Extremsportler haben mehr Koronarkalk, aber dennoch kein erhöhtes Sterberisiko – Forscher rätseln über die Ursachen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

18. Februar 2019

Männer, die extrem viel Sport treiben, etwa Marathonläufer, haben häufig erheblich stärker verkalkte Koronararterien als Männer, die sich weniger bewegen und auch als ihr Risikofaktorprofil vermuten lässt. Wie sich dies auf die Prognose dieser Sportler auswirkt, war offen. Doch eine Studie aus den USA kommt zu beruhigenden Ergebnissen: „Unsere Studie bestätigt, dass hohe Level an körperlicher Aktivität mit der koronaren Verkalkung assoziiert sind, aber nicht mit einer erhöhten Gesamt- oder kardiovaskulären Mortalität über ein Jahrzehnt Nachbeobachtung einhergehen, selbst wenn die Verkalkung ein klinisch signifikantes Ausmaß erreicht“, schreiben Dr. Laura F. DeFina von der Research Division des The Cooper Institute in Dallas, USA, in JAMA Cardiology  [1].

 
Unsere Studie bestätigt, dass hohe Level an körperlicher Aktivität mit der koronaren Verkalkung assoziiert sind, aber nicht mit einer erhöhten Gesamt- oder kardiovaskulären Mortalität. Dr. Laura F. DeFina
 

Prof. Dr. Christof Burgstahler

„Ob es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zwischen intensiver sportlicher Aktivität und der koronaren Verkalkung gibt, ist fraglich“, erklärt Prof. Dr. Christof Burgstahler, Leitender Oberarzt der Medizinischen Klinik V – Sportmedizin am Universitätsklinikum Tübingen, auf Nachfrage von Medscape. Allerdings gebe es mittlerweile mehrere Beobachtungsstudien, die auf eine entsprechende Assoziation hindeuteten, man könne es somit auch nicht völlig ausschließen.

„Die vorliegenden Studienergebnisse zeigen aber, dass man auch bei erhöhter koronarer Verkalkung intensiv Sport treiben kann und dadurch zumindest kein höheres Risiko hat als jemand, der weniger Sport treibt bei gleichem Verkalkungsgrad. Ärzte müssen einem Sportler mit viel Koronarkalk somit nicht zwingend empfehlen, weniger Sport zu treiben“, betont der Tübinger Kardiologe und Sportmediziner.

Männer mit mehr sportlicher Aktivität als nach WHO-Empfehlung untersucht

DeFina und ihre Kollegen untersuchten eine Kohorte von knapp 20.000 Männern, die im Schnitt 51,7 Jahre alt waren. Die Angaben zur sportlichen Aktivität stammen von den Studienteilnehmern selbst.

Die meisten Männer, mehr als 16.000, kamen pro Woche im Schnitt auf bis zu 1.500 MET-Minuten. Das entspricht einem Verbrauch von bis zu 1.800 kcal pro Woche durch sportliche Aktivität – was nicht wenig ist. Die WHO empfiehlt eine körperliche Aktivität von 600 bis 1.200 MET-Minuten pro Woche. Dennoch war diese die niedrigste Kategorie in der Studie.

Eine weitere Gruppe von 3.750 Männern erreichte 1.500 bis 2.999 MET-Minuten pro Woche und die kleinste Gruppe von 1.561 Männern kam auf mehr als 3.000 MET-Minuten pro Woche. Das entspricht zum Beispiel 6,5 km am Tag oder 250 bis 300 Minuten pro Woche zu joggen.

Eine weitere Einteilung nahmen DeFina und ihre Kollegen anhand des Coronary Calcium Score (CAC)-Scores vor, der die koronare Verkalkung angibt: 5.314 Männer hatten einen CAC-Score über 100 Agatston-Einheiten (AU) und 16.444 hatten einen CAC-Score unter 100 AU.

Konsistent mit früheren Studien zeigte sich, dass Männer mit der höchsten körperlichen Aktivität (> 3.000 MET-Minuten/Woche) häufiger einen CAC-Score über 100 hatten als diejenigen, die weniger körperlich aktiv waren. Im Schnitt lag ihr CAC-Score bei 807 AU.

Körperlich aktivste mit geringster Sterberate – unabhängig vom Kalk

Nach durchschnittlich 10,4 Jahren Nachbeobachtung waren 759 Studienteilnehmer gestorben, 180 an kardiovaskulären Todesursachen. In der Gruppe derjenigen mit einem CAC-Score unter 100 AU starben Männer mit einer körperlichen Aktivität von über 3.000 MET-Minuten/Woche nur etwa halb so häufig wie Männer mit weniger als 1.500 MET-Minuten/Woche.

