Ethikdebatte zur Widerspruchslösung bei der Organspende: Moralische Pflicht oder moralische Nötigung?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

8. Januar 2019

Wem gehört der hirntote Patient? Könnte er als Gemeineigentum der Gesellschaft betrachtet werden und zur Organentnahme zur Verfügung stehen, nur weil der Mensch, dessen Körper der Leichnam einmal war, nicht widersprochen hat?

Jens Spahn
© Stephan Baumann

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU, meint: ja. Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht, dass seine Organe als Spende zur Verfügung stehen, oder wenn seine Angehörigen nach dem Hirntod dies nicht ablehnen, dann können die Organe entnommen und Schwerkranken eingepflanzt werden. So will es die sogenannte doppelte Widerspruchslösung.

Nach dem Willen des Bundesgesundheitsministers muss also jeder Bundesbürger eine Entscheidung treffen. „Die doppelte Widerspruchslösung ist kein Zwang zur Spende. Sondern der Zwang, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen“, sagte Spahn Ende November im Deutschen Bundestag. „Ich finde, das müssen wir uns zumuten. Die 10.000 Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, müssen es uns wert sein.“

 
Ich finde, das müssen wir uns zumuten. Die 10.000 Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, müssen es uns wert sein. Jens Spahn
 

Im Deutschen Ethikrat indessen ist die doppelte Widerspruchslösung sowohl aus juristischen Gründen als auch aus medizinischen Gründen umstritten. Das zeigte das Forum Bioethik des Deutschen Ethikrates Mitte Dezember in Berlin [1].

Für die doppelte Widerspruchslösung argumentierten der Hamburger Jurist, Prof. Dr. Reinhard Merkel und der Arzt und Humangenetiker, Prof. Dr. Wolfram Henn von der Uniklinik des Saarlandes, beide Mitglieder des Ethikrates.

Der Körper des Menschen sei keine Angelegenheit des Eigentumsrechts, sondern vielmehr des Persönlichkeitsrechts, betonte Merkel. Und dieses Recht schütze vor allem die Freiheit der Person, und: Es gilt über den Tod hinaus.

 
Die Bundesbürger stehen sozusagen sich selbst gegenüber in der Pflicht, angesichts der Not von täglich 3 Menschen, die sterben, weil sie kein Organ bekommen. Prof. Dr. Reinhard Merkel
 

Merkel sieht also keine Rechtspflicht zur Organspende. Jeder Mensch könne sich verbitten, aus der Not der anderen heraus eine Erklärung abgeben zu müssen. Trotzdem haben die Bundesbürger „sozusagen sich selbst gegenüber eine Pflicht, angesichts der Not von täglich 3 Menschen, die sterben, weil sie kein Organ bekommen, sich selbst darüber klar zu werden, ob nach ihrem Tod ihre Organe sozusagen dem Verfall im Sarg preisgegeben werden oder vielleicht Leben retten sollen!“, sagte Merkel.

Wer aus welchen Gründen auch immer nicht spenden möchte, habe aber jedes Recht, nicht nach Begründungen gefragt zu werden.

Die moralische Pflicht

Merkel sieht also im Zusammenhang mit der Organspende eine mögliche moralische Pflicht zur Solidarität aus Opferbereitschaft „für einen unbekannten Fremden“, wie er sagt. Denn auch, wenn der Empfänger ein unbekannter Dritter ist – eines ist Spendern und Empfängern gemeinsam: Sie sind verletzbar und bedürftig. Daraus leitet Merkel eine Pflicht zur „gesellschaftlichen Minimalsolidarität“ der Bürger ab. Wer sie ignoriere, handele gleichgültig und damit unethisch. „Vor diesem Hintergrund ist die Widerspruchslösung rechtlich ohne Weiteres legitim“, so Merkel.

Mehr noch: Wer zur Spende schweige, stimme ihr zu. Auch diese Regelung hält Merkel für „rechtsethisch geboten“. Schließlich kenne das Rechtssystem auch andere solidarische Hilfspflichten, zum Beispiel die Pflicht zur Hilfeleistung oder die Autopsie eines Leichnams, wenn der Verdacht auf ein Verbrechen bestehe. Ebenso könne man auch verlangen, dass sich jeder Bürger zur Organentnahme erkläre.

