Umstieg statt Ausstieg? E-Zigaretten helfen, auf Tabak zu verzichten. Aber neue Abhängigkeit droht – mit unklaren Folgen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

7. Februar 2019

Die Zahl der Raucher in den Industrieländern geht zurück. Die Tabakindustrie bangt um ihre Umsätze und propagiert mit gewaltigem Marketing-Aufwand die E-Zigarette. Der Verbraucher kann sich kaum des Eindrucks erwehren, dass die E-Zigarette scheinbar die weniger schädliche Alternative zum klassischen Glimmstängel ist – auch wenn keines der meterhohen Werbeplakate dies je ausdrücklich versprechen würde.

Nicht wirklich hilfreich für eine abschließende Bewertung sind da die Ergebnisse einer eben im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie [1]. Eigentlich klingt das Fazit der Autoren um Dr. Peter Hajek von der Queen Mary University London, UK, und seinen Kollegen vielversprechend: „E-Zigaretten sind im Rahmen einer behavioralen Intervention der effektivere Ansatz zur Tabakentwöhnung als andere Nikotin-Ersatztherapien“, schreiben sie. Mit den E-Zigaretten seien nach 1 Jahr doppelt so viele Studienteilnehmer abstinent gewesen wie mit Nikotinkaugummi und Co.

E-Zigaretten-Raucher sind nicht abstinent

Prof. Dr. Stefan Andreas

Doch eben da liegt das Problem: „Abstinent waren diese Studienteilnehmer nicht wirklich, sie rauchten zwar keine Zigaretten mehr, dafür aber E-Zigaretten“, sagt Prof. Dr. Stefan Andreas, Leiter des Bereiches Pneumologie an der Universitätsmedizin Göttingen (F&L), im Gespräch mit Medscape. „Und streng genommen wissen wir nicht, ob E-Zigaretten weniger schädlich sind als Zigaretten.“ Dafür fehle es an Langzeiterfahrung beim Menschen. Tierversuche ließen aber vermuten, dass dem nicht so ist. „Bei Mäusen traten in Studien ernsthafte Gesundheitsschäden auf“, so Andreas. „Man inhaliert bei der Nutzung einer E-Zigarette eben nicht nur Luft.“

 
E-Zigaretten sind im Rahmen einer behavioralen Intervention der effektivere Ansatz zur Tabakentwöhnung als andere Nikotin-Ersatztherapien. Dr. Peter Hajek
 

Dennoch greifen Raucher offenbar häufig zur E-Zigarette, wenn sie versuchen, mit dem Rauchen aufzuhören, wie Hajek und seine Koautoren berichten. Aber ist das im Vergleich zur klassischen Nikotin-Ersatztherapie tatsächlich die erfolgversprechendere Strategie?

Fast doppelt so viele Zigaretten-Aussteiger mit E-Zigaretten

In der randomisierten Studie mit insgesamt 886 Rauchern, die gewillt waren, aufzuhören, wurden folgende Strategien verglichen: eine klassische Nikotinersatztherapie mit Nikotinersatzprodukten nach Wahl, seien es Kaugummis, Pflaster oder Nasensprays, und die Verwendung einer nachfüllbaren E-Zigarette mit nikotinhaltigem E-Liquid. Das Zubehör für die ersten 3 Monate wurde gestellt. Außerdem erhielten beide Gruppe mindestens 4 Wochen lang wöchentlich behaviorale Unterstützung.

Nach 1 Jahr waren in der E-Zigaretten-Gruppe 18% der Studienteilnehmer abstinent gewesen, in der Nikotinersatz-Therapie-Gruppe dagegen nur 9,9%, berichten Hajek und seine Koautoren. Ob die Studienteilnehmer tatsächlich die Finger vom Tabak ließen, wurde biochemisch gesichert.

Geringe Erfolgsraten in schwierigem Kollektiv

Trotz des signifikanten Unterschiedes, überragend sind die Erfolgsraten in beiden Gruppen nicht. „In einem etablierten Tabak-Entwöhnungsprogramm mit wöchentlichen Treffen, Nikotinersatz-Produkten und der Anwendung von Vareniclin schaffen es üblicherweise 30 bis 40% der Teilnehmer, mit dem Rauchen aufzuhören“, berichtet Andreas. Die niedrigen Raten in der vorliegenden Studie seien wahrscheinlich dem Patienten-Kollektiv geschuldet.

