„Mona Lisa“ entzaubert: Ihr „magischer Blick“ ist ein Mythos und ihr Aussehen womöglich Folge einer Hypothyreose

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

11. Januar 2019

Der „magische Blick“ von Leonardo da Vincis berühmtem Ölgemälde „Mona Lisa“ ist nur ein Mythos, berichten Prof. Dr. Gernot Horstmann von der Universität Bielefeld und Kollegen in i-Perception[1]. Auf Basis von 2.000 Einschätzungen errechneten sie einen fixen Blickwinkel von 15,4 Grad. Die Augen „folgen“ den Betrachtern also nicht. Den nach dem Gemälde benannten Mona-Lisa-Effekt gibt es bei Leonardos Werk somit gar nicht.

Und: Warum das Äußere von Lisa del Giocondo die Betrachter so fasziniert (die Florentinerin war vermutlich da Vincis Modell), könnte an einer Hypothyreose liegen. Das vermuten zumindest Forscher um die Erstautorin Dr. Mandeep R. Mehra vom Brigham and Women's Hospital and Harvard Medical School, Boston, USA, in den Mayo Clinic Proceedings[2].

Forscher wollten Zweifel an dem Effekt bei dem Gemälde überprüfen

Der „Mona-Lisa-Effekt, also der Eindruck, dass die Augen eines Portraits einem Betrachter folgen, „ist ein bekanntes Phänomen, das vor allem bei Avataren eine Rolle spielt“, sagt Horstmann zu Medscape. „Es tritt immer dann auf, wenn eine Person gerade auf den Betrachter oder bei Fotos auf die Kamera schaut.“

Horstmann weiter: „In der Werbung wird der Effekt viel genutzt, fühlt man sich doch von einem Werbeplakat auch angeschaut, wenn man nur schräg davorsteht.“ Ähnliches gelte für den ausgestreckten Zeigefinger auf dem bekannten Plakat „I want you for U.S. Army“.

 
Damit steht fest: Der Begriff Mona-Lisa-Effekt ist ein Misnomer – eine Falschbezeichnung. Prof. Dr. Gernot Horstmann
 

„Der Effekt selbst ist ja tatsächlich nachweisbar“, sagt Coautor Dr. Sebastian Loth von der Universität Bielefeld. „Doch gerade bei Mona Lisa hatten wir nicht das Gefühl, dass sie uns anschaut.“

Um ihre Hypothese zu prüfen, rekrutierten beiden Wissenschaftler 24 Testpersonen. Im Labor mussten sie nicht nur das bekannte Bild im Ganzen beurteilen, sondern bekamen 15 verschiedene Ausschnitte. Die Probanden saßen direkt vor einem Bildschirm mit einem Meterstab. Ihre Aufgabe war, den Blickwinkel von „Mona Lisas“ Augen anzugeben. Nach Abschluss des Experiments standen mehr als 2.000 Messergebnisse zur Verfügung.

Übereinstimmend wurde ein Blickwinkel nach rechts aus Sicht des Betrachters genannt, der Wert lag im Schnitt bei 15,4 Grad. „Damit steht fest: Der Begriff Mona-Lisa-Effekt ist ein Misnomer – eine Falschbezeichnung“, schlussfolgert Horstmann in Bezug auf das Gemälde.

Rätselhaftes Aussehen Folge einer Hypothyreose?

Betrachter fasziniert aber nicht nur der Augenbereich, sondern auch das rätselhafte Äußere der „Mona Lisa“. Kunsthistoriker gehen heute davon aus, dass das Portrait Lisa del Giocondo (geb. Lisa Gherardini; 1479-1542) zeigt. Ihr Mann, ein Tuch- und Seidenhändler aus Florenz, soll das Werk im Jahr 1502 nach der Geburt eines Kindes beauftragt haben.

„Wir glauben, dass das Rätsel der ‚Mona Lisa‘ durch eine simple medizinische Diagnose erklärt werden kann“, schreiben Mehra und Kollegen. Wahrscheinlich handele es sich um eine Hypothyreose als Folge einer Postpartum-Thyreoiditis. Die Erkrankung tritt einige Wochen bis Monate nach der Geburt auf und gehört zu den Autoimmunerkrankungen.

Die Autoren führen mehrere Belege für ihre Hypothese an. Dazu gehört eine gelbliche Verfärbung der Haut, die bekanntermaßen bei Hypothyreosen aufgrund einer schlechteren hepatischen Umwandlung von Carotin in Vitamin A auftritt. Serumcarotin lagert sich im Stratum corneum ab. Der schwarze Schleier und die scheinbar hohe Stirn weisen auf möglichen Haarausfall hin. Und am Hals finden die Autoren Hinweise auf diffuse Vergrößerungen wie eine Struma.

 
Wenn Lisa Gherardini tatsächlich an einer schweren Hypothyreose … litt, kann das mysteriöse Lächeln als psychomotorische Verlangsamung und Muskelschwäche gedeutet werden. Dr. Mandeep R. Mehra und Kollegen
 

Sie schreiben, Jodmangel sei zur damaligen Zeit in der Region üblich gewesen, fast alle Menschen hätten sich überwiegend vegetarisch ernährt. „Wenn Lisa Gherardini tatsächlich an einer schweren Hypothyreose oder ihren Folgen litt, kann das mysteriöse Lächeln als psychomotorische Verlangsamung und Muskelschwäche gedeutet werden“, heißt es weiter. Ob die Hypothyreose wirklich mit einer Geburt in Zusammenhang stand, lässt sich nicht zweifelsfrei belegen. Die Autoren können nicht ausschließen, dass eine primär biliäre Zirrhose zur Schilddrüsenerkrankung geführt hat.

Familiäre Hyperlipidämie eher unwahrscheinlich

Mehra und Kollegen halten frühere Vermutungen, Lisa Gherardini habe an einer familiärer Hyperlipidämie und Atherosklerose gelitten, für wenig plausibel. Die Portraitierte starb laut Eintragungen im Klostermatrikel mit 63 Jahren. „Es erscheint uns ungewöhnlich, wenn nicht gar unmöglich, dass sie mit unbehandelter Atherosklerose aufgrund einer genetisch bedingten Hyperlipidämie dieses Alter erreicht hätte“, stellen sie fest. Vielmehr erklären sie Zeichen der Hyperlipidämie im Gemälde, etwa ein Xanthelasma oder eine Schwellung im Dorsum der rechten Hand, mit der Hypothyreose.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....