Erhöhtes CRP kann ein Hinweis auf Lungenkrebs sein – taugt es als erster Screening-Test?

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

19. Februar 2019

Die Menge an zirkulierendem C-reaktivem Protein (CRP) bei Rauchern und Ex-Rauchern ist tatsächlich mit dem Auftreten verschiedener Lungenkrebsarten assoziiert. Dies belegt eine prospektive Kohortenstudie mit 5.299 Fällen aus 20 Zentren. Dieser Zusammenhang gilt allerdings nicht für Nichtraucher und Adenokarzinome. Die Studie ist im British Medical Journal erschienen [1].

„Diese Ergebnisse sind nicht wirklich neu, aber die große Fallzahl untermauert die Aussagen und rechtfertigt die Veröffentlichung in einem hochklassigen Journal“, bewertet Prof. Dr. Stefan Delorme, stellvertretender Leiter der Abteilung Radiologie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), Heidelberg, die Studie.

Lungenkrebs in Krankenakte führte zu CRP-Test an archivierter Blutprobe

Von den Studienkohorten, die zu etwa 2 Dritteln aus westlichen und einem Drittel aus asiatischen Ländern stammten, standen zu Studienbeginn bereits tiefgefrorene Blutproben zur Verfügung. In den Krankenakten der Kohorten fand die internationale Forschergruppe um Erstautor Dr. David C. Muller, Abteilung genetische Epidemiologie, International Agency for Research on Cancer, Lyon, Frankreich, insgesamt 5.299 Fälle von Lungenkrebs, jeweils diagnostiziert als C34.0 bis C34.9 nach ICD-O-2. Darunter waren etwa 38% Adenokarzinome, 9% kleinzellige, 3% großzellige, 16% Plattenepithelkarzinome, 11% andere bzw. 22% nicht vorliegende histologische Diagnosen.

 
Allein aufgrund eines hohen CRP-Wertes bei einem Raucher eine CT-Untersuchung durchzuführen, wäre unangemessen. Prof. Dr. Stefan Delorme
 

„Tatsächlich beobachten wir in der Praxis einen Shift hin zu mehr Adenokarzinomen bei Rauchern“, berichtet Delorme. „Als mögliche Erklärung wird ein höherer Konsum an ‚Light‘-Zigaretten diskutiert, deren Rauch tiefer inhaliert wird, wo aufgrund des Epithelbesatzes das Auftreten von Adenokarzinomen wahrscheinlicher ist. Plattenepithelkarzinome hingegen entstehen eher in den zentralen Atemwegen. Ob dies allein zur Erklärung ausreicht, ist aber nicht klar. “

Jedem Patienten mit Lungenkrebs ordneten die Forscher eine dem Geschlecht, Alter und Rauchstatus entsprechende Kontrollperson der Kohorten zu. Beide Geschlechter waren etwa gleich häufig vertreten und das durchschnittliche Alter lag bei 60 Jahren. Nach dokumentierter Eigenangabe waren etwa die Hälfte der Kohorten Raucher und jeweils ein Viertel Ex- bzw. Nichtraucher.

Somit verglich die Studie die CRP-Werte von insgesamt 5.299 Patienten mit Lungenkrebs und ebenso vielen entsprechenden gesunden Kontrollpersonen und errechnete die Zusammenhänge zwischen CRP-Werten, Alter der Blutprobe, Rauchstatus und Art des Lungenkrebses.

„Sowohl der niedrige Preis als auch die unkomplizierte Verfügbarkeit von hsCRP-Tests bringen diese als Biomarker für Lungenkrebs in die Diskussion“, äußern die Studienautoren. „Uns interessierten vor allem die Zusammenhänge zwischen den hsCRP-Werten im Blut und dem Lungenkrebsrisiko, unterteilt nach Rauchern, Exrauchern und Nichtrauchern.“

CRP-Werte höher bei (Ex-)Rauchern mit Lungenkrebs

Die Untersuchung zeigte, dass bei Rauchern und Exrauchern, bei denen Lungenkrebs diagnostiziert wurde, auch die CRP-Werte im Durchschnitt signifikant häufiger erhöht waren als bei entsprechenden gesunden Probanden.