Prof. Dr. Wolfram Henn, ein „stinknormaler Kassenarzt“ wie er sagte, argumentierte aus dem Eindruck seiner Patientenbegegnungen heraus ebenfalls für die Widerspruchslösung. So gingen mit der derzeit gültigen Zustimmungsregelung brauchbare Organe verloren, weil sich ihre potentiellen Spender nie erklärt hätten, bedauerte Henn. Er zitierte einen seiner Patienten mit den Worten: „Verstehen Sie, warum das Herz, das mir das Leben retten könnte, von Staats wegen verbuddelt oder verbrannt wird, obwohl keiner was dagegen hatte?“

Nach Henns Auffassung von mündigen Bürgerinnen und Bürgern ist es ethisch „nicht bloß akzeptabel, sondern geboten, den Verzicht auf ein ablehnendes Votum durch den verstorbenen Menschen und seine Angehörigen in der Güterabwägung mit dem Leben eines transplantationsbedürftig kranken Menschen als Akzeptanz zu bewerten.“ Damit werde nicht das Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt, meint Henn. Wenn jemand zum Beispiel auf ein Testament verzichte, werde sein Nachlass ja auch nach allgemeinen Regeln verteilt.

 
Es ist nicht bloß akzeptabel, sondern geboten, den Verzicht auf ein ablehnendes Votum … in der Güterabwägung mit dem Leben eines transplantationsbedürftig kranken Menschen als Akzeptanz zu bewerten. Prof. Dr. Wolfram Henn
 

„Ja zur doppelten Widerspruchslösung“, lautete also Henns Votum. Aber: Die Organisation der Spende und die Aufklärung der potentiellen Spender in den Kliniken müsse unbedingt verbessert werden, auch wenn es nicht um „die Turbomaximierung von Spenderernten“ gehen dürfe. Henn kann sich auch zusätzliche Pflichtaufklärung in Fahrschulen vorstellen oder die Pflicht, sich bei der Beantragung eines Personalausweises für oder gegen die Organspende auszusprechen.

„Die Allgemeinheit hat das Recht, dies zu fordern“, sagt Henn. Den derzeit üblichen Organspende-Ausweis indessen bezeichnete der Mediziner als „hoch suggestives Papier“, weil es das Nein zur Spende nur mit einer kleinen Notiz auf der Rückseite des Ausweises berücksichtige, während auf dem Logo bereits das Wort „Organspende“ prangt. Henn schlägt vor, folgenden Text auf die Vorderseite des Ausweises zu schreiben: „Ihre Entscheidung für oder gegen eine Entnahme von Organen nach der Feststellung des Hirntods.“

Maßstab ist das Grundgesetz!

Gegen die doppelte Widerspruchsregelung nach Spahn´scher Manier sprechen sich dagegen der Kölner Staatsrechtler Prof. Dr. Wolfram Höfling und die Göttinger Medizinethikerin Prof. Dr. Claudia Wiesemann aus.

Der Staatsrechtler Höfling hält die Hirntod-Konzeption für „nicht tragfähig“. Deshalb könne man die Widerspruchslösung verfassungsrechtlich nicht zulassen. Denn der Artikel 2, Absatz 2, Satz 1 des Grundgesetzes garantiere das „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Bei brüchiger Hirntod-Konzeption sei dieses Recht natürlich nicht einlösbar. Wie solle man Leben und Unversehrtheit garantieren, wenn man nicht wisse, ob ein Organspender wirklich tot sei?

Das Grundgesetz aber müsse als Verfassung über allen anderen Gesetzen stehen. Nun auf eine moralische Pflicht zu setzen, wie es der Jurist Reinhard Merkel tut, dränge das Recht auf Leben quasi hinter die Moral zurück, und marginalisiere es dadurch, meint Höfling.

Mehr noch: Im Falle einer Widerspruchslösung könnten dann Organspender bei der intensivmedizinischen Transplantationsvorbereitung an ihrem Körper auch nicht mehr stumm darauf vertrauen, dass ihre Unversehrtheit und Integrität gewahrt werde. Sondern sie müssten der Behandlung in gesunden Tagen widersprochen haben, um sie nun abzuwehren. Für Höfling eine „zynische“ Lösung. Das gelte umso mehr, als dass mögliche Spender schon Tage vor der Entnahme „organpräventiv“ behandelt würden.

