Diabetes-Warnhunde: Effektiver als bislang angenommen – aber der kontinuierlichen Glukosemessung unterlegen

Liam Davenport/Ute Eppinger

Interessenkonflikte

14. Februar 2019

Britische Forscher konnten zeigen, dass gut trainierte Diabetes-Warnhunde von Patienten mit Typ-1-Diabetes empfindlicher auf Veränderungen des Blutzuckerspiegels reagieren, als das in früheren Studien der Fall war. Solche Hunde könnten daher die Lebensqualität von Patienten mit Typ-1-Diabetes verbessern, insbesondere von Patienten, die sich einer Hypoglykämie nicht bewusst sind.

Detektionsquoten bis zu 100%

Die Autoren um Dr. Nicola J. Rooney von der Bristol Veterinary School, University of Bristol, UK, untersuchten 28 Hunde und ihre Halter sowie mehr als 4.000 hypo- und hyperglykämische Episoden. Ihre Forschungsarbeit wurde in PLOS One veröffentlicht [1].

 
Unsere Studie liefert die erste groß angelegte Auswertung des Einsatzes von Diabetes-Warnhunden zur Erkennung von Hypoglykämien. Dr. Nicola J. Rooney und Kollegen
 

Die Studie zeigt, dass die Hunde, die ein gut strukturiertes Trainingsprogramm durchlaufen hatten, ihre Halter auf 83% der hypoglykämischen Episoden und auf 67% der hyperglykämischen Episoden aufmerksam machen konnten. 4 der Hunde erkannten zu hohe oder zu niedrige Glukose-Episoden sogar zu 100%. Der Median (bei allen Hunden) lag bei 81%.

„Wir wissen bereits aus früheren Studien, dass die Lebensqualität der Patienten durch einen solchen Assistenzhund erheblich verbessert wird“, kommentiert Rooney in einer Pressemitteilung ihrer Universität. „Bislang liegen jedoch nur Beweise aus kleinen Studien vor. Unsere Studie liefert die erste groß angelegte Auswertung des Einsatzes von Diabetes-Warnhunden zur Erkennung von Hypoglykämien.“

Solche Hunde werden mehr und mehr eingesetzt, deshalb sei es wichtig, „dass die Tiere von seriösen Organisationen professionell ausgebildet, aufeinander abgestimmt und überwacht werden“, betont Rooney. „Unsere Forschungen zeigen, dass die Effektivität beim einzelnen Hund und seiner Verbindung zu seinem Halter abhängt.“

Co-Autorin Claire M. Guest, Chief Executive und Mitbegründerin von Medical Detection Dogs in Milton Keynes, Großbritannien, die die in der Studie verwendeten Hunde trainierte, kommentiert: „Die Ergebnisse sind fantastische Nachrichten für alle, die mit Typ-1-Diabetes und anderen Erkrankungen leben.“

In Deutschland sind Diabetes-Warnhunde keine Option

Auch in Deutschland kommt das Thema Diabetes-Warnhunde immer mal wieder auf, „in den vergangenen beiden Jahren gab es dazu mehrere Studien“, sagt Prof. Dr. Karsten Müssig, Stellvertretender Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf und Experte der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

In einer Übersichtsarbeit haben Müssig und seine Kollegen dargestellt, wie es dazu kam, dass die Tiere als Assistenzhunde für Menschen mit Diabetes eingesetzt werden. „Hundebesitzer hatten beobachtet, dass in Situationen einer Unterzuckerung die Hunde ihr Verhalten änderten. Manche fingen an zu bellen oder leckten die Hand ihrer Herrchen. Aufgrund dieser Beobachtungen fragte man sich: Haben Hunde die Fähigkeit, Hypoglykämien zu erkennen? Man begann, Hunde auszubilden mit dem Ziel, Unterzuckerungen zu erkennen.“

 
Bislang ist der Einsatz von Warnhunden einer kontinuierlichen Glukosemessung nicht gleichwertig. Prof. Dr. Karsten Müssig
 

Basierten die ersten Studien noch auf Befragungen der Hundebesitzer, wurde in den vergangenen beiden Jahren die Präzision der Warnhunde mit der Genauigkeit der kontinuierlichen Glukose-Messung (CGM) verglichen. Doch selbst dabei zeigten sich große Schwankungen. „Ich halte sehr viel von innovativen Ansätzen, aber bislang ist der Einsatz von Warnhunden einer kontinuierlichen Glukosemessung nicht gleichwertig, zumal auch die CGM-Geräte eine Warnfunktion haben, und es sich gezeigt hat, dass sie früher einen Alarm auslösen als ein Hund“, erklärt Müssig im Gespräch mit Medscape.