Das galt besonders für solche Patienten, deren archivierte Blutprobe zum Testzeitpunkt weniger als 2 Jahre alt, also noch relativ „frisch“ war. Ein solcher Zusammenhang wurde demgegenüber bei Nichtrauchern und Patienten mit Adenokarzinomen der Lunge nicht gefunden.

Reicht der CRP-Wert zur Risiko-Stratifizierung?

„Die Fallzahl ist aufgrund der vielen einbezogenen Studien sehr hoch. Dies stützt zwar die statistische Aussagekraft der Studie“, räumt Delorme ein, „kann aber die praktische Aussagekraft des hsCRP-Wertes als Screening-Tool für Lungenkrebs nicht steigern.“

Der Radiologe, Mitglied der Strahlenschutzkommission, ist skeptisch: „Für ein Lungenkrebs-Screening ist ein Risikomodell erforderlich, um die Personen zu identifizieren, die hiervon profitieren. Darin gehen neben den Rauchgewohnheiten etliche andere Faktoren ein. Allein aufgrund eines hohen CRP-Wertes bei einem Raucher eine CT-Untersuchung durchzuführen, wäre unangemessen. Zu hoch ist das Risiko falsch-positiver Diagnosen aufgrund von benignen Lungenherden und damit unnötiger thoraxchirurgischer Eingriffe.“

 
Der CRP-Wert kann nur ein Puzzlestein von vielen in der komplexen Risikostratifizierung von Lungenkrebs sein. Prof. Dr. Stefan Delorme
 

„Dass zwischen einem erhöhten CRP-Wert und dem Auftreten von Adenokarzinomen ebenso wenig ein Zusammenhang gezeigt werden konnte wie zwischen einem erhöhten CRP-Wert und dem Auftreten von Lungenkrebs allgemein bei Nichtrauchern, das passt zusammen“, erläutern die Autoren in der Diskussion. „Schließlich sind Adenokarzinome bei Nichtrauchern der häufigste Typ von Lungenkrebs.“

Studie lässt für Raucher bedingte und für Nichtraucher keine Rückschlüsse zu

Für Menschen, die laut eigenen Aussagen Raucher oder Ex-Raucher sind, weist die Studie durchaus ein erhöhtes CRP-Level (durchschnittlich 1,1 µg/ml) als Risikoindikator aus. Leider wurden hier allerdings keine erst nach der Krebsdiagnose erhobenen CRP-Werte der Patienten einbezogen. Lediglich das Ergebnis, dass „frischere“ Blutproben, die bis zu 2 Jahre vor der Krebsdiagnose entnommen wurden, aussagekräftiger waren als ältere (bis zu 10 Jahre), kann auf einen prognostischen bzw. diagnostischen Wert eines aktuell erhobenen CRP-Levels schließen lassen.

Auch schränkt die Unmöglichkeit, ein Auftreten von Adenokarzinomen zu prognostizieren, die Aussagekraft des CRP-Wertes erheblich ein. Die Empfehlung der Autoren lautet deshalb, hsCRP-Untersuchungen nur bei Rauchern und Exrauchern als ergänzende Methode der Lungenkrebs-Detektion durchzuführen.

„Der CRP-Wert kann nur ein Puzzlestein von vielen in der komplexen Risikostratifizierung von Lungenkrebs sein“, urteilt Delorme abschließend. „Der Raucherstatus, das Lebensalter, die individuelle und familiäre tumorbezogenen Anamnese, die berufsbedingte Exposition z.B. mit Nickel und Cadmium sowie die Belastung mit Radon aus Baustoffen sind einige der Faktoren, die hierzu berücksichtigt werden müssen. Ob die Spezifität des CRP-Wertes für einen der verschiedenen Typen eines Lungenkarzinoms ausreichend ist, kann die Studie leider nicht wirklich belegen.“
 

Kommentar

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