Grippe bei Schwangeren: Viel öfter Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht und schlechte Apgar-Werte – „Impfung wichtig“

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

21. Januar 2019

Erkranken Frauen während der Schwangerschaft an einer schweren Influenza, steigt das Risiko, dass ihr Kind zu früh zur Welt kommt, ein geringes Geburtsgewicht oder schlechte Apgar-Werte hat. Das geht aus einer US-Studie hervor, die Wissenschaftler um Kim Newsome vom National Center on Birth Defects and Developmental Disabilities der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta jetzt im Fachblatt Birth Defects Research vorgestellt haben [1].

Der Untersuchung zufolge scheint sich insbesondere eine Infektion der Mutter während des ersten Schwangerschaftsdrittels negativ auf die Ungeborenen auszuwirken.

Auch die STIKO rät seit 2010 dazu, Schwangere gegen Grippe zu impfen

„Wirklich überraschend sind diese Ergebnisse natürlich nicht“, kommentiert Prof. Dr. Michael Abou-Dakn von der Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) im Gespräch mit Medscape die Studienergebnisse. „Jeder von uns Ärzten erwartet eigentlich, dass eine schwere echte Influenza der Mutter – also nicht nur ein grippaler Infekt – auch ihr ungeborenes Kind beeinflusst.“

Und gerade während der Schwangerschaft verlaufe eine Influenza oft schwerer als gewöhnlich, da das Immunsystem in dieser Zeit in der Regel heruntergefahren sei, um Abstoßungsreaktionen gegenüber dem ungeborenen Kind zu vermeiden, betont der Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am St. Joseph Krankenhaus Berlin.

Aus diesem Grund verfolge man, auch unter den niedergelassenen Gynäkologen, schon lange das Ziel, schwangere Frauen gegen Grippe zu impfen.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung seit Juli 2010 ebenfalls für alle Schwangeren ab dem 2. Schwangerschaftsdrittel, bei erhöhtem Risiko infolge eines Grundleidens bereits ab dem 1. Drittel. Darüber hinaus sei es ratsam, auch in der allgemeinen Bevölkerung für die Grippeschutzimpfung zu werben, um so das Risiko einer Ansteckung insgesamt, also auch für nicht geimpfte Menschen, gering zu halten, sagt Abou-Dakn. Dies gelte insbesondere für Menschen, die häufig Kontakt zu Schwangeren hätten.

Eine leichte bis mittelschwere Influenza beeinflusste die Ungeborenen nicht

Für die aktuelle Studie werteten die Forscher um Newsome an 5 US-Zentren Daten von 490 Neugeborenen aus, deren Mütter im Jahr 2009 schwanger gewesen waren und sich zwischen April und Dezember mit dem damals pandemisch verbreiteten H1N1-Virus infiziert hatten.

Als Vergleichsgruppen dienten zum einen 1.451 Frauen, die zur gleichen Zeit schwanger gewesen waren, sich aber nicht mit dem Grippevirus angesteckt hatten, und zum anderen 1.446 gesunde Frauen, die im Jahr zuvor schwanger gewesen waren. Dabei berücksichtigten Newsome und ihre Kollegen unter anderem das Alter und die Ethnizität ihrer Probandinnen.

Schon zuvor sei bekannt gewesen, dass eine Influenza bei werdenden Müttern das Risiko von Schwangerschaftskomplikationen erhöhe, schreiben die Wissenschaftler um Newsome. Mit ihrer aktuellen Studie hätten sie herausfinden wollen, ob und wie eine Grippe der Mutter darüber hinaus die Entwicklung und Gesundheit der Ungeborenen beeinflusse.

Wie die Daten der Forscher zeigen, wirkte sich eine Influenza nachteilig auf die Länge der Schwangerschaft, das Geburtsgewicht der Kinder und deren Apgar-Werte 5 Minuten nach der Geburt aus – allerdings nur dann, wenn die Erkrankung der Mütter so schwer verlaufen war, dass die Frauen auf der Intensivstation versorgt werden mussten.

