Lungenkrebs-Früherkennung mit Schattenseiten: Häufige Komplikationen bei Diagnostik nach LDCT

Kristin Jenkins

Interessenkonflikte

5. Februar 2019

In den USA sind die Komplikationsraten bei invasiven diagnostischen Verfahren nach einem Low-Dose-CT (LDCT; CT mit geringer Strahlenbelastung) zur Früherkennung von Lungenkrebs laut einer Datenbankanalyse in der Praxis doppelt so hoch wie in klinischen Studien, wie eine neue Untersuchung im JAMA Internal Medicine zeigt [1].

Ergebnisse wichtig für Entscheidungsfindung

Die retrospektive Kohortenstudie mit Daten von 344.510 Patienten aus 2 repräsentativen US-Datenbanken zeigt auch, dass die damit verbundenen nachgelagerten Kosten in einem „Real-World“-Setting durchschnittlich zwischen 6.320 (bei geringfügigeren Komplikationen) und 56.845 US-Dollar (bei schweren Komplikationen) rangierten.

Deshalb sei es so wichtig, mit Patienten mit hohem Lungenkrebsrisiko über die Vor- und Nachteile des LD-CT-Screenings zu sprechen, betonen Dr. Ya-Chen Tina Shih und ihre Kollegen vom Department of Health Services Research am MD Anderson Cancer Center der University of Texas in Houston, USA. In Deutschland wird aktuell ein flächendeckendes Screening in einer Risikopopulation von den Fachgesellschaften nicht empfohlen.

„Da die Zahl der Personen steigt, die eine Lungenkrebs-Früherkennung mit LD-CT anstreben, wird sich auch die Zahl der Personen, die sich aufgrund abnormaler Befunde einer invasiven Diagnostik unterziehen, erhöhen“, erklären sie weiter.

„Diese Resultate – selbst wenn sie vorläufig sind – belegen die Bedeutung einer Risikobewertung hinsichtlich späterer unerwünschter Ereignisse und Folgekosten bei der partizipativen Entscheidungsfindung zwischen Ärzten und Patienten.“ In einer Stellungnahme des MD Anderson Cancer Center mahnt Shih, dass das Gesundheitssystem für diese komplikationsbedingten unerwarteten Mehrkosten im Zusammenhang mit der Lungenkrebs-Früherkennung bereit sein müsse.

„Die Studie sollte keineswegs das LD-CT-Screening in ein schlechtes Licht rücken, vor allem nicht im Hinblick auf Personen mit einem hohen Lungenkrebsrisiko“, sagt Shih zu Medscape. Stattdessen würde dieses Ergebnis „die Gespräche zwischen Arzt und Patient über das Verhältnis von Nutzen und Risiken des Lungenkrebs-Screenings vereinfachen“, sagt sie.

„Die Förderung eines angemessenen Einsatzes des Lungenkrebs-Screenings ist ein wichtiges Thema im Gesundheitswesen“, betont Shih. Im Jahr 2018 gingen in den USA 142.670 Todesfälle auf das Konto des Lungenkarzinoms, womit es nach wie vor die häufigste krebsbedingte Todesursache ist, stellt sie fest.

Die klinische Praxis des Lungenkrebs-Screenings sollte den Empfehlungen des National Comprehensive Cancer Network folgen, empfiehlt sie. Die US Preventive Services Task Force hatte empfohlen, dass sich aktuelle und ehemalige Raucher zwischen 55 und 80 Jahren einem jährlichen LDCT-Screening auf Lungenkrebs unterziehen.

 
Diese Ergebnisse vereinfachen die Gespräche zwischen Arzt und Patient über das Verhältnis von Nutzen und Risiken des Lungenkrebs-Screenings. Dr. Ya-Chen Tina Shih
 

Diese Empfehlung beruhte zum Großteil auf den Ergebnissen des National Lung Screening Trial 2011 (NLST), die zeigten, dass die LD-CT die Mortalität im Zusammenhang mit Lungenkrebs im Vergleich zum Thoraxröntgen um 16% zu senken vermag. Der Studie zufolge kommt es bei der LD-CT jedoch auch in 23,3% der Fälle zu einem falsch positiven Befund.