Und auch die jüngsten Ergebnisse von Rooney und ihren Kollegen rechtfertigen eine Empfehlung nicht: „Obwohl in der Arbeit Hunde untersucht wurden, die die gleiche Ausbildung erhalten hatten, ist die Schwankungsbreite bei der Sensitivität und der Spezifität sehr hoch. Nicht nur reagieren verschiedene Hunderassen unterschiedlich, auch die individuellen Unterschiede zwischen den Hunden sind hoch. Um den Einsatz von Warnhunden zu empfehlen, müssten sie den CGM-Geräten überlegen sein, doch derzeit ist das nicht so“, verdeutlicht Müssig.

Hinzu kommt: Wer mit der Anschaffung eines solchen Hundes liebäugelt, muss mit hohen Kosten rechnen, auch die Ausbildung der Hunde ist nicht standardisiert und noch dazu sehr teuer, die Kassen übernehmen die Kosten nicht. Auch für kleine Kinder kommt ein solcher Hund nur sehr bedingt infrage.

Dass Hunde auf Hypo- und Hyperglykämien anschlagen, wird damit erklärt, dass sie eine Veränderung der Schweißzusammensetzung riechen, auf Verhaltensänderungen ihrer Besitzer reagieren und auch auf die veränderte Zusammensetzung der Atemluft von Menschen mit Diabetes.

 
Die Schwankungsbreite bei der Sensitivität und der Spezifität ist sehr hoch. Prof. Dr. Karsten Müssig
 

Die Arbeit von A. P. Siegel und Kollegen untersuchte die Veränderungen der Atemluft bei einer Hypoglykämie. „Diesen Ansatz sollte man weiterverfolgen und ihn dann technisch nutzen. Das hielte ich derzeit für besser, als Hunde einzusetzen“, so Müssig.

 

Hunde sind eine weitere Möglichkeit, um außer Norm liegende Glukosewerte zu erkennen

Die Forscher um Rooney sagen, dass ein Viertel der Patienten mit Typ-1-Diabetes Veränderungen des Blutzuckerspiegels nicht erkennt, was ihr Risiko einer schweren Hypoglykämie auf das 7-Fache erhöht.

Darüber hinaus könne die Angst vor Hypoglykämien, insbesondere in der Nacht, die Patienten dazu bringen, ihren Insulinspiegel zu manipulieren, um ihren Blutzuckerspiegel hoch zu halten, was wiederum das Risiko von Komplikationen durch Hyperglykämien erhöht.

Unter den Möglichkeiten, die den Patienten dabei helfen, ihren Glukosespiegel zu überwachen, haben Assistenzhunde in jüngster Zeit Aufmerksamkeit erregt. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass es sich dabei um eine Intervention handelt, die nicht invasiv ist.

Ähnlich wie Hunde, die darauf trainiert sind, Schmuggelware aufzuspüren, werden Diabetes-Warnhunde konditioniert, um mit einem spezifischen Alarmverhalten zu reagieren, wenn der Blutzuckerspiegel ihrer Besitzer aus einem Zielbereich fällt, der als Out-of-Range (OOR)-Episode bekannt ist.

Der Alarm veranlasst dann den Patienten, seinen Blutzuckerspiegel zu testen und geeignete Maßnahmen (z.B. Insulingabe oder Essen) zu ergreifen, um den Glukosespiegel im Normbereich zu halten.

Medical Detection Dogs ist die einzige Agentur in Großbritannien, die offiziell anerkannt ist, um Diabetes-Warnhunde auszubilden. Um akkreditiert zu werden, müssen Hunde über einen Zeitraum von 3 Monaten mindestens 75% Empfindlichkeit gegenüber hypoglykämischen Proben und einen Vorhersagewert über 85% aufweisen; d.h. 85% oder mehr Warnungen müssen erfolgen, wenn der Glukosespiegel außerhalb des Zielbereichs liegt.

