In-vitro-Fertilisation: Kohortenstudie findet keine höheren Geburtsrisiken – Experten äußern Zweifel

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

17. Januar 2019

Entscheiden sich Paare für eine In-vitro-Fertilisation (IVF), müssen sie bei ihrem Kind nicht – wie früher angenommen – mit einem Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm oder einer Frühgeburt vor der 37. Schwangerschaftswoche rechnen. Das berichtet Dr. Alice Goisis von der Abteilung für Social Policy der London School of Economics and Political Science zusammen mit Kollegen in The Lancet  [1]. Basis ihrer Veröffentlichung ist eine finnische populationsbasierte Kohorte mit knapp 66.000 Kindern. 

„Paare mit bisher unerfülltem Kinderwunsch müssen sich nicht mehr gegen eine künstliche Befruchtung entscheiden, weil sie dadurch vermeintlich die Geburtsrisiken für ihr Kind erhöhen“, sagt Coautor Dr. Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in einer Meldung.

Geschwistervergleich bringt neue Erkenntnisse

Über die Erkenntnis dürften sich viele Paare freuen. Allein in Deutschland unterziehen sich pro Jahr etwa 63.000 Frauen einer IVF. Ärzte warnten sie bislang vor Folgen wie Frühgeburten oder einem niedrigen Geburtsgewicht. Ob es tatsächlich Zusammenhänge gibt, war und ist umstritten. Literaturrecherchen lieferten laut Goisis und Kollegen aber kein klares Bild.

 
Paare mit unerfülltem Kinderwunsch müssen sich nicht mehr gegen eine künstliche Befruchtung entscheiden, weil sie vermeintlich die Geburtsrisiken für ihr Kind erhöhen. Dr. Mikko Myrskylä
 

Deshalb hat das Forscherteam Daten aus finnischen Verwaltungsregistern analysiert. Ihre Stichprobe umfasste 20% aller Haushalte mit mindestens einem Kind im Alter von 0 bis 14 Jahren (n = 65.723). Zwischen 1995 und 2000 wurden 2.776 (4%) aller Kinder in der Stichprobe durch Eingriffe der Reproduktionsmedizin gezeugt.

Goisis und Kollegen berichten, dass die IVF-Subgruppe tatsächlich ein signifikant niedrigeres Geburtsgewicht (minus 60 g) hatte. Auch das Risiko von Fehlgeburten war 2,15% höher als bei Kindern, die auf natürlichem Wege gezeugt worden waren.

Analysen der Daten von 1.245 Geschwistern, von denen jeweils mindestens eins natürlich und eins künstlich gezeugt worden war, relativierten die Aussage jedoch. Im Ergebnis verringerten sich mögliche Risiken durch künstliche Befruchtung sowohl beim Geburtsgewicht (minus 31 g) als auch für Frühgeburten (1,56%) deutlich, verglichen mit natürlich gezeugten Geschwistern. Das Verfahren, Geschwister zu vergleichen, ist etabliert, um die Ursachen gesundheitlicher Risiken zu bestätigen oder auszuschließen.

Da sich Eltern von einer Geburt zur nächsten kaum verändern würden, sei der Effekt künstlicher Befruchtungen der einzige wesentliche Unterschied zwischen Geschwistern, so die Autoren. Ein höheres Risiko vor Durchführung des Geschwistervergleichs sei damit nicht auf IVF zurückzuführen. Worin die Ursache für das höhere Risiko liegt, wissen die Forscher derzeit nicht. „Vermutlich spielt die reduzierte Fruchtbarkeit selbst eine Rolle“, spekuliert Goisis. Ihr Fazit nach Abschluss der Untersuchungen: „Bei der Entscheidung für eine künstliche Befruchtung muss niemand mehr das Gefühl haben, willentlich die Gesundheit des Kindes zu gefährden.“

Mehrere Einflussfaktoren nicht ausreichend berücksichtigt?

Dr. Norbert Gleicher und Dr. David H. Barad vom Center for Human Reproduction, New York, sind vom Ergebnis kaum überrascht. „Obwohl diese Studie nicht viele neue Erkenntnisse liefert, ist sie wichtig, da sie weitere Beruhigungen über IVF, insbesondere als medizinische Behandlung bietet, die in einigen Ländern inzwischen fast 5 Prozent aller Geburten ausmacht“, schreiben sie in einem Editorial [2].

 
Obwohl die Studie nicht viele neue Erkenntnisse liefert, ist sie wichtig, da sie weitere Beruhigung zur In-vitro-Fertilisation bietet. Dr. Norbert Gleicher und Dr. David H. Barad
 

An den Ergebnissen bleiben ihnen einige Zweifel: „Aufgrund der Komplexität der Humanbiologie und der Variabilität von Behandlungen ist hier noch nicht das letzte Wort gesprochen“, vermuten die Kommentatoren.

Im Vergleich zu bekannten britischen und amerikanischen Kohorten sei die finnische Population zwar „ungewöhnlich homogen“. Trotzdem könne man weitere, nicht hinlänglich untersuchte Effekte nicht völlig ausschließen. In dem Zusammenhang nennen Gleicher und Barad ein hohes Geburtsgewicht nach Übertragung von kryokonservierten Embryonen.

Sie berichten auch von epigenetischen Veränderungen bei Embryonen nach längerer Kultur in vitro. „Unterschiede bei der Kryokonservierung beziehungsweise der Blastozysten-Kultur beeinflussen möglicherweise die Ergebnisse einer IVF“, lautet ihr Fazit.

 
Die Studie verfügt möglicherweise nicht über ausreichende statistische Daten, um Effekte zu entdecken, die auf ethnische Subgruppen oder auf verschiedene IVF-Techniken zurückgehen. Dr. Norbert Gleicher und Dr. David H. Barad
 

Als weitere Schwäche wird im Kommentar der IVF-Zeitraum zwischen 1995 und 2000 genannt. Die damaligen Verfahren würden sich von der aktuellen Praxis stark unterscheiden, schreiben die Editorialisten. Und nicht zuletzt fragen sie sich, welche Rolle unentdeckte Erkrankungen spielen. Ein Schwangerschaftsdiabetes der angehenden Mutter erhöht das Risiko von Makrosomien. Die ethnische Herkunft bestimmt wiederum die Prävalenz von Schwangerschaftsdiabetes und damit auch die von Makrosomien.

„Trotz ihres großen Umfangs verfügt die Studie von Goisis und Kollegen möglicherweise nicht über ausreichende statistische Daten, um Effekte zu entdecken, die entweder auf ethnische Subgruppen oder auf verschiedene IVF-Techniken zurückzuführen sind“, resümieren Gleicher und Barad. Weitere Studien seien erforderlich. „Bis dahin wird sich die Frage, ob Fruchtbarkeitsbehandlungen Nachkommen negativ beeinflussen, weiter stellen.“

 

Kommentar

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