BGH-Urteil zu Lebendnierenspende: Spender und Empfänger vollständig zu möglichen Folgen aufklären

Christian Beneker

Interessenkonflikte

6. Februar 2019

Transplantationsärzte müssen ihre Spender-Empfänger-Paare vollständig über alle möglichen Folgen einer Lebendnierenspende aufklären. So hat der Bundesgerichtshof (BHG) entschieden [1]. Geklagt hatten 2 Lebendnierenspender, eine Frau, die ihrem Vater eine Niere gespendet und ein Mann, der seiner Frau ein Organ gespendet hat.

Beide beklagen, dass sie formal und inhaltlich nicht ausreichend über die möglichen Folgen der Spende für sie als Spender aufgeklärt wurden. Beide waren zuvor vor dem Landgericht gescheitert und beide leiden heute unter anderem am Fatigue-Syndrom – aus ihrer Sicht eine Folge der Nierenspende. Nun stellte das BGH in dem Revisionsverfahren klar, dass „die von den Klägern erteilte Einwilligung in die Organentnahme unwirksam und der Eingriff jeweils rechtswidrig“ gewesen sei. Sie erkannten den beiden Klägern Schmerzensgeld und Schadenersatz zu. Über die Höhe soll das Oberlandesgericht (OLG) Hamm befinden.

Die Richter des OLG hatten zuvor in einem Berufungsverfahren gegen die beiden Lebendspender entschieden. Zwar seien sie unvollständig aufgeklärt worden. Auch habe ein zweiter, neutraler Arzt gefehlt, ebenso die Dokumentation. Aber auch eine vollständige Aufklärung hätte nichts an ihrer Entscheidung geändert, eine Niere zu spenden, so die Argumentation der Richter.

Laut §8 des Transplantationsgesetzes (TPG) dürfen nur Familienmitglieder 1. oder 2. Grades, Ehepartner, Lebenspartner und Verlobte sowie Personen „in enger persönlicher Verbundenheit“ zum potentiellen Organempfänger eine Lebendnierenspende leisten. Diesen Umstand hatten die Richter des Landgerichts quasi gegen die Spender gewendet und ihre Klage abgewiesen. Motto: Da die Lebendspende auf Liebe oder Zuneigung beruhe, wären die Spender auf jeden Fall bereit gewesen, ihr Organ zu geben, auch wenn eine vollständige Information aller Risiken vorgelegen hätte.

Der BGH sieht die Sache nun ganz anders. „Der Einwand der hypothetischen Einwilligung ist im Transplantationsgesetz nicht geregelt“, so der BGH in seiner Begründung. Die strengen Aufklärungsvorgaben des Gesetzes sollen den potentiellen Organspender indessen davor schützen, sich selbst einen größeren persönlichen Schaden zuzufügen; sie dienen dem „Schutz des Spenders vor sich selbst“, so der BGH. „Jedenfalls bei der Spende eines – wie hier einer Niere – nicht regenerationsfähigen Organs, die nur für eine besonders nahestehende Person zulässig ist (§ 8 Abs. 1 Satz 2 TPG)“.

Erhobenen Hauptes „nein“ sagen können

„Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass der BGH sich so deutlich für unsere Sicht der Dinge entscheiden würde“, sagt Ralf Zietz aus dem Niedersächsischen Thedinghausen, einer der beiden Kläger, zu Medscape. Zietz ist auch Vorsitzender der Interessengemeinschaft Lebendnierenspende e.V.

Erst wenn der Spender über alle möglichen Risiken aufgeklärt wurde, auch über die seltenen und kleinen, könne er eine Entscheidung treffen, betont Zietz. „Und: Er muss auch erhobenen Hauptes ‚nein‘ sagen können. Er muss aus der Situation herauskommen können, ohne stigmatisiert zu werden.“ Eben das sei besonders schwer, sagt Zietz. „besonders dann, wenn das Umfeld des Spenders sagt: ‚Mit einer Niere kannst Du doch leben! Jetzt mach schon!‘“

Zietz hat seiner Frau 2010 eine Niere gespendet und leidet heute am Fatigue-Syndrom. „Ich kann nur noch halbtags arbeiten und gehe abends komatös ins Bett“, berichtet er. Dass der Spender einer Niere einen Funktionsverlust von 30% bis 50% hinnehmen muss, sei ihm nicht gesagt worden. Es sei bei den Aufklärungsgesprächen mit den Ärzten „immer klar gewesen, dass er als alleiniger Ernährer der Familie auf keinen Fall durch die Nierenspende Schaden nehmen darf“, so Zietz. Das sei ihm auch zugesichert worden.

„Ich dachte, ich könnte wieder Marathon laufen, Sport machen und zusammen mit meiner wieder gesunden Frau leben.“ Beides hat sich nicht bewahrheitet. Nicht nur Zietz selber ist krank, auch für seine Frau hat die Transplantation ernste Folgen. Sie hat Krebs – eine relativ häufige Folge bei Organempfängern. Zietz: „Ich fühle mich belogen.“

Die Aufklärung ist ein intensiver Prozess

Prof. Dr. Faikah Güler, Oberärztin an der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bestätigt die enorme Bedeutung der Aufklärung. „Wir haben im Jahr über 120 Evaluationen von Spenderpaaren. Und in den Gesprächen, die wir führen, zeigt sich, dass über 60 Prozent nicht für eine Lebendnierenspende geeignet sind.“

 
Und in den Gesprächen, die wir führen, zeigt sich, dass über 60 Prozent nicht für eine Lebendnierenspende geeignet sind. Prof. Dr. Faikah Güler
 

Die Aufklärung sei ein Prozess. „Wir müssen den Beteiligten immer wieder auch die möglichen Folgen verdeutlichen.“ Dabei gehe es nicht nur um das erhöhte Krebsrisiko oder die Gefahr von Infektionen für die Empfänger. Auch die Spender würden belastet, sagt Güler. „Die Spende kann zu Leistungsminderungen führen und bringt oft psychische Belastungen mit sich.“

Jedes Paar erhalte psychologische Begleitung. Die Frage lautet stets: Kann dieser Mensch körperlich und seelisch langfristig auf ein Organ verzichten? „Und manche Spender sind zum Beispiel wegen Depressionen oder Angststörungen einer Spende nicht gewachsen“, berichtet Güler.

 
Es gibt leider noch keine standardisierte (Aufklärungs-)Methode. Prof. Dr. Faikah Güler
 

So fühlte sich beispielsweise ein potentieller Spender offenbar derart unter Druck, eine Niere zu spenden, „dass er dringend hoffte, wir fänden einen Grund, ihn von einer Spende auszuschließen“, berichtet die Ärztin.

Güler bestätigt, dass an den verschiedenen Transplantationszentren auf unterschiedliche Weise aufgeklärt werde. „Es gibt leider noch keine standardisierte Methode“, sagt die Oberärztin.

Nach Angaben des Instituts für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) wurden im Jahr 2017 genau 548 Nieren als Lebendnierenspende verpflanzt.

 

Kommentar

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