Besser trainierte Hunde zeigen bessere Ergebnisse

Für die Studie untersuchten die Forscher die Daten von 27 Hunden, die von der Organisation ausgebildet wurden. Es gab 4.197 hypo- und hyperglykämische Episoden über einen Zeitraum von 6 bis 12 Wochen.

Die Hunde nahmen für einen Median von 1,5 Jahren an der Studie teil. 8 Hunde wurden bei Kindern mit Diabetes Typ 1 eingesetzt, und 5 waren schon vor dem Training der eigene Hund des Patienten gewesen. Insgesamt gab es 16 weibliche und 11 männliche Teilnehmer mit Typ-1-Diabetes.

Das Team fand heraus, dass die Hunde in ihrer Leistung variierten, bei einer mittleren Empfindlichkeit gegenüber OOR-Episoden von 70%. 21 Hunde hatten Werte von mindestens 50%.

Die mittlere Empfindlichkeit gegenüber hypoglykämischen Episoden betrug 83%, während die Empfindlichkeit gegenüber hyperglykämischen Episoden bei 67% lag.

Der mediane positive Vorhersagewert (PPV) betrug 81%, und nur bei 2 Hunden war mehr als die Hälfte ihrer Warnungen falsch. 4 Hunde hatten einen PPV von 100%. Es gab keine signifikante Korrelation zwischen PPV und zu niedrigen oder zu hohen OOR-Episoden.

Die Analyse ergab, dass neu in die Studie aufgenommene Hunde deutlich besser abschnitten als nicht akkreditierte Hunde (also Hunde in anderen Studien) und als Hunde, die schon länger teilgenommen hatten.

Darüber hinaus zeigten sich die Hunde, die zuvor schon Haustiere waren, im Vergleich mit anderen Hunden empfindlicher gegenüber hohen, nicht aber gegenüber niedrigen Glukosewerten.

Frühere Ergebnisse: Hunde keine Konkurrenz zu CGM

Die aktuellen Ergebnisse stehen im Gegensatz zu denen früherer Studien, die feststellt haben, dass Hunde beispielsweise mit der kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) nicht konkurrieren konnten.

Dr. Evan A. Los, jetzt an der East Tennessee State University, Johnson City, führte eine Studie mit seinen damaligen Kollegen an der Oregon Health & Science University, Portland, bei 8 Patienten mit Typ-1-Diabetes und ihren Hunden durch.

Beim Vergleich der Leistung der Tiere mit der kontinuierlichen Glukosemessung fanden sie heraus, dass das Gerät den Patienten bei 73% der hypoglykämischen Ereignisse früher alarmiert hatte als der Hund – im Schnitt 22 Minuten früher. Außerdem kamen nur 12% der 16 bis 20 wöchentlichen Warnungen von den Hunden, wenn der Patient tatsächlich eine Hypoglykämie hatte.

Es kommt auf die Hunde an

Rooney und ihre Kollegen räumen ein, dass die Patienten in ihrer Studie die Daten selbst zur Verfügung gestellt haben. Das könnte bedeuten, dass „weniger günstige“ Ergebnisse wohl eher nicht berichtet worden wären.

Sie stellten aber auch klar, dass der ursprüngliche Zweck der Datenbereitstellung darin bestanden hatte, die Ausbildung der einzelnen Hunde zu verbessern und dass die Zustimmung, die Daten für ihre Forschungsarbeit zu verwenden, erst nachträglich erteilt wurde. „Es ist also realistisch anzunehmen, dass die Mehrheit der Daten authentisch war“, sagen sie.

 
Die optimale Leistung von glykämischen Warnhunden hängt nicht nur von einer guten Aus- und Weiterbildung ab, sondern auch von der sorgfältigen Auswahl der Hunde. Dr. Nicola J. Rooney und Kollegen
 

Die Autoren glauben, dass ihre besseren Studienergebnisse „vermutlich die rigorosen Trainings- und Akkreditierungsverfahren widerspiegeln“, die von der Organisation verwendet werden, die die Hunde trainiert hat, und auch auf der größeren Anzahl von Hunden und Episoden basieren.

„Die optimale Leistung von glykämischen Warnhunden hängt nicht nur von einer guten Aus- und Weiterbildung ab, sondern auch von der sorgfältigen Auswahl der Hunde“, schließen sie.

 

Kommentar

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