 
Wenn wir nicht ein System schaffen, in dem alle Beteiligten glauben, es geht gut, gerecht und mit rechten Dingen zu, werden wir in Deutschland nicht zu einem angemessenen Spender-Aufkommen kommen. Prof. Dr. Wolfram Höfling
 

So könne im Krankenhaus die medizinische Behandlung von Organspendern beeinflusst werden, wenn diese in gesunden Tagen nicht widersprochen haben und nun als Spender gelten müssen. Da bekomme die Debatte „einen ganz anderen Spin“, deutete Höfling an. Was er damit wohl meint: Die Behandlung könne dann mehr dem bald hirntoten Patienten gelten als dem noch lebenden.

Insgesamt kritisiert er die „moralpädagogische Beeinflussung“ der Debatte um die Widerspruchslösung und bezeichnet die überaus bedenkliche „Nudging-Kampagne“ (eine Kampagne des „Anstupsens“) im Zusammenhang mit der Widerspruchslösung als „öffentliche moralische Nötigung“.

Die Frage sei längst, ob man nicht schon den Respekt verloren habe vor den Nichtspendern, die auch gute moralische Gründe haben, so Höfling: „Wenn wir nicht ein System schaffen, in dem alle Beteiligten glauben, es geht gut, gerecht und mit rechten Dingen zu, werden wir in Deutschland nicht zu einem angemessenen Spender-Aufkommen kommen.“

Sinkende Kontaktquote in den Krankenhäusern

Wiesemann vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, der Universität Göttingen, sieht das Problem in den Entnahme-Klinken und nicht in der Bevölkerung. Welches Problem soll die Widerspruchsregelung eigentlich lösen, fragt sie. In der mangelnden Bereitschaft der Öffentlichkeit liege das Problem nicht. „Wir sind als Bevölkerung nicht so schlecht wie unser Ruf“, so Wiesemann.

Das Problem sei vielmehr die sinkende Kontaktquote in den Krankenhäusern. „Der Rückgang der postmortalen Organspenden beruht auf einem Erkennungs- und Meldedefizit der Entnahmekrankenhäuser“, so Wiesemann. Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) stiegen nämlich die Zahlen derer an, die zu einer Organentnahme in den Kliniken bereit seien, während die tatsächliche Entnahmequote sinke.

Als 2012 die Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern Pflicht wurden, seien die Spenderzahlen sogar noch mehr gesunken, sagt Wiesemann.

Warum ist das so? Weil das Verhältnis der Mitarbeiter zur Organspende in den Entnahmekliniken letztlich ungeklärt sei, meint die Göttinger Professorin. Wiesemann sieht die Ärzte und Pflegenden in den Krankenhäusern hier in einem vierfachen Konflikt:

  • Einerseits sollen sie für den Patienten sorgen – und sollen sich zugleich für den unbekannten Empfänger seiner Organe engagieren.

  • Zweitens gehe auch von einem hirntoten Leib der Appell aus, nicht zu verletzen – trotzdem werden seine Organe dem Appell zum Trotz entnommen.

  • Drittens zweifeln viele Ärzte und Pflegenden selbst am Konzept des Hirntodes, wie laut Wiesemann Studien belegen.

  • Und viertens stehen die Ärzte und Pflegenden zwischen ihren medizinischen Entscheidungen einerseits und dem Rentabilitätsdruck der Krankenhäuser andererseits.

„Das sind substantielle organisationsethische Probleme“, sagte Wiesemann. „Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende, die sich an der Identifikation potenzieller Spender und der Organentnahme beteiligen, sind mit moralischen Verpflichtungen konfrontiert, die einander widersprechen. Diese organisationsethischen Konflikte müssen anerkannt und gelöst werden. Die Einführung der Widerspruchsregelung dagegen verortet das Problem falsch und trägt dazu bei, die eigentlichen Konflikte zu verschleiern.“

 
Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende, die sich an der Identifikation potenzieller Spender und der Organentnahme beteiligen, sind mit moralischen Verpflichtungen konfrontiert, die einander widersprechen. Prof. Dr. Claudia Wiesemann
 

Unterdessen hat sich eine Gruppe von Bundestagabgeordneten um die Grünen-Chefin Annalena Baerbock und des CSU-Abgeordneten Stephan Pilsinger fraktionsübergreifend zusammengefunden und gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen. Das berichtet zum Beispiel das Deutsche Ärzteblatt.

Die Abgeordneten favorisieren stattdessen eine Entscheidungslösung: Wenn ein Bürger einen neuen Ausweis abholt, soll er sich für oder gegen die Organspende entscheiden. Seine Wahl wird dann in einem bundesweiten Register dokumentiert. Beim Antrag auf den Ausweis, sollen die Bürger zuvor gründlich informiert werden.

 

Kommentar

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