Zeitraum von einem Monat assoziiert ist.

Madeleine D. Hunter, Medizinstudentin am Vagelos College of Physicians and Surgeons an der Columbia University, New York City, USA, und ihre Kollegen verwendeten die gleiche SPARCS-Datenbank wie sie für die Schlaganfallstudie genutzt worden war. Daraus gewannen sie einen Datensatz von 3.861 erwachsenen Patienten mit einer ersten nicht-traumatischen CeAD. Das Durchschnittsalter war 52 Jahre, 55,5% waren Männer.

Die Forscher verglichen ILI und Grippe und CeAD. In den 3 Jahren vor einer CeAD gab es 1.736 Fälle von ILI und 113 Fälle von Grippe. Die Patienten hatten innerhalb von 30 Tagen nach einer ILI eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine CeAD zu entwickeln, verglichen mit demselben Zeitraum 1 und 2 Jahre zuvor (0–15 Tage: angepasst OR: 1,53; 95%-KI: 1,02–2,30; 0–30 Tage: angepasst OR: 1,60; 95%-KI: 1,14–2,23).

 
Diese Tendenz deutet darauf hin, dass grippeähnliche Erkrankungen tatsächlich eine Dissektion auslösen können. Madeleine D. Hunter
 

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Risiko einer Dissektion nach einer Grippe mit der Zeit abnimmt“, wird Hunter in einer Pressemitteilung zitiert. „Diese Tendenz deutet darauf hin, dass grippeähnliche Erkrankungen tatsächlich eine Dissektion auslösen können.“

Entzündung als Kofaktor für eine CeAD?

Eine wichtige Einschränkung der Studie war, so Hunter, dass ein administrativer Datensatz verwendet wurde. Das bedeutet, dass sich die Forscher auf Abrechnungscodes verlassen mussten, um festzustellen, wer zervikale arterielle Dissektionen, Grippe und grippeähnliche Erkrankungen hatte.

Es ist bekannt, dass CeAD als Folge eines stumpfen Traumas, wie z.B. eines Sturzes oder Autounfalls, auftreten können. Eine nicht-traumatische Dissektion kann auch durch schnelles Kopfdrehen verursacht werden, wie z.B. bei einer chiropraktischen Behandlung. Die Dissektion kann Auslöser eines Schlaganfalls sein – vor allem bei relativ jungen Erwachsenen.

Prabhakaran bezeichnete die neue Forschung als interessant. Einige Experten haben spekuliert, dass die Arterie geschwächt oder entzündet sein muss, „damit die Bedingungen für eine Dissektion gegeben sind“, sagte Prabhakaran. Neben der Entzündung, die CeAD verursachen könnte, könnte auch starker Husten eine Rolle als Auslöser spielen. „Eine Grippe ist mit viel Husten verbunden, und es ist bekannt, dass heftiger Husten eine Dissektion verursachen kann.“

Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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