„Drei Viertel der Patienten hatten bereits einen misslungenen Tabak-Entwöhnungsversuch mit einer Nikotin-Ersatztherapie hinter sich, und dies trotz der guten Strukturen in England“, betont Andreas. Im Gegensatz zu Deutschland bezahlt der NHS in England die Tabak-Entwöhnung mittels Nikotin-Ersatztherapie, es gibt etablierte Programme und die Raucherrate liegt auf der Insel nur etwa halb so hoch wie hierzulande.

Hajek und seine Kollegen berichten außerdem, dass nach 1 Jahr noch 80% der Teilnehmer in der E-Zigaretten-Gruppe weiterhin E-Zigaretten konsumierten. In der Gruppe mit Nikotinersatztherapie waren nur noch 9% weiterhin auf Kaugummi, Pflaster und Co. angewiesen.

Dauerhafter Konsum mit „unbekanntem Gesundheitsrisiko“

Die im Tierversuch und kleineren Studien am Menschen gezeigten gesundheitlichen Konsequenzen des Rauchens von E-Zigaretten sprächen dagegen, sich auf diesem „bequemen“ Ergebnis auszuruhen, betont Dr. Belinda Borrelli vom Behavioral Science Research der Boston University, Boston, in einem Editorial. „Die Umstellung vom Tabakrauchen auf den dauerhaften Konsum von E-Zigaretten sollte nicht als erfolgreiches Outcome einer Raucher-Entwöhnung angesehen werden“, kritisiert sie [2].

 
Die Umstellung vom Tabakrauchen auf den dauerhaften Konsum von E-Zigaretten sollte nicht als erfolgreiches Outcome einer Raucher-Entwöhnung angesehen werden. Dr. Belinda Borrelli
 

Kurzfristig gesehen schien der Umstieg auf die E-Zigarette gesundheitlich tatsächlich den ein oder anderen Vorteil zu haben. Hajek und seine Kollegen berichten, dass in der E-Zigaretten-Gruppe Beschwerden wie Husten und Schleimbildung stärker zurückgegangen seien als in der Gruppe mit Nikotin-Ersatztherapie. Und Probleme wie Wheezing und Kurzatmigkeit reduzierten sich unter dem E-Zigarettenkonsum ebenso stark wie unter Nikotin-Ersatzprodukten. Irritationen im Mund- und Rachenbereich seien in der E-Zigaretten-Gruppe zwar häufiger gewesen, aber meistens von leichter Ausprägung, so die Autoren.

Dennoch räumen auch sie ein, dass die „recht hohe Rate“ an anhaltendem E-Zigaretten-Konsum „als problematisch angesehen werden kann, wenn dies einen dauerhaften Konsum signalisiert, der ein bislang unbekanntes Gesundheitsrisiko darstellen könnte“.

„Wir haben beim Menschen noch keine Beobachtungsdaten über 20 Jahre“, sagt Andreas. „Doch bei Mäusen, die dem Konsum von E-Zigaretten ausgesetzt waren, wurden Lungenemphyseme beobachtet, das Proteom des Bronchialepithel veränderte sich und Bakterien hefteten sich leichter an die Zellen des Respirationstraktes an.“

Andere Studien, andere Ergebnisse

Hinzu komme, so der Pneumologe, dass eine Vielzahl von anderen Studien zeige, dass eine Raucher-Entwöhnung mit E-Zigaretten die Chancen, tatsächlich mit dem Rauchen aufzuhören, sogar reduzieren kann. In einer 2016 veröffentlichten Metaanalyse von 38 Studien war die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Raucher-Entwöhnung mit E-Zigaretten um 28% niedriger als ohne E-Zigaretten.

 
Als Arzt kann man E-Zigaretten nicht als Ersatz für normale Zigaretten empfehlen. Prof. Dr. Stefan Andreas
 

Die in der englischen Studie verwendeten E-Zigaretten bzw. E-Liquids hätten mit 18 mg/ml recht viel Nikotin enthalten, so Andreas. Bei dem stark nikotinsüchtigen Patienten-Kollektiv sei es somit kaum verwunderlich, dass viele auf die E-Zigarette umgeschwenkt hätten. „Wie E-Zigaretten in der Raucher-Entwöhnung wirken, hängt immer stark davon ab, wie die Studie designt ist, welche Patienten eingeschlossen werden und welche E-Zigaretten verwendet werden“, betont Andreas und resümiert: „Als Arzt kann man E-Zigaretten nicht als Ersatz für normale Zigaretten empfehlen.“

Dies sei die Haltung der meisten Fachgesellschaften, die dies bereits 2015 in einer Stellungnahme deutlich machten, und „daran hat sich durch diese Studie auch nichts geändert“.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....