In der Gruppe der Männer mit einem CAC-Score über 100 AU war eine körperliche Aktivität über 3.000 MET-Minuten/Woche im Vergleich zu weniger als 1.500 MET-Minuten/Woche weder mit einer niedrigeren, noch mit einer höheren Mortalität assoziiert.

 
Ob es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zwischen intensiver sportlicher Aktivität und der koronaren Verkalkung gibt, ist fraglich. Prof. Dr. Christof Burgstahler
 

In der Gruppe der am wenigsten aktiven Männer starben diejenigen mit einem CAC-Score über 100 AU doppelt so häufig an kardiovaskulären Erkrankungen wie diejenigen mit einem CAC-Score unter 100 AU. Die Männer mit den höchsten Leveln an körperlicher Aktivität hatten – unabhängig vom Verkalkungsgrad – eine niedrigere Sterberate als diejenigen mit dem geringsten Level an körperlicher Aktivität.

Die wichtigsten Ergebnisse

In einem Editorial weisen Autoren um Dr. Carl J. Lavie vom Department of Cardiovascular Diseases der University of Queensland School of Medicine in New Orleans, USA, darauf hin, dass die Daten der Studie auf einer „recht gesunden Population mit einer niedrigen Ereignisrate sowohl für die kardiovaskuläre als auch die Gesamtmortalität basieren“ [2]. Außerdem sei die Gruppe mit hohem CAC-Score und hoher körperlicher Aktivität mit nur 432 Teilnehmern klein gewesen – die Zahl der Todesfälle in dieser Gruppe habe gerade einmal 26 betragen.

Dadurch hatte die Kohorte „in dieser Gruppe eigentlich nicht ausreichend statistische Power, um einen potentiellen Nutzen oder selbst leichte schädliche Effekte zu untersuchen“.

Dennoch seien einige der Ergebnisse von Bedeutung, schreiben die Autoren um Lavie und fassen zusammen:

  • Die Studie zeigt, dass Männer mit hoher körperlicher Aktivität leicht erhöhte CAC-Scores haben und bestätigt damit andere Studien, die zu dem gleichen Ergebnis kamen.

  • Sie spricht für die Vorstellung, dass höhere CAC-Level mit einem höheren Risiko für kardiovaskuläre und Gesamtmortalität assoziiert sind, weshalb die CAC-Level in jüngeren Leitlinien mittlerweile als zusätzliches Argument angesehen werden, präventive Therapieansätze zu intensivieren.

  • Bei jedem CAC-Level war ein höherer Grad an körperlicher Aktivität mit der Sicherheit und einem geringeren Mortalitätsrisiko assoziiert.

  • Und selbst bei denjenigen mit sehr hohem CAC-Score über 800 AU sind recht hohe Level an körperlicher Aktivität offenbar sicher.

Ursachenforschung

Als nächstes gelte es herauszufinden, wie die Assoziation zwischen körperlicher Aktivität, CAC-Score und Mortalität zustande kommt, betont Burgstahler im Gespräch mit Medscape. „Unbekannt ist die Motivation der Männer in der Gruppe mit extrem hoher körperlicher Aktivität. Liegt bei ihnen möglicherweise eine erbliche Disposition vor, gegen die sie versuchen anzutrainieren – und die den verstärkten Koronarkalk erklären würde?“, fragt der Tübinger Sportmediziner und Kardiologe.

Und haben in der Gruppe mit körperlicher Aktivität über 3.000 MET-Minuten pro Woche möglicherweise früher mehr Männer geraucht? Welche Rolle spielt die Vorbehandlung? Etwa 20% der Studienteilnehmer erhielten ein Statin. Macht die Trainingsintensität einen Unterschied? Und verändern sich die Plaques in den Koronararterien möglicherweise durch das Training?

 
Für das Erkrankungsrisiko macht es einen Unterschied, wie viele der koronaren Plaques verkalkt sind und wie viele nicht. Prof. Dr. Christof Burgstahler
 

„Für das Erkrankungsrisiko macht es einen Unterschied, wie viele der koronaren Plaques verkalkt sind und wie viele nicht – die nicht verkalkten Plaques sind es üblicherweise, die Probleme verursachen“, erklärt Burgstahler. Anhand der Untersuchung lässt sich nicht sagen, ob das Verhältnis von verkalkten und nicht verkalkten Plaques zwischen denjenigen, die viel Sport getrieben haben und denjenigen, sich weniger bewegt haben, unterschiedlich war. „Ob sich dieses Verhältnis günstig verschiebt, wäre eine interessante Frage für künftige Studien“, so der Tübinger Mediziner.

 

Kommentar

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