Schlechter Schlaf als erstes Anzeichen einer Alzheimer-Demenz – bevor der kognitive Abbau manifest wird?

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

29. Januar 2019

Eigentlich noch ein gutes Gedächtnis, trotzdem in Sorge, es könnte sich eine Alzheimer-Demenz anbahnen – so geht es vielen älteren Menschen. Doch wie das einfach abklären? US-Forscher verweisen Ärzte auf ein Alarmsignal: den schlechten Schlaf. Wertvolle Anhaltspunkte ergeben sich erstens durch die Frage: Sind Sie selbst nach langer Nachtruhe tagsüber oft müde? Und zweitens durch ein Schlaf-EEG.

Denn beide diagnostischen Schritte führen zu Hinweisen auf den Zustand des Gehirns, haben Prof. Dr. Brendan P. Lucey von der Washington University School of Medicine in St. Louis und seine Kollegen festgestellt [1].

In ihrer Studie verlief der Tiefschlaf bei kognitiv (noch) unauffälligen Probanden umso weniger erholsam, je mehr Alzheimer-typisches tau-Protein sich bereits angesammelt hatte. Mit der schlechten Schlafqualität ließ sich auch ein zweites Resultat erklären: Je stärker das Gehirn von tau-Fibrillen durchsetzt war, desto häufiger hatten die Probanden das Bedürfnis, sich am Tag hinzulegen.

Vergesslichkeit und Verwirrung markieren bereits ein spätes Stadium

Schon 15 bis 20 Jahre vor der klinischen Manifestation der Gedächtnisschwächen beginnen sich im Gehirn extrazellulär unlösliche Amyloid-Beta-Plaques zu bilden, so schildern die Autoren die pathologischen Prozesse, die für ihre Studie relevant sind. Im Zellinneren sammeln sich bald darauf Bündel von tau-Proteinen, nach und nach gehen die Neuronen und Synapsen zugrunde. Die Gehirnatrophie schreitet fort, bis die Denkfähigkeit schließlich unterminiert wird.

 
Weil tau deutlicher als Amyloid-Beta mit dem kognitiven Abbau assoziiert ist, haben wir die Hypothese aufgestellt, dass dies für die Abnahme der langsamen Non-REM-Wellen ebenfalls gilt. Prof. Dr. Brendan P. Lucey und Kollegen
 

Folglich liegt das Zeitfenster, in dem Therapien greifen, schon vor dem kognitiven Abbau, so dass die Herausforderung darin besteht, es zu entdecken. Um eine simple Möglichkeit der Früherkennung zu finden, haben die Autoren ihr Augenmerk auf die Schlafstörungen gerichtet, ein markantes Merkmal der Alzheimer-Demenz. Denn je mehr sich Erinnerungslücken und Verwirrtheit verschlimmern, umso mehr flaut der Tiefschlaf (Non-Rapid Eye Movement, Non-REM) ab, der nicht nur für das Gefühl der Erfrischung am Morgen, sondern auch zur Verfestigung von Gedächtnisinhalten nötig ist.

Bei Tieren und Menschen gibt es bereits Hinweise auf eine inverse Beziehung zu Amyloid-Beta: Je stärker es akkumuliert, desto mehr schwindet die Aktivität der langsamen Non-REM-Wellen im Frequenzbereich von 1 bis 2 Hertz.

tau statt Amyloid-Beta – dann sind die Messergebnisse stärker valide

Doch wie Autopsien gezeigt haben, stehen die tau-Fibrillen in einem viel engeren Zusammenhang mit den Alzheimer-Symptomen als die senilen Plaques. „Weil tau deutlicher als Amyloid-Beta mit dem kognitiven Abbau assoziiert ist, haben wir die Hypothese aufgestellt, dass dies für die Abnahme der langsamen Non-REM-Wellen ebenfalls gilt“, schreiben die Forscher.

Diesen Ansatz haben sie bei 119 Teilnehmern untersucht, die durchweg über 60 Jahre alt und überwiegend – zu 80% – kognitiv normal waren, die übrigen geringfügig beeinträchtigt. Eine Woche lang trugen sie Stirnbänder mit EEG-Monitoren sowie am Handgelenk Armbanduhr-ähnliche Sensoren (Aktigraphen), die ihre Körperbewegungen registrierten.

 
Die Reduktion der Wellen könnte den Übergang zur klinisch manifesten Erkrankung markieren. Prof. Dr. Brendan P. Lucey
 

Weiterhin sollten sie protokollieren, wann und wie lange sie nachts und tags schliefen. Bei 38 Probanden wurden mit PET nach der Injektion radioaktiver Farbstoffe die tau- und Amyloid-Beta-Ablagerungen sichtbar gemacht, bei 104 Liquorproben entnommen, bei 27 beides.

Die Patienten versuchen, den schlechten Schlaf durch Verlängerung zu kompensieren

Die Resultate nach Abgleich von Variablen wie Geschlecht, Alter und Bewegungen im Schlaf: Eine abnehmende Aktivität der langsamen Wellen im Tiefschlaf ging mit erhöhten tau-Spiegeln im Gehirn einher. Ebenso stand das Bedürfnis, sich tagsüber ein- oder mehrmals hinzulegen, signifikant mit einer hohen tau-Akkumulation in Zusammenhang.

Daher der Vorschlag der Forscher: Mit der einfachen Frage ‚Wie oft und wie lange machen Sie tagsüber ein Nickerchen?‘ könnten Ärzte jene Patienten herausfiltern, die eventuell von weiteren Tests profitieren.

„Interessant ist, dass wir die inverse Beziehung zwischen langsamen Wellen und tau-Protein bei kognitiv normalen oder nur gering beeinträchtigten Probanden beobachtet haben. Das heißt: Die Reduktion der Wellen könnte den Übergang zur klinisch manifesten Erkrankung markieren“, wird Lucey in einer Mitteilung der Washington University School of Medicine zitiert.

 
Vorteil ist, dass die Messungen im Zeitverlauf wiederholt werden können, und wenn sich das Schlafverhalten ändert, wäre das für den Arzt ein Warnzeichen. Prof. Dr. Brendan P. Lucey
 

Ein Schlaf-EEG komme daher als nicht-invasives Verfahren zum Alzheimer-Screening in Frage, und zwar vor oder gerade in jener Phase, wenn jemand Probleme mit Erinnerung und Denken entwickelt.

Das Schlafmuster kann ohne großen Aufwand regelmäßig untersucht werden

Der springende Punkt: Nicht etwa zu kurzer Schlaf, sondern eine mangelnde Schlafqualität, wie sie sich in einer Abnahme der langsamen Wellen in den Tiefschlaf-Intervallen widerspiegelt, ist negativ mit erhöhtem tau korreliert.

Eine Vermehrung der tau-Fibrillen habe zur Folge, dass die Patienten eine längere Nachtruhe und tagsüber mindestens ein Nickerchen brauchen, aber Erholung finden sie trotzdem nicht, so Lucey in der Mitteilung.

Der Neurologe und Schlafmediziner erwartet nicht, dass eine Analyse der Schlafmuster bildgebende Verfahren oder Liquortests ersetzt, sondern sieht sie als Ergänzung, wenn nach ersten Indikatoren für eine Alzheimer-Demenz gefahndet wird. „Vorteil ist, dass die Messungen im Zeitverlauf wiederholt werden können, und wenn sich das Schlafverhalten ändert, wäre das für den Arzt ein Warnzeichen, genauer nachzuschauen, was im Gehirn vor sich geht.“

 

Kommentar

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