Fallkohorte mit rund 175.000 Patienten

Für ihre Untersuchung analysierten die Forscher Daten der Truven MarketScan Datenbanken (2008–2013) zu Kostenübernahme-Forderungen von Patienten im Alter von 55 bis 77 Jahren, die ambulant behandelt worden waren.

Die Fallkohorte bestand aus 174.702 Patienten, die sich zur Abklärung von Lungenanomalien einer Zytologie/Nadelbiopsie, einer Bronchoskopie oder einem thoraxchirurgischen Eingriff unterzogen hatten. Die gematchte Kontrollgruppe bestand aus 169.808 Patienten, bei denen kein derartiges invasives Diagnoseverfahren durchgeführt worden war.

Insgesamt waren 62,6% der Patienten in der Fallkohorte und 62,4% in der Kontrollkohorte Frauen. Daten zum Raucherstatus waren laut den Untersuchern nicht verfügbar.

Komplikationsrate über 20 Prozent

Die Ergebnisse zeigten, dass die geschätzte Komplikationsrate bei Patienten in der Altersgruppe zwischen 55 und 64 Jahren 22,2% betrug und bei Patienten im Alter zwischen 65 und 77 Jahren 23,8%.

Im Vergleich dazu lag die im National Lung Screening Trial angegebene Komplikationsrate bei Patienten mit invasiven Diagnoseverfahren zwischen 8,5% (55–64 Jahre) und 9,8% (65–77 Jahre).

Bei einem Vergleich der einzelnen invasiven Verfahren waren in der aktuellen Kohortenstudie auch die Komplikationsraten signifikant höher. Sie lagen bei 18,7% nach Zytologie/Nadelbiopsie, 36,1% nach Bronchoskopie und 51,7% nach einem thoraxchirurgischen Eingriff.

Die Folgekosten einer Behandlung im Zusammenhang mit den Komplikationen variierten in der Studie je nach Patientenalter und Komplikationstyp. Die durchschnittlichen Mehrkosten lagen zwischen 5.863 $ und 6.777 $ für kleinere Komplikationen und zwischen 47.953 $ und 65.737 $ für größere Komplikationen. Diese Werte wurden in US-Dollar der Kaufkraft von 2017 berechnet.

Gezieltere Auswahl von Methoden und Patienten

„Durch die Identifizierung von Faktoren, die eine Differenzierung zwischen Verfahren mit hohen und niedrigen Komplikationsraten ermöglichen, können Interventionen entwickelt werden, die das Risiko postprozeduraler Komplikationen nach positiven LDCT-Befunden senken und damit die physische, psychologische und finanzielle Belastung im Zusammenhang mit dem Lungenkrebs-Screening reduzieren“, schreiben die Autoren.

 
So ist beispielsweise das Risiko von Komplikationen bei einem kranken, jüngeren Patienten wahrscheinlich höher als bei einem gesunden, älteren Patienten. Dr. Ya-Chen Tina Shih
 

Bei Patienten mit hohem Lungenkrebsrisiko und einem positiven Testergebnis bei der LDCT-Früherkennung seien viele Faktoren zu berücksichtigen, wenn eine Entscheidung über weitere diagnostische Tests getroffen werden müsse, stellt Shih fest. Frühere Studien haben gezeigt, dass gebrechliche ältere Patienten aufgrund konkurrierender Risiken wahrscheinlich am stärksten gefährdet sind. Das Alter allein sei jedoch nicht der einzige maßgebliche Faktor, betont sie.

„Andere Faktoren wie Komorbidität oder die Eigenschaften der pulmonalen Läsionen spielen eine größere Rolle. So ist beispielsweise das Risiko von Komplikationen bei einem kranken, jüngeren Patienten wahrscheinlich höher als bei einem gesunden, älteren Patienten“, sagt Shih.

 
Es wäre vorteilhaft Leitlinien zu haben, um die Unterschiede in der Qualität der klinischen Praxis zu verringern. Dr. Ya-Chen Tina Shih
 

Auf die Frage, wie das Komplikationsrisiko nach invasiven Diagnoseverfahren aufgrund pulmonaler Anomalien reduziert werden könne, antwortet Shih: „Es wäre vorteilhaft Leitlinien zu haben, um die Unterschiede in der Qualität der klinischen Praxis zu verringern und die interdisziplinäre Teamkommunikation zu fördern.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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