Kinder, deren mit H1N1 infizierte Mütter nicht auf der Intensivstation beziehungsweise nicht einmal im Krankenhaus hatten liegen müssen, wiesen dagegen kein signifikant erhöhtes Risiko für die untersuchten Faktoren auf. Ihre Untersuchung habe damit im Wesentlichen die Ergebnisse früherer vergleichbarer Studien bestätigt, schreiben die Forscher.

Auf die Größe der Kinder wirkte sich die Erkrankung der Mutter nicht aus

Insgesamt mussten 64 der 490 nachweislich an Grippe erkrankten Probandinnen auf der Intensivstation behandelt werden. Das relative Risiko dieser Frauen, ihr Kind bereits vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt zu bringen, war gegenüber den beiden Vergleichsgruppen um den Faktor 3,9 erhöht.

 
Die Botschaft dieser Arbeit kommt mitten in der aktuellen Grippesaison, also genau zur richtigen Zeit. Prof. Dr. Sonja Rasmussen
 

In Bezug auf ein zu geringes Geburtsgewicht (< 2.500 g) war das relative Risiko bei ihnen um den Faktor 4,6 und hinsichtlich niedriger Apgar-Werte (< 6) um den Faktor 8,7 erhöht. Alle anderen mit H1N1 infizierten Frauen unterschieden sich bezüglich der Risiken für ihre Kinder nicht wesentlich von den Vergleichsgruppen.

Auf die Größe der Neugeborenen hatte selbst eine schwere Influenza der Mutter – anders als in früheren Studien – dagegen keinen Einfluss.

Die Seniorautorin der Studie, Prof.Dr. Sonja Rasmussen, die kürzlich von den CDC an das College of Medicine und das College of Public Health and Health Professions der University of Florida gewechselt ist, sieht in der Untersuchung ebenfalls einen Beleg für die Wichtigkeit der Grippeimpfung bei schwangeren Frauen. „Die Botschaft dieser Arbeit kommt mitten in der aktuellen Grippesaison, also genau zur richtigen Zeit“, wird Rasmussen in einer Pressemitteilung des Wiley-Verlags zitiert [2], der auch die Zeitschrift Birth Defects Research herausgibt.

 
Unsere Ergebnisse zeigen daher, wie wichtig es ist, schwangere Frauen gegen Grippe zu impfen (…) Prof. Dr. Sonja Rasmussen
 

Ihre Studie habe ergeben, dass Schwangere, die während der H1N1-Pandemie im Jahr 2009 schwer an Grippe erkrankt gewesen seien, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als nicht infizierte Frauen ihre Kinder vorzeitig oder mit einem zu geringen Geburtsgewicht zur Welt gebracht hätten. „Unsere Ergebnisse zeigen daher, wie wichtig es ist, schwangere Frauen gegen Grippe zu impfen und sie bei einem Verdacht auf Influenza rasch mit antiviralen Medikamenten zu behandeln“, betont Rasmussen.

Virenhemmende Arzneien sollten auch bei Schwangeren zum Einsatz kommen

Auch der DGGG-Experte Abou-Dakn spricht sich dafür aus, eine Grippe in der Schwangerschaft konsequent zu therapieren. „Aus Sorge um das Ungeborene sollte man nicht auf die Gabe entsprechender Medikamente verzichten – im Gegenteil“, betont der Mediziner. Dabei komme es zwar auch ein wenig auf die Schwangerschaftswoche an, räumt Abou-Dakn ein. Gerade in der Frühschwangerschaft seien antivirale Medikamente, die ja oft auf DNA-Basis wirkten, nicht ganz unbedenklich. „Bevor es jedoch zu einer ernsthaften Gefährdung der Mutter kommt“, so die Überzeugung des Gynäkologen, „sollte man sie entsprechend behandeln.“

 

Kommentar

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